Russlands imperiales Syndrom

Leonid Luks27.05.2015Gesellschaft & Kultur

Der nationalpatriotische Geist Russlands gewinnt weiter an Kraft. Der Sieg gegen Hitler-Deutschland prägt das Selbstverständnis russischer Patrioten, nicht die Niederlage im Kalten Krieg.

Seit der Auflösung der Sowjetunion gehören die Parallelen zwischen dem postsowjetischen Russland und der Weimarer Republik zum ständigen Repertoire der russischen und der westlichen Publizistik. Die Ähnlichkeiten sind auf den ersten Blick in der Tat verblüffend. Wie damals in der Weimarer Republik assoziiert sich auch im postkommunistischen Russland die Demokratie für ihre Kritiker mit dem Zusammenbruch der hegemonialen Stellung beider Länder auf dem europäischen Kontinent, mit dem Verlust von Territorien und mit der Entstehung einer neuen Diaspora.

Das neue Russland auf Sand gebaut

Der plötzliche Untergang der zweitgrößten Macht der Welt, die allen Nachbarn Furcht und Respekt einflößte, stellt für die russischen „Nationalpatrioten“ einen ähnlich unfassbaren Vorgang dar wie es die Niederlage der angeblich „im Felde unbesiegten Nation“ für die Weimarer Rechte war. Hinter dem, was mit der Gorbatschow’schen Perestroika begann, sehen sie nur einen gigantischen Verrat. 1994 schrieb einer der entschiedensten Verfechter der imperialen Revanche im postsowjetischen Russland, der Schriftsteller Alexander Prochanow: „Die UdSSR wurde von ihrer Elite, von ihrer Auslese verkauft. Sollten wir jetzt ein neues Russland zu schaffen versuchen – gleichgültig ob es eine Monarchie oder eine patriotische Diktatur sein wird, wird es auf Sand gebaut sein, wenn es uns nicht gelingen sollte, eine echte Elite zu kreieren.“

Der Zusammenbruch der Sowjetunion wird von den russischen „Nationalpatrioten“ ähnlich wie seinerzeit der Zusammenbruch des Wilhelminischen Reiches durch die Weimarer Rechte als Ergebnis einer raffinierten Intrige der westlichen Demokratien dargestellt. Im offenen, „ehrlichen“ Kampf seien die Westmächte nicht imstande gewesen, ihren Kontrahenten zu bezwingen. Deshalb hätten sie zu den „heimtückischen“ Mitteln der psychologischen Kriegsführung gegriffen. Durch die Propagierung der sogenannten „westlichen Werte“ hätten sie den sowjetischen Koloss ausgehöhlt und zu Fall gebracht.

Mit keinem Wort wird erwähnt, dass die Sowjetunion jahrzehntelang mit Hilfe der kommunistischen Propaganda ihrerseits die westlichen Demokratien zu unterminieren versuchte. Dieses Messen mit zweierlei Maß erinnert an die Argumentation der Rechten der Weimarer Zeit. Auch sie hatte sich moralisch über die psychologische Kriegsführung der Westmächte empört, vor allem über deren Friedenspropaganda. Dabei vergaß sie aber, dass die Oberste Heeresleitung sich 1917 der gleichen Methoden bediente, als sie Lenin die Durchreise durch Deutschland ermöglichte und anschließend seine Friedenspropaganda massiv unterstützte.

Unzähmbar gekränkte nationale Eitelkeit

Neben der „Dolchstoßlegende“ verbindet die nationalistisch gesinnten Kreise im postsowjetischen Russland mit den radikalnationalistischen Gruppierungen der Weimarer Republik die radikale Ablehnung der mit dem Westen assoziierten Werte.

Die Härten des Versailler Vertrages, der sich übrigens in seinem Charakter nicht allzu stark von dem deutschen Siegfrieden im Osten vom März 1918 (Friede von Brest-Litowsk) unterschied, hielten die Verfechter der nationalen Revanche in der Weimarer Republik für einen ausreichenden Grund, um die bestehende europäische Ordnung „in die Luft zu jagen“. Das Gefühl der gekränkten nationalen Eitelkeit wurde zu einem alles beherrschenden Motiv in ihrem Denken und Handeln und ließ sich durch keine Rücksichten auf das gemeinsame europäische bzw. christliche Erbe zähmen.

