Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. Joseph Ratzinger

Die Spitze des Eisberges

Frank Schirrmacher fürchtet eine Erosion der Erinnerung durch fortschreitende Datenerfassung. Doch der Mensch ist mehr als die Summe seines Internetverhaltens.

Dieser Tage wird ein spannender Artikel von Frank Schirrmacher im Internet herumgereicht: Unter dem Titel „Wir brauchen eine europäische Suchmaschine“ warnt der „FAZ“-Herausgeber vor der Verschiebung unseres Gedächtnisses in die Cloud. Seine Warnung vor der Auslagerung zu vieler Daten an einen Privatkonzern im Ausland ist zu begrüßen – denn niemand kann bisher absehen, wie sich der Umgang mit solchen Daten entwickeln wird. Darüber hinaus geht es in dem Artikel allerdings um die allgemeine Fragestellung, welchen Einfluss das Internet auf das menschliche Verhalten haben wird: Wenn frei nach Googles Mission alle Daten auf der Welt erfasst und durchsuchbar gemacht wurden, und wenn diese Daten durch Informationen über unser Onlineverhalten logisch verknüpft werden, könnte die Suchmaschine uns in Zukunft gar so weit überlegen sein, dass sie eigenes Erinnern und Denken überflüssig macht?

Seine Ausführungen sind deswegen so interessant, weil sie an Nicholas Carrs viel wiederholte Frage „Is Google making us stupid?“ anknüpfen: Schirrmacher beruft sich dabei auf mehrere Studien, die eine verringerte Erinnerungsfähigkeit feststellten, sofern die zu merkende Information auch online verfügbar ist. Wo dieses Bild jedoch zu weit geht, ist bei den folgenden Drohszenarien – angefangen bei der Überlegung, bald ein ganzes Menschenleben aufzunehmen und auf ein Speichermedium zu bannen, bis hin zu düsteren Anspielungen auf die „Matrix“.

Die wenigsten Informationen sind sichtbar

Bei solchen Überlegungen technisiert Schirrmacher die Realität und versucht sie als etwas Speicherbares zu präsentieren. Doch wo kann man die Linie zwischen tatsächlicher Wahrnehmung und speicherbaren Daten ziehen? Um ein Menschenleben tatsächlich aufzuzeichnen, und dabei das Szenario zu erreichen, auf dem Schirrmachers Warnung fußt, fehlen noch viele Puzzleteile.

Der Neurowissenschaftler David Eagleman beschreibt, welche Komplexität unseren Köpfen innewohnt. Das Bild, was sich einem bietet, ist in der Tat beeindruckend und lässt erahnen, wie wenig von dem, was unser tägliches Handeln beeinflusst, tatsächlich bewusst geschieht. Trotz aller Zukunftsszenarien über Speichermedien ist und bleibt das menschliche Gehirn die komplexeste Form eines Speichers auf der Welt. Und obwohl die menschliche Erinnerungsfähigkeit normalerweise beim langfristigen Speichern von Fakten und Daten hinter Computern zurückbleibt, operiert es auf eine andere, viel beeindruckendere Weise, die auch genaue Informationen über Textpassagen in Büchern banal wirken lässt: Es speichert komplexe Emotionen, Wahrnehmungen wie Geschmäcker und Gerüche und verknüpft diese in Echtzeit. Jeder hat es erlebt, etwas aus der Kindheit nach vielen Jahren erneut zu sehen und dabei von einem Schwall der Erinnerungen eingeholt zu werden, mit einer solch intuitiven Relevanz, wie sie bislang kein auf Algorithmen basierendes System leisten kann. Diese Analogie demonstriert bereits, wie viel von unserer Realität unterbewusst abläuft und welche Denkprozesse laufend stattfinden. Wenn das vom Menschen bewusst Erlebte allerdings lediglich die Spitze des Eisberges ist, dann ist es auch eine verhältnismäßig geringe Informationen über unser Verhalten, wir wirklich online preisgeben können. Schirrmacher hingegen suggeriert, diese komplexen Wahrnehmungen bis hin zu „Schlüsselreizen, die den individuellen Konsum über Gefühle und Assoziationen auslösen“ können irgendwie erfasst und damit festgehalten werden. Im Kontext all unserer Wahrnehmungen erscheinen die von Google erfassten Daten also winzig, zumal weitere Erhebungen ein geradezu groteskes Überwachungsszenario erfordern würden, damit „nicht einmal ein Räuspern“ verloren geht.

Zeigefinger runter

Dennoch fordert Schirrmacher eine alternative „europäische Suchmaschine“ – und verweist auf Baidu, welches in China einen so hohen Marktanteil genießt wie hierzulande Google. Dabei handelt es sich um das, was der Amerikaner fighting fire with fire nennt – und es entbehrt einer gewissen Logik. Nun den Unkenrufen über die „Datenkrake“ zu folgen, und unsere Daten dafür von einem Server auf den anderen zu verschieben, ist in sich paradox. Stattdessen muss der kritische Blick geschult werden, damit wir beim Gebrauch des Netzes erkennen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ersten Eisenbahnen verkehrten, protestierte ein bayerisches Ärztekollegium, diese zu damaligen Zeiten unglaublichen Geschwindigkeiten von bis zu 14 km/h könnten das Gehirn der Mitreisenden ernsthaft beschädigen: zu schnell sei die Reisegeschwindigkeit, die auf den Reisenden einströmenden Eindrücke könnten gar nicht verarbeitet werden. Heute wissen wir, dass diese Angst unbegründet war – dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass wir die tägliche Leistung unseres Gehirns weiterhin gewaltig unterschätzen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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