Jens Spahn und die Organspende | The European

Darf es etwas mehr sein? Organspenden, aber richtig!

Lars Vollmer30.04.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Natürlich kein Aprilscherz, sondern etwas, das uns alle angeht: #Organspende – unter diesem Hashtag twittert unser Gesundheitsoberhirte Jens Spahn am 1. April: »Ich unterstütze die #Widerspruchslösung zur #Organspende, weil alles andere keine substantiellen Verbesserungen für die vielen tausend Patienten bringen wird, die auf unsere Solidarität und unseren Organisationswillen angewiesen sind.«

8909d265d6.jpeg

Fotolia

Noch ist die Organspende in Deutschland so geregelt, dass Organe nach dem Hirntod nur entnommen werden können, wenn der Verblichene einen Organspendeausweis bei sich trägt, und in diesem ausdrücklich der Organspende zugestimmt hat.

Darin materialisiert sich die Selbstverantwortung für und die Selbstbestimmung des Individuums über den eigenen Körper. Einfach gesprochen: Das oberste individuelle Freiheitsrecht, nämlich das Recht auf Leben, zieht den logischen Schluss nach sich, dass Ihr Körper nur Ihnen gehört, niemand sonst außer Ihnen darüber verfügen darf.

Niemand darf Ihren Körper vorsätzlich beschädigen, verletzen, verstümmeln, zerstören. Nur Sie selbst dürfen das. Das ist auch der Grund für den Papierkram vor jeder Operation im Krankenhaus, denn der Arzt darf ohne Ihre Einwilligung keinen Eingriff vornehmen, ja, er darf Sie streng genommen nicht einmal pieksen.

Dieses Recht am eigenen Körper gilt auch über den Tod hinaus. Darum können Sie verfügen, was mit Ihrem Leichnam nach Ihrem Tod geschehen soll, und diese Verfügung ist bindend. Selbstverständlich gilt das auch für einzelne Bestandteile Ihres Körpers. Dementsprechend wurde auch Ihre ausdrückliche, freiwillige Genehmigung zur Organentnahme bislang vorausgesetzt.

Diese Zeiten sollen nach dem Willen unserer obersten Gesundheitshüter noch vor Ablauf des Jahres vorbei sein.

Von Staats wegen gut behütet

Laut einer Ipsos-Umfrage stehen 52 Prozent der Deutschen der Organspende positiv gegenüber und wären bereit, selbst Organe zu spenden, haben aber selbst keinen Organspendeausweis. 16 Prozent haben der Organspende zugestimmt. 17 Prozent lehnen die Organspende tendenziell oder entschieden ab.

Das Dilemma zwischen kollektivistischer und individualistischer Weltanschauung wird hier besonders anschaulich. Wenn Statistiken sagen, dass permanent rund 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan warten, weil es zu wenige gibt, dann ist das ein Missstand, den ein Gemeinwesen zweifellos angehen muss. Keine Frage. Die Frage ist nur, wie?

Für einen verantwortungsvollen Oberhirten wie Jens Spahn kann es nur eine Lösung geben: Organspende vorschreiben, die Sache allgemeinverbindlich regeln, Zwang ausüben.

Der Staat verfügt einfach, dass jedem Bürger nach dem Tod Organe nach Bedarf entnommen werden können. Damit ist die Sache ein für allemal geregelt, der Missstand aus der Welt geschafft.

Wenn der Bürger zu doof ist, diesen Ausweis auszufüllen, dann muss ihm der Gesundheitsminister eben per gutem, altem, brachialem Paternalismus vorschreiben, was ethisch richtig ist. Und genau das hat er nun vor. Sauber!

Eine saubere Sache

Natürlich dürfen Sie Widerspruch einlegen, wenn Sie ein aus Sicht der Befürworter unsolidarischer Egozentriker sein wollen und anderen Menschen Ihr Organ nicht gönnen. Und so klingt dann auch das Universalargument: „Mensch Vollmer, stell Dich nicht so an, Du kannst doch jederzeit widersprechen. So ist es eben einfacher. Die meisten Menschen sind halt zu faul, um sich explizit darum zu kümmern, das sollte doch nicht zum Schaden der Gesellschaft sein.“

Angenommen, wir bekommen ein solches Gesetz, das uns zwingt, in dieser Hinsicht ethisch das Richtige zu tun: Denken Sie einmal weiter. Es fehlt dann bloß noch ein kleiner Schritt und die ersten Kollektivisten verlangen zusätzlich, dass jene in ihren Augen Faulen, Feigen, Dummen oder Asozialen, die einen Widerspruch gegen die Organspende eingelegt haben, zentral registriert werden und im Falle des Falles selbst kein Spenderorgan empfangen dürfen.

