Die neue europäische Identität

László Mérö1.03.2017Gesellschaft & Kultur, Politik

Wir können Europa auf keinen Fall als Mittelpunkt der Erde betrachten. Denn wir begegnen zunehmend anderen Kulturen, und werden von anderen Denkweisen beeinflusst. Deshalb ist es Zeit, genau festzulegen, was eine europäische Identität heute überhaupt bedeuten soll, welche Gemeinsamkeiten wir haben, außer der Tatsache, auf demselben Kontinent geboren worden zu sein.

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Im Jahre 2000, als die Mitgliedschaft in der EU für Ungarn noch eine Utopie war, genoss ich eines Abends mit serbischen Freunden ihren berühmten Sliwowitz. Nach mehreren Stamperl haben sie mich gefragt, warum ich diesen göttlichen Trank schluckweise und nicht auf ex trinke, wie es sich gehört. Ich brummte etwas in meinen Bart; „wisst ihr, bei uns in Europa trinkt jeder wie er will.“

Als es mir bewusst wurde, was ich da gesagt hatte, versank ich fast vor Scham. Es war ein Jahr nach der Bombardierung Serbiens, in Novi Sad lagen die Donaubrücken noch in Trümmern. Wie konnte ich so taktlos sein? – dachte ich und versuchte meinen Ausrutscher zu korrigieren. Doch sie überraschten mich mit „Eigentlich wäre es schön, zu Europa zu gehören, dann könnten wir uns selbst tüchtig bombardieren”. Diese typisch europäische Selbstironie verdutzte mich. Ein bisschen war ich sogar neidisch auf sie. Na klar, sie sind auch Europäer. „Also gut, trink‘ wie du willst“ sagten sie. Ähnlich wie es uns die EU nach unserem Beitritt überließ, unsere Mohnnudeln zu essen, auch wenn dies andere EU-Länder befremdet.

Was bedeutet es, Europäer zu sein?

Wir Europäer erkennen uns und werden auch auf der ganzen Welt erkannt. Unabhängig davon, dass es keine genaue Definition dafür gibt, was es bedeutet Europäer zu sein oder was eine sogenannte „europäische Identität“ ausmacht. Ist es unsere überwiegende Zugehörigkeit zum Christentum? Die USA sind „christlicher“ als wir. Und auch was die Wissenschaften betrifft, hat uns die USA – und bald auch China überholt. Um den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten, Enrico Letta zu zitieren, frage ich: Leben etwa alle Völker Europas als Minderheit? Ja, aber das trifft auch auf Indien zu. Wir haben keine einzige Eigenschaft, die ausschließlich für uns typisch wäre.

Wodurch ich Ungar bin, kann ich leicht beantworten. Ungarisch ist die einzige Sprache, in der ich mich präzise ausdrücken kann. Wodurch ich hingegen Europäer bin, das frage ich mich, wie ein sich durch und durch als Europäer empfindender Deutscher, Franzose, Grieche oder Finne das tut. In der Tat haben wir es bisher nicht genau definiert, was es bedeutet, Europäer zu sein. Womöglich weil das bisher keine Notwendigkeit war. Die Situation erinnert mich ein wenig an den jungen, stummen, britischen Adligen, der an seinem achtzehnten Geburtstag zu sprechen beginnt: „Dieser Pudding ist zu sauer“. Als man ihm staunend die Frage stellt: „Sir, warum haben Sie bisher nie etwas gesagt?“ antwortet er: „Bisher war er einwandfrei.“

Auch eine irdische Identität haben wir nicht. Danach hat bisher keiner gefragt und wird es vermutlich nicht tun, es sei denn, wir begegnen Geschöpfen, von denen wir uns unterscheiden wollen, da wir sie als gänzlich „anders“ wahrnehmen. Solange kaum andersartigen Menschen begegneten, konnten wir Europa für den Mittelpunkt der Welt halten. Es war für uns selbstverständlich, wie wir sind, wir empfanden uns vielfältig und in vieler Hinsicht dennoch ähnlich.

Bis jetzt war es unnötig, diesem Problem besondere Bedeutung zuzumessen, wie es zum Beispiel in einem Sportmagazin keine Sportrubrik gibt. Dort dreht sich natürlich alles um Sport, obschon Fußball, Skifahren, Boxen, Schach sich voneinander sehr wohl unterscheiden. Wer ein Sportmagazin liest, weiß ganz genau, was hierher gehört und was nicht. Die technische Hilfe durch einen Video-Schiedsrichter ist hier richtig, die Videoüberwachung im öffentlichen Raum hingegen nicht, es sei denn, die Videoüberwachung löst ein Problem, das auch in gewissen Sportarten vorkommt. Dann muss man prüfen, ob diese Lösung auch im Sport anwendbar ist, beziehungsweise dem Geist des Sportes entspricht. Aber selbst wenn das zutrifft, fängt man nicht an, im Sportmagazin zu debattieren, was Sport eigentlich ist, was ihn beispielsweise vom Polizeiwesen unterscheidet.

Einige Arten von Prügelei zählen zweifelsohne als Sport, jedoch die Rauferei in der Kneipe gewiss nicht. Der Krieg ist kein Sport. Um das zu verstehen, muss man nicht die Definition von Fairness bemühen. Unsportlichkeiten kommen in jeder Sportart vor. Die Sportler erledigen das unter sich – in Extremfällen wird der „Sünder“ gesperrt.

Die Idee vom Frieden

Die EU wurde nicht ins Leben gerufen, damit die Gründungsväter für die europäischen Werte einheitlich eintreten. Sie wussten selbst nicht genau, was diese sind. Sie hatten lediglich erkannt, dass alles besser, profan gesagt, billiger ist als der Krieg. Trotzdem war Krieg seit tausend Jahren untrennbar vom europäischen Dasein. Seit dem siebten Jahrhundert waren in Europa keine zusammenhängenden siebzig Jahre vergangen ohne kriegerische Auseinandersetzung zwischen Franzosen und Deutschen. Die großartige Errungenschaft des neuen europäischen Geistes ist der Gedanke, dass wir uns in einem Maße gegenseitig abhängig machen sollten, dass es unmöglich wird, gegeneinander Krieg zu führen. Und das funktioniert nunmehr siebzig Jahre ganz gut. Deutschland gegen Frankreich im Fußball oder Boxen – das geht, Krieg nicht.

Wir können Europa auf keinen Fall als Mittelpunkt der Erde betrachten. Denn wir begegnen zunehmend anderen Kulturen, und werden von anderen Denkweisen beeinflusst. Deshalb ist es Zeit, genau festzulegen, was eine europäische Identität heute überhaupt bedeuten soll, welche Gemeinsamkeiten wir haben, außer der Tatsache, auf demselben Kontinent geboren worden zu sein.

Es gibt etwas, was ausschließlich für Europa zutrifft: Der Gedanke, dass der Krieg vermeidbar ist, wenn wir alle es wagten, uns in dem Maße voneinander abhängig zu machen, wie wir es uns bisher nicht vorstellen konnten.

Früher waren Säkularisation und Aufklärung die einschneidenden europäischen Ideen. Nun sollten sie mit dem andauernden Frieden ergänzt werden.

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