Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Der alte Trick mit dem Fegefeuer

Die katholische Kirche geht mit der Zeit: Eine neue Strategie soll die Anzahl der päpstlichen Twitter-Follower in die Höhe treiben. Kann das klappen?

Eigentlich fühlte ich mich im tiefsten Sommerloch angekommen: Deutschland stritt über Bushido und sinnierte über Pep Guardiolas Lächeln, die „Bild“-Zeitung titelte gar zu Nacktfotos von Andrea Berg. Es war eigentlich nur meine Neugierde auf die unausweichliche Krokodils-Sichtung in einem deutschen Badesee und dieses schaurig-schöne Gruselgefühl bei der Berichterstattung über die Handvoll Spionageprogramme, wegen der ich noch meiner täglichen Nachrichtenlektüre nachging. Ein Glück, muss man sagen. Denn beinahe wäre mir die wohl spektakulärste Meldung des Sommers entgangen.

Was ist schon ein Klick im Jetzt für ewiges Seelenheil?

Obgleich ich für ein Magazin schreibe, das in manchen Kreisen als konservative Kirchenpostille gilt, bin ich kein Experte in theologischen Fragen. Die sieben Todsünden bekam ich kürzlich nur unter Mühe zusammen, schwieriger wären die Sakramente, ganz zu schweigen von römisch-katholischen Details übers Himmelreich. Dennoch stutze ich diese Woche über den Bericht im „Guardian“, dass dem Papst bei Twitter zu folgen die Zeit im Fegefeuer reduziere.

Selbstredend ist es für Journalisten seit Jahrhunderten unmöglich, solchen Behauptungen auf den Grund zu gehen. Die Worte von Petrus’ Nachfolger können schwerlich auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden, daher können wir sie entweder achselzuckend abtun oder doch schnell dem Pontifex folgen – im doppelten Sinne. Was ist im Zweifel schon ein schneller Klick gegen eine monatelange Zeitersparnis nach Ableben? Anders als bei herkömmlichen Werbebotschaften oder gar Arzneimitteln schreibt der Gesetzgeber bei theologischen Behauptungen weder einen tatsächlichen Wahrheitsgehalt noch eine nachgewiesene „Wirksamkeit“ vor. Das Angebot ist also derart verlockend, dass man getrost von der Social-Media-Strategie des Jahres, fast möchte man Ewigkeit sagen, sprechen kann. Wer hätte erwartet, dass die viel gelobte Bodenständigkeit des neuen Papstes in eine solche Schlitzohrigkeit umschlagen würde?

Je mehr ich aber an die Herren in Rom und ihre neu erlangte crossmediale Kompetenz denke, desto schaler wird der Beigeschmack. Im Vatikan mag man sich am Puls der Zeit fühlen – aber müssen wir den modernen Anstrich des Ablasshandels wirklich genauso schlucken wie die alten Gruselgeschichten übers Fegefeuer? Wichtiger noch: Gönnen wir dem Vatikan einen Erfolg in den sozialen Netzwerken mit einer – Verzeihung – Erpressungstaktik?

Der Moment schlägt die Ewigkeit

Ich glaube kaum. Und daher ist es eine glückliche Fügung, dass der alte Trick mit dem Fegefeuer auf taube Ohren stoßen dürfte. Das tatsächliche Problem des Heiligen Stuhls ist nämlich viel größer als der mögliche Zugewinn an Twitter-Followern: Menschen leben mittlerweile viel zu sehr im Hier und Jetzt, als langfristige Pläne zu hegen, geschweige denn ans Leben nach dem Tode zu denken. Unsere Gesellschaft kommuniziert in Echtzeit, genießt Bestellungen mit evening express bei Amazon, verlernt das Warten und teilt jeden flüchtigen Moment bei Instagram. Der Autor Douglas Rushkoff spricht in seinem Buch „Present Shock – When everything happens now“ gar von einem Kollaps des Narrativs: Alte Geschichten tragen nicht länger, wenn unser Fokus statt auf die Vergangenheit oder Zukunft stets auf den Moment gerichtet ist.

Und so mag das päpstliche Versprechen einfach nicht zu dem Medium passen, das es zu bewerben versucht: Franziskus’ Ideen zum Seelenheil verklingen im ewigen Rauschen der Nachrichten. Wir mögen kurz schmunzeln oder aufhorchen, doch schon Sekunden später rutschen sie den Feed hinab, wo sie in dem Meer unzähliger Tweets verschwinden. Manche dieser Botschaften mögen kurz hervorstechen, doch Momente später gehören sie bereits zur Vergangenheit. Da mag das Fegefeuer noch so emsig lodern, wir verfolgen doch den aktuellen Moment – nur um ihn direkt wieder zu vergessen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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