Der aus dem Westen importierte Liberalismus wurde von vielen Vertretern der nationalgesinnten Gruppierungen in Weimar zum erbitterten Feind der Deutschen wie auch der gesamten Menschheit deklariert. Für einen der führenden Vertreter der in Weimar sehr einflussreichen „Konservativen Revolution“, Arthur Moeller van den Bruck, war der Liberalismus eine „moralische Erkrankung der Völker“, die Freiheit, keine Gesinnung zu haben, und dies als Gesinnung auszugeben.

In Versailles begangenes Unrecht

Die für die konservativen Revolutionäre so typische moralisierende Attitüde wird hier besonders deutlich. Autoren, die aufgrund des in Versailles begangenen Unrechts bereit waren, die ganze europäische Ordnung in die Luft zu sprengen, die für die „Humanitätsduselei“ nur Spott übrig hatten, warfen im gleichen Atemzug dem Liberalismus seine moralische Gleichgültigkeit vor. Kein Wunder, dass dieser moralisierende Immoralismus, der den eigenen geplanten Handlungen die sofortige Absolution erteilte, den Gegner aber als einen unheilbaren Frevler darstellte, auf viele so anziehend wirkte.

Mit ähnlicher Gehässigkeit werden die liberalen Ideen auch im „national-patriotischen Lager“ des postsowjetischen Russlands angegriffen. Besonders anschaulich spiegelt sich diese Tendenz in den Presseorganen der sogenannten Neo-Eurasier wider, in erster Linie in der von Alexander Dugin herausgegebenen Zeitschrift „Elementy“ (1992-1998).

Die Zeitschrift bezeichnet den Liberalismus als die „konsequenteste, aggressivste und radikalste Form des europäischen Nihilismus“, als Verkörperung der Traditionsfeindlichkeit, des Zynismus und der Skepsis. Der Liberalismus zerstöre jede geistige, historische und kulturelle Kontinuität, er sei der Feind des Menschengeschlechts schlechthin.

Die totale Bezwingung des westlichen Gegners

Bei den Verfechtern des Liberalismus handele es sich um eine kleine, machthungrige und von niemandem gewählte Elite, die sich der demokratischen Rhetorik bloß bediene, um beim Volk den Eindruck zu erwecken, es habe mit den von der Oberschicht gefällten politischen Entscheidungen irgend etwas zu tun. In Wirklichkeit verfüge das Volk in keinem anderen politischen System über so wenig Macht wie in den „Demokratien“, behauptet Dugin.

Dugin und seine Gesinnungsgenossen wollen sich, ähnlich wie seinerzeit die Weimarer Rechte, keineswegs mit dem Sieg ihres liberalen Erzfeindes abfinden und rufen zu einem Gegenangriff auf. Krieg und Gewalt werden von ihnen, ähnlich wie von den Verfechtern der Konservativen Revolution in Weimar, als durchaus legitime Kampfmittel angesehen und gelegentlich sogar verklärt.

Nicht die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Ost und West, sondern die totale Bezwingung des westlichen Gegners hält Dugin für das einzig akzeptable Ziel – dabei nimmt er auch die Niederlage des eigenen Lagers in Kauf. Mit seiner Vorliebe für Endkampfszenarien, für eine Art „Götterdämmerung“, ähnelt er durchaus einigen Autoren im rechten politischen Spektrum der Weimarer Republik. Dies unterscheidet ihn von manchen anderen Verfechtern der imperialen Revanche im postsowjetischen Russland, auch von der Putin-Equipe, die sich durchaus darüber im Klaren sind, dass Moskau nicht imstande ist, die westlichen Sieger des Kalten Krieges in die Knie zu zwingen. Nicht zuletzt deshalb war Dugin auch nicht in der Lage, den von ihm angestrebten Rang des Chefideologen des Kremls zu erreichen.

