Plötzlich heimatlos

von Lars Mensel25.12.2012Gesellschaft & Kultur

Trotz ausgefallenem Weltuntergang gibt es das Verschwinden der eigenen Heimatstadt zu beklagen. Eine Spurensuche.

Meine Heimatstadt gibt es nicht mehr. Dort, wo einst ein beschaulicher Hamburger Vorort stand, wächst nun wieder ungestört die Lüneburger Heide. Das zumindest behauptete zwischenzeitlich Google Maps, wo ein Softwarefehler im Kartendienst die komplette Stadt verschwinden ließ und damit für empörte Schlagzeilen in der regionalen Presse sorgte.

Der Vorfall erinnert an die Deutsche Bahn: Voriges Jahr sorgte diese für viel Verwirrung bei Reisenden, als mehrere Züge auf der Strecke von Hannover nach Berlin nicht in Wolfsburg hielten. Deren Bewohner fühlten sich übergangen, die Republik spottete: Ausgerechnet Wolfsburg! Nun ist es mein eigener Heimatort, der vom Großkonzern ignoriert wird. Und gibt man sich dem Hirngespinst erst hin, scheint der Traum aller Entdecker zum Greifen nah: Der alljährliche Besuch in der Heimat fühlt sich an wie die Erkundung von echtem Neuland.

Reise in die Vergangenheit

Kurz vor Weihnachten herrschte in Berlin ein geschäftiges Brummen. Grob überschlagen besteht 80 Prozent meines Bekanntenkreises aus „Zugezogenen“, verpflanzten Deutschen aus allen Regionen der Bundesrepublik. In der Weihnachtszeit schwärmt das Bienenvolk aus: Wir treffen uns an Bahnhöfen und Flughäfen, die Autobahnen sind voller Fahrzeuge, alle Welt verlässt Berlin. Je weiter wir uns entfernen, desto leiser scheint es zu werden. Noch fällt Schnee und in Niedersachsen ist es bereits dunkel. Alles scheint an Ort und Stelle zu sein.

Bei Lichte des folgenden Tages besehen ist jedoch nichts mehr so wie es war: Seit dem letzten Besuch waren die Investoren da und so wurde die halbe Innenstadt eingeebnet, um dort ein Einkaufszentrum zu erbauen. Plötzlich steht das schläfrige Zentrum dem geschäftigen Berliner Hauptbahnhof nichts mehr nach. „Schön, dass Sie da sind“, steht auf gläsernen Schiebetüren und wir treten ein in den blitzsauberen Konsumtempel.

Ein Besuch in der Heimat wirkte oft wie eine Reise in die Vergangenheit: Die Zeit schien still zu stehen und auch wenn die Grundschuleinfahrt neu gepflastert oder das Gemeindehaus zum „Zahnarztzentrum Nordheide“ umgebaut wird, blieb der Gesamteindruck bestehen. In Berlin drehen sich derweil seit Jahren die Baukräne und wir zucken mit den Schultern, wenn dort an jeder zweiten Ringbahnstation ein identisches Einkaufszentrum eröffnet wird. Hier, an einem selbst von Google vergessenen Ort, ist plötzlich der große Wandel angekommen. Selbst die lokale Dönerbude konnte sich der neuen Realität nicht verschließen und trägt nun den Namen „Döner Galerie“. Synchron drehen sich zwei Dönerspieße im _Food Court_, gegenüber serviert eine ausdruckslose Bedienung asiatische Spezialitäten mit Kokosnuss.

Meine Freundin fühlt sich beim Betreten der Einkaufspassage wie in einer anderen Stadt und als wir die Mutter eines Bekannten treffen, nennt diese das Einkaufszentrum „unglaublich austauschbar“. Ich selbst schwanke zwischen der Resignation, hier plötzlich die gleichen Läden wie in allen deutschen Großstädten zu finden, und dem Enthusiasmus, dass sich plötzlich etwas bewegt. Angestiftet von der neuen Passage, legt sich auch der Rest der Stadt ordentlich ins Zeug – das Stadtzentrum ist kaum wiederzuerkennen. Meine Heimatstadt gibt es nicht mehr. Zumindest nicht mehr so, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Die Heimat gibt es trotzdem

Es wäre egoistisch, der Heimat aufgrund von eigenen Sentimentalitäten den Wandel übel zu nehmen. Ausgerechnet Berlin erfindet sich laufend neu und hat nicht zuletzt deswegen mich und jene 80 Prozent meines Bekanntenkreises angezogen. Dennoch ist bereits der Begriff „Heimat“ romantisch vorbelastet – besonders zu Weihnachten soll er nach heiler Welt und Beständigkeit klingen. Wir sehen alte Freunde, essen die immer gleichen Kekse von der Großtante und fahren nach wenigen Tagen zurück – an den Wohnort, unsere eigentliche Heimat.

Ein Glücksfall also, dass der Duden – immerhin eine Institution deutscher Korrektheit – in dieser Hinsicht erfreulich tolerant ist: Die Heimat ist „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend)“. Nehmen wir’s also leicht: Beides darf sich schon verändern – Heimat gibt’s trotzdem.

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