Der innere Feind

von Leonid Luks8.05.2015Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur

Die Rolle Stalins im deutsch-sowjetischen Krieg war paradox, spielte er Hitler doch in vieler Hinsicht zu. Dass die Nachkommen der Opfer dem Tyrannen verzeihen wollen, ist unverständlich.

Die Tatsache, dass der Sieg über das Dritte Reich sich für viele befragte Russen mit dem Namen Stalins assoziiert, lässt sich nur durch eine weitgehende Geschichtsvergessenheit erklären. Die Befragten lassen außer Acht, dass der sowjetische Diktator vieles tat, um die Wehrkraft des von ihm despotisch regierten Landes zu unterminieren. So erklärte er im Jahre 1929 der Bauernschaft, also der Schicht, aus der die Rote Armee ihre Soldaten im Wesentlichen rekrutierte, einen regelrechten Krieg und entschloss sich zu einem waghalsigen und aus der Sicht vieler Zeitzeugen undurchführbaren Unternehmen – nämlich zur gänzlichen Enteignung der russischen Bauern, die Stalin als die „letzte kapitalistische Klasse“ Russlands bezeichnete.

Mehr als 100 Millionen Menschen – etwa 80 Prozent der Bevölkerung – sollten ihres Hab und Guts beraubt werden. Auf diese Kriegserklärung antworteten die Bauern mit einem verzweifelten Widerstand. Sie hatten allerdings keine Chance, diesen Kampf gegen den totalitären Leviathan zu gewinnen. Aber noch wirksamer als die direkten Terrormaßnahmen des Regimes lähmte die Hungersnot von 1932/33 den Widerstand der Landbevölkerung – die größte Hungersnot in der Geschichte des Landes –, die infolge der brutalen Enteignungspolitik des Regimes ausbrach.

Der gegen die Bauern gerichtete Terror entwickelte eine Eigendynamik, die allmählich auch die anderen Schichten der Gesellschaft erfasste, nicht zuletzt die sowjetische Machtelite, die unangefochten alle Machthebel im Staat kontrollierte. Während des „Großen Terrors“ von 1936 bis 1938 wurde sie in einer beispiellosen Weise dezimiert.
Im April 1938 – auf dem Höhepunkt des „Großen Terrors“ – schrieb der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow: „Stalin führt einen Krieg gegen ganz Russland, wenn man ein einseitiges Abschlachten von … wehrlosen Gefangenen einen Krieg nennen kann. Ein Mann gegen das ganze Land. Noch nie war die Lage Russlands derart verzweifelt.“

Ein hoffnungsloser Stümper

Zu den verhängnisvollsten Folgen dieses Krieges gehörte die Enthauptung der Roten Armee, ausgerechnet am Vorabend des Deutsch-Sowjetischen Krieges. Die Ausmaße dieser Gewaltorgie demonstrieren zum Beispiel folgende Zahlen: Im Deutsch-Sowjetischen Krieg fielen etwa 600 sowjetische Generäle. Im Krieg Stalins gegen die Rote Armee von 1937 bis 1939 fielen dreimal so viele Generäle beziehungsweise dem Generalsrang Gleichgestellte zum Opfer.
Während Stalin im Krieg gegen das eigene Volk beträchtliche Erfolge verbuchen konnte, versagte er weitgehend bei der Aufgabe der Verteidigung des Landes gegen außenpolitische Feinde. Auf diesem Gebiet war er, wie Fedotow mit Recht betont, ein hoffnungsloser Stümper.

Als sich die Westmächte nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Hitler im März 1939 von ihrer verhängnisvollen Appeasementpolitik abwandten und bereiterklärten, gemeinsam mit Moskau die Aggressionsgelüste Hitlers einzudämmen, entschloss sich Stalin aus einem kurzsichtigen machiavellistischen Kalkül zu einem Bündnis mit dem gefährlichsten Feind, mit dem Russland je konfrontiert worden war.
Die sowjetische Rückendeckung ermöglichte Hitler nach seinem Überfall auf Polen beispiellose militärische Erfolge. Da er im Osten nichts zu befürchten hatte, unterwarf er innerhalb von etwa 20 Monaten beinahe den gesamten außerrussischen Teil des europäischen Kontinents. Immense demografische und industrielle Ressourcen standen jetzt dem NS-Staat und seinen Vasallen zur Verfügung. Nun hielt Hitler die Zeit für gekommen, um seinen bereits in „Mein Kampf“ entworfenen Plan der Eroberung des „Lebensraums im Osten“ zu realisieren.

