Manipuliert uns!

Lars Mensel15.10.2014Gesellschaft & Kultur

Im Internet sind die Ecken und Kanten menschlicher Interaktion verloren gegangen. Glücklicherweise sehen die großen Internetkonzerne nicht tatenlos zu.

Kürzlich sorgte Facebook für Schlagzeilen, weil das soziale Netzwerk Experimente mit seinen Nutzern durchgeführt hatte. Man manipulierte den Newsfeed einiger unwissender Nutzer, um herauszufinden, ob dies einen Einfluss auf ihre Laune hat. Verleiten haufenweise negative Meldungen dazu, selbst negative Statusmeldungen zu veröffentlichen? Oder andersherum: Kann eine Häufung positiver Meldungen und guter Nachrichten die Laune eines ¬Probanden nachhaltig aufbessern?

Die Empörung über dieses Experiment war gerade abgeklungen, da gestanden die Macher des Datingportals OkCupid, dass auch sie mit ihren Nutzern experimentierten. Durch Manipulation der Algorithmen verkuppelte man Menschen, die laut Computer eigentlich gar nicht zusammenpassten. Würden sie sich verstehen? Oder gar verlieben?

Zunächst fand ich beide Fälle so besorgniserregend wie die Rechtfertigung der zwei Unternehmen, derartige Experimente stünden ihnen aufgrund von Kleingedrucktem in den Nutzungsbedingungen zu. Doch dann las ich die Relativierung eines amerikanischen Psychologen („Ein paar Menschen sind eben auf schlechte Dates gegangen“), und mir wurde klar, wie nobel Facebook und OkCupid eigentlich gehandelt haben.

Wir sollten auf solche Experimente bestehen

Es liegt in der Natur des Internets, unsere Welt so effizient und angenehm wie möglich zu machen: Onlineshopping eliminiert die Warteschlange an der Kasse. Online-Radiodienste spielen nur die eigenen Lieblingslieder. Und der „Gefällt mir“-Button hat die zwischenmenschliche Interaktion nicht nur auf einen Klick reduziert – sein Daumen zeigt auch immer nach oben. Verloren ging dabei vieles, was dem Leben Würze gibt. Allen voran: schlechte Laune und noch schlechtere Dates. Wir sollten die Manipulation unserer Gefühle nicht verurteilen, sondern begrüßen!

Ohnehin macht das kleine bisschen unternehmerische Gehirnwäsche den Kohl nicht fett. Wenn Medien suggerieren, Urlaubsfotos von Mario Götze seien wichtig, oder uns mit marktschreierischen Überschriften zum Klick verführen, werden wir ohnehin manipuliert. Und schlechte Laune ist viel besser als ihr Ruf: Erst durch sie entsteht gesellschaftlicher Wandel, argumentiert Stéphane Hessel in seinem Bestseller „Empört Euch!“.

Mir fallen auf Anhieb diverse Dinge ein, die ein bisschen Manipulation vertragen könnten. Wie wäre es mit einem Eingriff in die Gefühle der Bundesregierung? Ihre Mobiltelefone scheinen leicht zugänglich, und ein wenig schlechte Laune täte der verschleppten Spionageaffäre gut. Noch besser wäre ein ungewolltes Date zwischen Benjamin Netanjahu und Mahmud Abbas. Würden sie sich verstehen? Denkbar wäre auch ein Eingriff in die Newsfeeds der Deutschen für ein bisschen mehr schlechte Laune über ihre Kanzlerin, welche die Gleichstellung Homosexueller aufgrund eines „schlechten Gefühls“ ausbremst.

Wenn uns nur die verrückten Wissenschaftler von Facebook und OkCupid aus unserer Lethargie herausreißen können, dann sollten wir auf viel mehr solcher Experimente bestehen. Und das Kleingedruckte erst recht nie wieder lesen.

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