Journalisten: Wegelagerer und Indiskretins. Helmut Schmidt

Schöne Nachricht

Was der Nachrichtendienst WhatsApp und Fußballikone Cristiano Ronaldo gemein haben.

Eigentlich gehört es sich nicht, zum Geburtstag über den Tod zu spekulieren. Zwei Wissenschaftler aus Princeton taten es trotzdem: Im Januar veröffentlichten sie eine Studie, die fast zeitgleich zu Facebooks zehntem Geburtstag das Ende des Netzwerkes voraussagte.

Die Forscher verglichen die Ausbreitung von Facebook mit einer typischen Virusepidemie: Nutzer stecken einander an, das heißt, sie motivieren sich gegenseitig zum Gebrauch des Netzwerks. Und wie bei der alljährlichen Grippewelle entwickeln sie irgendwann eine Resistenz gegen den Keim, sie erholen sich. Die Forscher prognostizierten, dass Facebook auf ganz ähnliche Weise langsam zugrunde gehen wird: Immer weniger Menschen schauen rein, schließlich wenden sie sich komplett davon ab. Anhand von immer geringeren Suchanfragen zum Thema Facebook schlussfolgern sie, dass dort zwischen 2015 und 2017 allmählich das Licht ausgeht.

Alle wollen den Koloss wanken sehen

Derlei Abgesänge auf das weltgrößte soziale Netzwerk gibt es zuhauf. Was sie alle eint, ist die Sehnsucht, den Koloss Facebook endlich wanken zu sehen. Doch alle Unkenrufe unterschätzen Mark Zuckerberg und sein Team – wie dieses gerade wieder bewies.

19 Milliarden US-Dollar: Diese astronomische Summe zahlt Facebook laut Medienberichten für die Übernahme des populären Kurznachrichtendienstes WhatsApp. Sie beweist, dass der Social-Media-Platzhirsch die Abgesänge nur zu gut kennt – und zu schwindelerregenden Großinvestitionen bereit ist, um das Unternehmen langfristig am Leben zu halten.

Wie nötig diese sind, wurde spätestens bei Facebooks Börsengang vor zwei Jahren klar. In den offiziellen Angaben für die amerikanische SEC gab das Unternehmen unumwunden zu, dass sein auf Werbung basierendes Geschäftsmodell nur bei fortschreitendem Wachstum des Netzwerks rentabel sei. Die Aktie legte daraufhin einen der schlechtesten Börsenstarts aller Zeiten hin – Investoren waren skeptisch, ob dieses Wachstum überhaupt möglich sei, schließlich stagnierten die Zuwachsraten von Facebook bereits damals. Schlimmer noch: auf mobilen Geräten drohte Facebook den Anschluss zu verlieren.

Auch die Investoren lagen falsch. Nicht nur gelang es Facebook, sein Werbemodell auf Handys zu übertragen (mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte erwirtschaften die Kalifornier mittlerweile mobil), die Investoren unterschätzten auch den aggressiven Expansionskurs von Zuckerberg und Co. In den vergangenen Jahren begann Facebook, schlichtweg alles zu kopieren oder zu kaufen, was seinem Wachstum im Wege stehen könnte. Warum nur ein Stück des Social-Media-Kuchens abbekommen, wenn man auch den ganzen Kuchen verspeisen könnte? Facebook kopierte Features von Twitter und dem Ortsdienst Foursquare, es übernahm den Fotodienst Instagram. Noch vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die Macher der vor allem unter jungen Leuten populären App Snapchat ein Übernahmeangebot im Wert von 3 Milliarden Dollar ausgeschlagen hatten.

Facebook hat nun eine andere Messaging-App erworben. Und in Anbetracht der Übernahmesumme für WhatsApp erscheint das Verhalten der Snapchat-Macher nicht einmal gierig, sondern geradezu vernünftig: Die Tech-Industrie erlebt augenblicklich einen Hype, den es seit der Dotcom-Blase in den 1990er-Jahren nicht mehr gab. Es herrscht ein bedingungsloser Glaube an zukünftige Gewinne – und die Übernahmesummen haben kaum noch etwas mit der Realität zu tun.

WhatsApp wird laut eigenen Angaben von 419 Millionen Menschen weltweit genutzt, die jährlich 99 Cent für den Dienst zahlen. Das ist ein bemerkenswert erfolgreiches Geschäftsmodell – aber man braucht keinen Taschenrechner, um zu erahnen, dass die Gewinne in naher Zukunft kaum den Übernahmepreis zurückverdienen werden.

Der Ausverkauf geht weiter

Es geht also um viel mehr: Facebook übernimmt WhatsApp, um sich zukünftigen Erfolg zu erkaufen. Und um den Konkurrenten zuvorzukommen. Denn auch Apple (Messages) und Google (Hangouts) möchten den Nachfolger der SMS kontrollieren, möchten die Plattform für Interaktion in Echtzeit stellen.

Für die Branche bedeuteten die 19 Milliarden für WhatsApp daher das, was die Millionenablöse Cristiano Ronaldos einst für die Fußballwelt bedeutete. Als der Spieler 2009 von Manchester United zu Real Madrid wechselte, zahlten die Spanier sagenhafte 94 Millionen Euro – eine bis dato ungekannte Summe. Doch Ronaldo machte einen sehr guten Verein noch ein Stückchen besser, sein Wechsel band einen Ausnahmespieler auf dem Höhepunkt seiner Karriere an den Verein. Die direkten Konkurrenten konnten nur noch zusehen, wie er ein Tor nach dem anderen schoss.

Die Transfersumme für Ronaldo veränderte die Fußballwelt: Sie schuf eine neue Dimension der Übernahmesummen. Die Preise für Spielertransfers schossen seitdem in die Höhe. Einige Spieler sind praktisch unbezahlbar geworden, weil astronomische Summen für ihren Transfer festgeschrieben sind.

In der Technik-Branche werden wir schon bald Ähnliches erleben. Doch bis dahin geht der Kampf um die größten Nutzerzahlen und die Wachstumsbesessenheit unter Verbrennen größtmöglicher Summen weiter.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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