Die Russen: Eine „Nation der Sieger“

Nach dem russisch-georgischen Fünftagekrieg vom August 2008, vor allem aber nach der Angliederung der Krim an die Russische Föderation im März 2014, begann sich die Stimmung im „national-patriotischen“ Lager Russlands grundlegend zu wandeln. Nicht die Niederlage der Sowjetunion im Kalten Krieg, sondern ihr Sieg über das Dritte Reich beginnt sein Selbstverständnis zu prägen. Immer stärker werden die Russen als eine „Nation der Sieger“ dargestellt, wobei die „national-patriotische“ Interpretation des Sieges sich grundlegend von derjenigen unterscheidet, die für die Mehrheit jener Sowjetbürger charakteristisch war, die 1945 tatsächlich den NS-Staat bezwungen hatten.

Während des deutsch-sowjetischen Krieges fand in der Sowjetunion ein Vorgang statt, den der Moskauer Historiker Michail Gefter nachträglich als „spontane Entstalinisierung“ bezeichnen sollte. Das stalinistische Regime, das seit Kriegsbeginn mit einer beispiellosen Gefahr konfrontiert worden war, hatte keine andere Wahl als die halbherzige Duldung der partiellen Emanzipation seiner Untertanen, die nun als Verteidiger der bedrohten Heimat zu einem neuen Selbstbewusstsein gelangten. Der so teuer erkaufte Sieg wurde von der sowjetischen Bevölkerung als Neuanfang aufgefasst. Die von der Front zurückkehrenden Soldaten, die allerhand gesehen hätten, würden nun ganz neue Maßstäbe im Lande setzen, so der Dichter Nikolaj Asejew im Oktober 1944.

Auf dem Lande waren Gerüchte über die baldige Auflösung von Kolchosen verbreitet. Kaum jemand rechnete damit, dass das absurde System der 1930er-Jahre wiederhergestellt werden könnte. Stalin war aber diesbezüglich einer anderen Meinung. Recht schnell gelang es ihm auch, die auf ihren Sieg so stolze Nation zu disziplinieren. Diejenigen Beobachter, die gemeint hatten, die russischen Soldaten würden sich nach der Rückkehr aus Berlin ähnlich verhalten wie ihre Vorgänger, als diese nach der Bezwingung Napoleons aus Paris nach Sankt Petersburg zurückkehrten, sahen sich enttäuscht.

Die Sehnsucht nach Freiheit im Bewusstsein verankert

Eine Neuauflage des Dekabristenaufstandes fand in Russland nicht statt. Die Sehnsucht nach Freiheit, die Russlands Sieg über das Dritte Reich mitbedingt hatte, schien erloschen. In Wirklichkeit war sie aber aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein keineswegs verschwunden. Dieser Sehnsucht kamen auch die Nachfolger Stalins entgegen, als sie bereits einige Tage nach dem Tode des Tyrannen mit der Demontage des von ihm errichteten Systems begannen. Für die Nationalpatrioten von heute spielt indes die Erinnerung an die „spontane Entstalinisierung“ der Kriegszeit so gut wie keine Rolle. Den 9. Mai 1945 verbinden sie nicht mit emanzipatorischen, sondern lediglich mit imperialen Vorstellungen. Nicht zuletzt deshalb sind sie bereit, Stalins Schreckensherrschaft nur als nebensächliches Detail einer ansonsten „glorreichen Epoche“ zu relativieren und Stalin – den wohl brutalsten Tyrannen der russischen Geschichte – als Wahrer der imperialen Größe des Landes zu verklären.

Dieser Sachverhalt stimmt Ljudmila Alexejewa, die zu den Gründern der sowjetischen Bürgerrechtsbewegung zählt, sehr pessimistisch: „(Wenn) bei uns die Mehrheit der Menschen am imperialen Syndrom leidet, können wir keine Demokratie sein“, sagte sie vor Kurzem in einem „SZ“-Interview: „Entweder Imperium oder Demokratie.“ Dennoch ist Alexejewa davon überzeugt, dass Russland „eines Tages Teil der europäischen Nationengemeinschaft sein (wird), die Frage ist nur, wann?“.

Die Erinnerung an die „spontane Entstalinisierung“ der Kriegszeit könnte bei diesem erneuten Prozess der „Rückkehr Russlands nach Europa“ sicherlich behilflich sein.

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