Warum wir den Stress lieben | The European

Am Limit

Lars Mensel20.01.2015Gesellschaft & Kultur

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Nordreisender / photocase.de

Wie auf jeder Hochzeit gab es auch dieses­ Mal viel guten Rat für das Brautpaar: Es wird nicht immer leicht, haltet zusammen, nehmt euch Zeit füreinander. Das Übliche. Dann wurden die Ringe ausgetauscht und die Vermählung vollzogen. Bevor die Standesbeamtin die Frischvermählten jedoch in die Ehe entließ, räusperte sie sich ein letztes Mal und unterstrich, wie wichtig Liebe und Partnerschaft seien. Erst recht in unseren so „hektischen und schnellen Zeiten“.

Natürlich war die Hochzeit alles andere als hektisch und schnell: Die Feierlichkeiten gingen bis tief in die Nacht und während der vielen Reden zum Thema Ehe dachte ich immer wieder an die Worte der Standesbeamtin, die offenkundig so sehr mit dem Tempo unserer Zeit haderte, dass sie es während der Trauung erwähnen musste.

Leben wir nicht eigentlich in Zeiten­ mit historisch einmaligen Mengen an Freizeit? Einer ungekannten Anzahl­ von Urlaubstagen und weniger Arbeitsstunden als je zuvor? Wir besitzen selbst zahllose Geräte, die zeitraubende ­Tätigkeiten für uns erledigen – wie sonst könnten die Deutschen jeden Tag mehrere Stunden fernsehen?

Wer würde zugeben wollen, Zeit für Entspannung zu haben?

Der Zeitdruck ist vielleicht nur eine ­Illusion, an die wir zu gerne glauben. Auf dem Rückweg von der Trauung fielen mir diverse Werbeplakate ins Auge: Sie empfahlen, mich zu entspannen und eine Auszeit von meinem hektischen Leben zu nehmen. Die Botschaften suggerierten, dass sich Ruhephasen am besten mit exotischen Duschgels („Entspannen Sie sich!“) und weiten Reisen („Entfliehen Sie dem Alltag!“) erkaufen ließen. Das Marketing basierte auf der anscheinend allgemein geteilten Annahme, dass unser Alltag kaum Raum zum Atmen bietet und sich Pausen vom ewigen Stress nur durch eine bewussten Produktwahl erkaufen lassen.

Kein Wunder, dass die Hochzeitsgäste die Worte der Standesbeamtin stillschweigend hinnahmen: Gewiss teilte ein Großteil von ihnen die Annahme, an der Belastungsgrenze zu operieren und Aufgaben nur unter großem Stress in den 24 Stunden eines Tages unterbringen zu können. Schlimmer noch: Dass die Welt nun einmal so ist; voller einander jagender Aufgaben, die uns Stress verursachen.

Neulich las ich, dass viele Menschen sogar Freizeit in ihrem Terminkalender einplanen, da die Illusion vom hektischen Alltag spontane Entspannung unmöglich macht. Der Stress durchdringt ansonsten die Ruhephasen. Und überhaupt: Wer würde zugeben wollen, Zeit für Entspannung zu haben? Das klingt nach fehlender Auslastung – und ist Gift für den Ruf in einer überarbeiteten Gesellschaft.

Was aber, wenn unsere Besessenheit vom Stress denselben erst verursacht? Wer laufend über das hektische Leben nachdenkt, sich bei Freunden darüber ­beschwert und mit einem Kalender dagegen anplant, sorgt doch erst Recht für ein Gefühl von Zeitmangel. Wer glaubt, dass Stress normal ist, macht ihn sich selbst, wenn er ausbleibt. Und erzeugt damit genau den Druck, dem alle so atemlos zu entkommen versuchen.

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