Wäre doch nur gerecht und unterem Strich eine saubere Sache, oder?

Meistbietend

Und was kann es überhaupt für plausible Gründe dafür geben, der Organentnahme zu widersprechen, außer einer dumpfen, kindlichen Angst?

Zum Beispiel sehr private, religiöse, spirituelle Gründe oder auch das Misstrauen in das Urteil von Ärzten, die vielleicht vorschnell oder womöglich korrupt den Hirntod feststellen, obwohl der Patient noch lebt oder wiederbelebt werden könnte – solche zum Teil auch sicherlich irrationalen Gründe werden so einfach weggewischt.

Apropos Misstrauen gegenüber Ärzten: 2011 wurden noch 14,7 Organspenden pro eine Million Einwohner realisiert. 2018 waren es unter zehn. Fakt ist aber, dass 2012 nach einem Skandal an mehreren Universitätskliniken, wo sich Ärzte mittels manipulierter Patientendaten persönlich bereichert haben, das Vertrauen in die Organspende gesunken ist. Können Sie sich so sicher sein, das Ihre Niere tatsächlich ein Leben rettet oder an den Meistbietenden verhökert wird?

Gar nicht so einfach

Laut einer Studie des Deutschen Ärzteblattes liegt die sinkende Zahl der Organspenden aber gar nicht an der zu geringen Zahl potenzieller Spender, sondern an der mangelhaften Arbeit in den Krankenhäusern, die zu selten potentielle Spender an die Deutsche Stiftung Organtransplantation melden.

Was wäre, wenn diese Studie ins Schwarze träfe und die Maßnahme, die Zahl der Spender per Zwang zu erhöhen, überhaupt kein zielführender Ansatz wäre, sondern es vielmehr darum ginge, ganz bestimmte Mängel im staatlichen Gesundheitswesen zu beseitigen? Dann würde ja die Freiheit der Bürger ganz umsonst eingeschränkt …

Sie sehen, das Ganze ist nicht so einfach. Aber da die kollektivistisch denkenden Befürworter des Zwangs für sich selbst keinen stichhaltigen Grund erkennen, warum jemand die Organspende ablehnen könnte, gehen sie davon aus, dass andere ebenso keinen stichhaltigen Grund haben können.

Nur: Ist es überhaupt richtig, dass sich diejenigen, die widersprechen, rechtfertigen müssen?

Ein Deal auf Gegenseitigkeit

Eine Organspende ist ein altruistischer Akt, ein Ausdruck von gesellschaftlicher Solidarität: Sie helfen jemandem, der in Lebensgefahr ist, indem Sie Ihr Organ, das Sie nach Ihrem Ableben nicht mehr brauchen, zur Verfügung stellen, obwohl Sie den Empfänger gar nicht kennen und keinerlei eigenen Vorteil davon haben. Es ist dennoch ein Deal auf Gegenseitigkeit, wenn auch indirekt, denn Sie erhoffen sich natürlich, dass Sie selbst, sollten Sie einmal auf eine Organspende angewiesen sein, auch dankbar davon profitieren werden, dass ein Hirntoter, der das Organ in sich trägt, das Sie zum Überleben benötigen, in seinem Organspendeausweis das Ja angekreuzt hat.

Aber die guten Hirten in unserem Staat haben anderes vor: Aus Solidarität wird Zwang. Denn Solidarität ist das dann nicht mehr. Solidarität ist nämlich ein prinzipiell freiwilliger Akt des Beitrags zum Zusammenhalt in einer Gruppe. Sie können aus purer Logik niemanden zur Solidarität zwingen. Das wäre ein Widerspruch in sich. So etwa wie wenn Sie jemand aufforderte, spontan selbstinitiativ zu sein. Jetzt! Sofort! Machen Sie schon!

