Meine Wahrheit, deine Wahrheit

von Lee Gutkind21.01.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Wahrheit beruht auf Fakten – doch in den Köpfen der Menschen können selbst Fakten über das gleiche Ereignis völlig anders in Erinnerung sein.

Die beste Definition des Genres der kreativen Nonfiction erscheint auf dem Banner des Magazins, welches seinen Namen teilt: „Creative Nonfiction“. Es besagt: „Wahre Geschichten gut erzählt“. Sowohl „Geschichten“ wie auch „gut erzählt“ sind in ihrer Bedeutung recht klar. Die meiste kreative Nonfiction enthält einen Narrativ der einen oder anderen Art und liest sich hoffentlich gut. Doch was bedeutet es, „wahr“ zu sein?

Wahrheit kann trügerisch sein

Auf der einen Seite hat Wahrheit mit Fakten zu tun. Damit meine ich die verifizierbaren Elemente, die Recherche oder Reportage. Wo sich die Geschichte abgespielt hat etwa, die Stadt, Nachbarschaft, Straße. So wie das „Wann“ und „Wer“ Datum, Uhrzeit und die Personen involvieren. Auf der anderen Seite ist Wahrheit nicht so simpel verifizierbar. Denn Wahrheit kann nicht nur oder immer bestätigt werden. Menschen nehmen Dinge unterschiedlich wahr. Die Geschichte, die dem Leser erzählt wird, entspricht exakt dem tatsächlichen Ablauf – so wie er sich der erzählenden Person dargestellt hat. In der kreativen Nonfiction also, unabhängig davon, wie umsichtig ein Autor bei der Überprüfung der Fakten gegenüber sich selbst und den Lesern agiert, besteht eine reale Möglichkeit, dass eine Geschichte von den involvierten Personen anders erzählt würde – oder gar von demselben Erzähler an einem anderen Ort oder in anderer Umgebung. Trotz des aufrichtigen Bemühens des Autors, kann Wahrheit damit trügerisch sein – und sicherlich streitbar. In meinen Memoiren schreibe ich über eine Szene während meiner Bar Mitzwa, als ich am Podium der Synagoge stand, um aus der Tora zu lesen. Es ist sehr heiß im hellen Licht der Scheinwerfer und der schwere, kratzige braune Anzug aus Wolle, in welchen mich meine Mutter gezwängt hatte, erschwerte die Situation. Mir war so heiß, dass ich die Tora buchstäblich transpirierte. Die Erinnerung ist so lebendig, dass ich die Hitze, den Schweiß und die Verlegenheit selbst jetzt noch spüren kann. Nach der Lektüre des Buchs bestand meine Mutter darauf, dass ich nie einen derartigen Anzug besaß. Sie durchsuchte die Fotoalben, konnte aber weder meine noch ihre Erinnerung beweisen. Einige Monate späte begegnete ich einem alten Freund, Alan. Er sagte, er habe mein Buch gelesen und dass ihn eine Szene persönlich berührt habe. Alan und seine Familie lebten über der Wohnung meiner Großeltern und waren sehr arm. Daher änderte mein Großvater, der Schneider war, meinen Bar-Mitzwa-Anzug für Alan. Ich weiß, dass meine Mutter meinen Großeltern ausgetragene Klamotten gab und ich bat Alan, den Anzug zu beschreiben. „Du weißt, wie er aussah – es war ein brauner Wollanzug, genau wie du ihn beschrieben hattest.“ Triumphierend kehrte ich zu meiner Mutter zurück und erzählte ihr die Geschichte, um meine Wahrheit zu beweisen. Sie hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. „Also, was sagst du nun?“, fragte ich sie.

Es geht um Erinnerung und Debatte

„Es gibt nur eines zu sagen, Alan hat unrecht. Du besaßt nie einen solchen Anzug.“ Sie gab mir zu verstehen, dass entweder ich oder Alan lügten. Hier ist also dieselbe Bar Mitzwa, derselbe Anzug und dennoch recht unterschiedlich wahrgenommene Erfahrungen dreier Zeitzeugen. Die Wahrheit liegt in der Art der Wahrnehmung, der Erinnerung sowie in meinem Falle des Aufschreibens – genau wie die Wahrheit in der Politik, der Religion oder selbst in der Wissenschaft. Verifizierbare Fakten können etwas vollkommen anderes sein … Ja, ich hatte eine Bar Mitzwa und ebenso Alan. Daten, Uhrzeiten, Orte, alles kann bestätigt werden. Letztlich jedoch geht es nur um Erinnerung und Debatte.

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