Moskau wurde fortwährend vor einem bevorstehenden Überfall Hitlers gewarnt.
Am 15. Juni 1941 berichtete der sowjetische Top-Spion Richard Sorge aus Tokio, dass der deutsche Angriff am 22. Juni erfolgen werde. Stalin versah diesen Bericht mit dem Kommentar: „eine deutsche Desinformation“.
Stalin hatte panische Angst vor Hitler. Generalstabschef der Roten Armee, Georgij Zhukow, berichtet zum Beispiel über die erste Reaktion des Kreml-Diktators, nachdem ihm der deutsche Überfall gemeldet wurde: „Das ist eine Provokation der deutschen Militärs. Man soll kein Feuer eröffnen, um eine Eskalation zu vermeiden.“

Eine der größten Katastrophen der Militärgeschichte

Erst drei Stunden nach dem Beginn des deutschen Angriffs sei von Stalin die Erlaubnis erteilt worden, zurückzuschießen.
Das stalinistische Regime, das seit Anfang der 30er-Jahre einen grausamen Krieg gegen imaginäre Volksfeinde geführt hatte, wurde am 22. Juni 1941 mit wirklichen Feinden konfrontiert. Vieles sprach dafür, dass es diese harte Bewährungsprobe nicht überstehen würde. Das Debakel der Roten Armee in den ersten Monaten des Krieges gehört zu den größten Katastrophen in der gesamten Militärgeschichte.

Der Deutsch-Sowjetische Krieg bestand praktisch aus zwei Kriegen, die sich grundlegend voneinander unterschieden. Und im „ersten“ Krieg, der sich im Sommer und im Herbst 1941 abspielte, erlitt die Rote Armee eine verheerende Niederlage. Am 3. Juli 1941 schrieb der Generalstabschef des Heers, Franz Halder: „Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb von vierzehn Tagen gewonnen wurde.“

Die Niederlagen der Roten Armee im Sommer und im Herbst 1941 lassen sich nicht allein auf Stalins Verbot zurückführen, rechtzeitig wirksame militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen, oder auf den Überraschungseffekt des deutschen Angriffs. Nicht weniger wichtig war auch die Tatsache, dass der Roten Armee 1941 Tausende von Offizieren fehlten, die Stalin 1937-39 hatte ermorden lassen.
Die Rückschläge der Roten Armee waren auch dadurch bedingt, dass die Regimetreue derjenigen Bevölkerungsgruppen, gegen die sich der Terror der 1930er-Jahre hauptsächlich gerichtet hatte, ins Wanken geriet. Die defätistische Stimmung, die sie erfasste, war nicht zuletzt dadurch verursacht, dass sie sich zunächst über die Absichten der NS-Führung nicht im Klaren waren. In den Monologen Hitlers im Führerhauptquartier kann man nachlesen, wie sich der deutsche Diktator die Zukunft des eroberten Ostens vorstellte. Ein Beispiel sollte genügen. Am 17. Oktober 1941 führte er aus: „In die russischen Städte gehen wir nicht hinein, sie müssen vollständig ersterben. Wir brauchen uns da gar keine Gewissensbisse zu machen.“
Als sich die Brutalität des deutschen Besatzungsregimes in voller Deutlichkeit zeigte, nahm die defätistische Stimmung in der sowjetischen Bevölkerung eindeutig ab.

Die Verkörperung des Absurden

Um vom Dritten Reich nicht hinweggefegt zu werden, musste die stalinistische Führung, die sich bis dahin auf die Terrorisierung der eigenen Bevölkerung konzentriert hatte, das bestehende Unterdrückungssystem modifizieren, es etwas flexibler machen. Der Krieg war paradoxerweise mit einer gewissen Lockerung des Regimes verbunden. Es kam zu einer Art Kompromiss zwischen der bis dahin drangsalierten Gesellschaft und den Machthabern.
Der Moskauer Historiker Michail Gefter spricht im Zusammenhang mit den damaligen Entwicklungen sogar von einer „spontanen Entstalinisierung“, die sich 1941 ereignete.

Man darf auf der anderen Seite nicht vergessen, dass auch nach dem Ausbruch des Krieges Millionen von Menschen sich weiterhin im „Archipel Gulag“ befanden. Ganze Völker wurden ins Innere der Sowjetunion deportiert, weil man sie der Kollaboration mit dem Feind bezichtigte, wobei Tausende von Menschen von den Terrororganen ermordet wurden. Mit äußerster Härte wurden auch die eigenen Soldaten von der Kremlführung behandelt. Dies betraf vor allem die sowjetischen Kriegsgefangenen, die als Landesverräter betrachtet wurden. Die sowjetischen Industriearbeiter, vor allem in den rüstungsrelevanten Sektoren, wurden ihrerseits einer außerordentlich scharfen Arbeitsdisziplin unterworfen.

Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in den unbesetzt gebliebenen Teilen der Sowjetunion fand sich mit der Verschärfung der Arbeitsdisziplin und mit den zusätzlichen Bürden, die das Regime ihr nach dem Ausbruch des Krieges auferlegte, in der Regel ab. Angesichts der tödlichen Gefahr, die das russische Staatswesen als solches bedrohte, sah man die Notwendigkeit dieser verschärften Maßnahmen im Wesentlichen ein. Sie waren durch reale, und nicht durch imaginäre Gefahren wie in den 1930er-Jahren verursacht. Das stalinistische System wiederum – diese Verkörperung des Absurden – musste gewisse Konzessionen an die Realität machen, und schon das allein machte es in den Augen der Bevölkerung etwas erträglicher.

Die Bezwingung des äußeren Feindes stärkte den inneren

Dieser Kompromiss zwischen Regime und Bevölkerung wurde zur wichtigsten Ursache dafür, dass der „erste“ Deutsch-Sowjetische Krieg im Dezember 1941 zu Ende ging. Am 5. Dezember 1941 wurde der deutsche Vormarsch kurz vor Moskau gestoppt und zurückgeschlagen. Der „zweite“ Deutsch-Sowjetische Krieg hatte nun begonnen, der am 9. Mai 1945 im zertrümmerten Berlin sein Ende fand. Nach der verlorenen Luftschlacht über England erlitt Hitler im Dezember 1941 die zweite große Niederlage in seiner Karriere seit 1930. Denn seit dem Triumph bei den Reichstagswahlen vom September 1930 hatte er im Grunde nur noch Siege gekannt. Er hatte es in der Regel mit demoralisierten, innerlich unschlüssigen Gegnern zu tun gehabt, die scharenweise vor ihm kapitulierten – bis er auf zwei Kräfte traf, die nicht zur Selbstaufgabe bereit waren: die Freiheitsliebe der angelsächsischen Nationen und den russischen Patriotismus. An diesen beiden Kräften sollten Hitler und sein Regime auch zerbrechen.

Die Tragik Russlands bestand allerdings darin, dass es durch die Bezwingung seines
äußeren Feindes lediglich seinen inneren Feind – die stalinistische Tyrannei – stärkte. Bereits einige Monate nach der Schlacht von Moskau begann das zunächst verunsicherte Regime, das verlorene innenpolitische Terrain wiederzugewinnen. Damit erschöpft sich aber nicht die Bedeutung des sowjetischen Sieges über das Dritte Reich: „Der stumme Streit zwischen dem siegreichen Volk und dem siegreichen Staat setzte sich fort. Von diesem Streit hing das Schicksal des Menschen, seine Freiheit ab“, schreibt der russische Schriftsteller Wassili Grossman in seinem Buch „Leben und Schicksal“, das zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts zählt.
Die Übergänge zwischen Regime und Volk waren natürlich fließend. Die Stalin’sche Despotie wäre ohne die partielle oder gänzliche Identifizierung beträchtlicher Teile der Gesellschaft mit ihr nicht lebensfähig gewesen. Trotz alledem bestand sie doch, diese Trennlinie zwischen Regime und Volk, dem die herrschende Oligarchie bis zuletzt misstraute.

Die „spontane Entstalinisierung“ der Kriegszeit verhallte übrigens nicht ohne Resonanz. Denn unmittelbar nach dem Tode Stalins knüpfte der reformorientierte Teil der Parteiführung an einige ihrer Postulate an. Und so begann in der UdSSR eine immer schärfer werdende Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Terrorregime, die trotz mancher Rückschläge und Restaurationsversuche der Machthaber bis zur Auflösung der Sowjetunion dauern sollte. Warum wurde diesem Prozess der Befreiung Russlands vom verhängnisvollen Stalin’schen Erbe kurz nach der Entmachtung der KPdSU ein Ende bereitet? Warum sind unzählige Nachkommen der Opfer Stalins nun bereit, diesem wohl brutalsten Tyrannen der russischen Geschichte seine Untaten zu verzeihen? Dieser Sachverhalt gibt Rätsel auf und scheint die viel zitierte Verszeile des russischen Dichters Fjodor Tjuttschew zu bestätigen: „Verstehen kann man Russland nicht …“

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