Aus der solidarischen Organspende wird also die Zwangsorganspende. Der Staat greift in das vornehmste Grundrecht seiner Bürger ein. Und die meisten finden das gut. Die Herde applaudiert, die Hirten tun, was ihr Job ist: Sowohl die CDU als auch die SPD, somit die beiden Parteien, die im Bundestag derzeit noch über die Mehrheit verfügen und die Regierung bilden, stimmten der Initiative bereits öffentlich zu. Wir werden sehen, wie der Bundestag entscheiden wird, wenn es zur Abstimmung kommt.

So einfach, so gut!

Aber: Was ist das eigentliche Motiv der Befürworter der Zwangsorganspende, also der Kollektivisten, der Herdentiere?

Mein Antwortvorschlag ist: Diese Zwangsbefürworter wollen, dass alle das Richtige tun. Und keiner das Falsche.

In diesem Fall vereinfachen sie die komplexe Lage und verdichten sie auf ein Entweder-oder, auf ein Richtig-oder-falsch. Leben retten ist richtig. Leben nicht retten ist falsch. Und das gilt für alle. So schlicht sehen sie es, so einfach ist unsere Welt, so gut …

Einen Hirten zu beauftragen, Zwang auszuüben und individuelle Freiheit einzuschränken, enthebt die Herde der Verantwortung, selbst eine Wahl zu treffen und für die Folgen dieser Wahl die Konsequenzen zu tragen. Dies meist noch kunstvoll verknüpft mit einem Menschenbild aus der Gruselkammer („Die meisten sind halt zu doof und zu faul, denen muss schon gesagt werden, was gut für sie ist“) verhindert den so oft beschworenen gesellschaftlichen Fortschritt, der gerade erst durch Verantwortung beschritten werden kann.

Verantwortung ist für ein Herdentier eben die schwerste Bürde – und diese Bürde will ich nicht abgeben. Ich frage mich: Darf es etwas mehr Verantwortung sein, Herr Vollmer? Ja! Und ja, ich finde für mich Organspenden richtig und habe einen Spendeausweis. Und wenn Sie keinen haben, respektiere ich das. So einfach, so gut.

Über den Autor:

Lars Vollmer, Jahrgang 1971, promovierter Ingenieur und Honorarprofessor der Leibniz Universität Hannover, ist Unternehmer, Bestsellerautor und Begründer von intrinsify, dem größten offenen Thinktank für die neue Arbeitswelt im deutschsprachigen Raum. Vollmer spielt Jazzpiano, trinkt gerne Weltklasse-Kaffee und lebt in Barcelona.
In seinem neuen Buch »Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist« (intrinsifyVerlag, 2019) bietet Lars Vollmer einen neuen konstruktiven Blick auf die Krisen von Politik und Gesellschaft, jenseits von besorgten Bürgern und Gutmenschen. Ein Plädoyer für Freiheit und gesellschaftlichen Fortschritt.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland verspielt außenpolitisches Vertrauen

Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Das Maggie Thatcher-Double dürfte Boris Johnson beerben

Im Machtkampf um Johnsons Nachfolge hat Liz Truss beste Siegchancen. Die Parteibasis der Torys liebt sie, weil sie allerlei Erinnerungen an Margaret Thatcher weckt. Doch diese Rolle spielt sie recht dreist. Von Wolfram Weimer

Theater des Schreckens

Die Geschichte der Todesstrafe und ihrer Vollstreckung zeigt: Menschen drängten zu allen Zeiten danach, Augenzeuge einer Hinrichtung zu sein, möglichst nah dabei zu sein, um das blutige Ritual zu verfolgen. Entsetzen und Schaudern, Entzücken und Empörung, Emotion und Aktion – die Symbolik de

Deutschland braucht eine neue Standortagenda

Deutschland steht am Rande einer Rezession. Die Kaufkraft der Konsumenten leidet unter dem Inflationsschub, der durch die Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln angestoßen wurde und inzwischen viele andere Gütergruppen erfasst hat. Solange der Ukraine Krieg und die Sanktionen gegenüber Russl

Wir wären vollkommen verrückt, wenn wir die Kernkraftwerke vom Netz nehmen

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt angesichts möglicher Energieversorgungsengpässe im Herbst dringenden Handlungsbedarf – im Sommer trotz der Parlamentsferien. Von Friedrich Merz

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

Mobile Sliding Menu