Was anderes sind also Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden? Augustinus von Hippo

Google Goggles

Wenn 90% der deutschen Internetuser Google benutzen, dann ändert eine kleine Weichenstellung der Suchmaschine unseren Kurs – und vielleicht sogar unsere Sicht auf die Welt.

Gestern gab Google die Verfügbarkeit der sozialen Suche in Deutschland an und möchte damit die Suche für uns alle relevanter machen. Das ist clever, denn gerade der soziale Aspekt des Internets hat seinen Reiz: Facebook zeigt, dass von Freunden verlinkte Texte für uns interessant sind, da wir ihren Empfehlungen trauen. Zudem erleben wir, dass Online-Inhalte auch offline für Gesprächsstoff sorgen, da sie von unseren Bekannten gesehen wurden. So schaffen soziale Netzwerke den Eindruck, das Internet gemeinsam zu erleben und es menschelt im großen, weiten Web.

Ausgerechnet die Jungs aus Mountain View beißen sich jedoch unablässig die Zähne am Sozialen aus. Das mag daran liegen, dass Googles Erfolg von jeher auf Algorithmen beruhte, also einem rechnerischen Ansatz um relevante Inhalte für einen Begriff aufzustöbern. Größere Vorstöße des Unternehmen in die sozialen Medien quittierten die Nutzer jedoch entweder mit Ablehnung, da zu kurzsichtig mit ihren Daten umgegangen wurde, oder mit Verwunderung, als Google mit Wave etwas erfand, was man weder verstand noch brauchte.

Relevanz durch Freunde

Nun also die Suche, jenes Produkt, was einst den Durchmarsch an die Spitze des IT-Olymps erst ermöglicht hatte. Wieder einmal wird ein Algorithmus bemüht, um angemeldeten Benutzern relevante Links in der Suche anzuzeigen. Dabei berücksichtigt Google sowohl bisheriges Surfverhalten als auch das von Freunden, wie beispielsweise “Links von Google-Kontakten (…) oder Blogposts von Personen, die man im RSS-Reader von Google liest”, wie Heise berichtet .

Unlängst wagte sich Thilo Weichert, Datenschützer aus Schlesweig-Holstein auf das verbale Glatteis: Wir Deutschen hätten einen besseren Umgang mit unseren Daten daher nicht verdient, da wir Google benutzen . Wo Herr Weichert sich irrt, ist, dass die Menschen Google tatsächlich benutzen wollen – aufgrund des Mehrwertes, den die Suchmaschine bietet. Auf den ersten Blick ist die soziale Suche also nicht nur fortschrittlich, sondern auch begrüßenswert: Man findet schneller zu relevanten Ergebnissen. Sicher, Google macht das nicht aus Idealismus, denn auch Werbung wird in Zukunft noch personalisierter. Wer bei Street View sein Haus verpixeln ließ, mag davor zurückschrecken, doch durch weniger irrelevante Angebote wirkt Werbung weniger störend – und sie finanziert letztlich jene Angebote, die wir nicht mehr missen wollen.

Sortieren, bitte.

Das wirklich revolutionäre ist allerdings, dass die soziale Suche einen Wandel im erlebten Internet einläutet. Plötzlich hat Google, die Tür ins Netz für ca. 90% der deutschen Internetuser, für jeden von uns einen individuellen Anstrich. In seinem Buch The Filter Bubble: What The Internet Is Hiding From You beschreibt Eli Pariser die Auswirkungen der sozialen Suche auf das Verhalten der Benutzer: So sehen manche bei einer Suche nach “Ägypten” Einträge über Pyramiden und Urlaubsangebote, andere Leute beispielsweise Informationen über die neusten Entwicklungen nach der Revolution. Damit entsteht ein Wettkampf um die Aufmerksamkeit des Nutzers, denn nur eine Handvoll der ersten Suchergebnisse werden auch angeschaut und geklickt. Gewisse Ergebnisse fallen dabei durchs Raster. Manche Themen werden also nicht mehr im gleichen Maße bedient wie die des Nebenmannes mit anderen Freunden. Pariser schreibt, Google selektiere den “besten Link” nach der Wahrscheinlichkeit, dass der Benutzer ihn klickt – und nicht danach, welche Information eventuell am wichtigsten ist. Dadurch bleibt das Netz an sich so wie es war, doch die Suchmaschine als Eintrittspunkt verschiebt Verhalten und Wahrnehmung. Besonders brisant wird dies, wenn aufgrund des Surfverhaltens ausgesucht wird: Besuchen ich und meine Freunde öfter linke Webseiten, dann wird die Pressemitteilung der Jungen Union eher nach unten gestuft. Aus einer im weitesten Sinne demokratischen Suche, in der die am meisten verlinkten Seiten ganz oben auftauchen, wird somit ein vom automatischen Kurator vorsortiertes Internet.

Noch gibt es keinen Grund zur Paranoia, liebes Deutschland, aber wenn die Sucheinträge in Zukunft immer die eigene Meinung zu bestätigen scheinen, wird es vielleicht Zeit für einen Blick über den digitalen Tellerrand.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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