Deine Armut gefällt mir

Lars Mensel8.06.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Die Schufa erntet für die Einschätzung von Kreditwürdigkeit anhand sozialer Netzwerke große Kritik. Unbeabsichtigt zeigt sie aber auch ein Dilemma auf.

Eigentlich ist es doch hilfreich, endlich messbare Anhaltspunkte für grobe Fehltritte zu haben: Anno 2012 kann man sie dankenswerterweise “anhand von Twitter”:https://twitter.com/germanpsycho/status/210756895655473152 identifizieren und spätestens dann überdenken, wenn Anonymous “den Sprachcomputer anwirft”:http://www.youtube.com/watch?v=8V1qID7ApHA&feature=youtu.be. So geschehen mit dem “Konzept der ehrwürdigen Schufa”:http://www.ndr.de/ratgeber/netzwelt/schufa115.html, gemeinsam mit dem Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, die Kreditwürdigkeit nun auch anhand von der Aktivität in sozialen Netzwerken zu bestimmen. Aufregerpotenzial hat die Idee allemal, schafft sie doch den eleganten Spagat zwischen deutscher Datenschutzangst und ziemlich naiv wirkender Selbstüberschätzung.

Informationen gehen im Grundrauschen unter

Dabei ist die Einschätzung von Kreditwürdigkeit unbestreitbar wichtig: Nicht erst die Schuldenkrise zeigt, dass das Vergeben von Krediten guter Prüfung bedarf. Im Freitag “argumentiert Jürgen Geuter ziemlich überzeugend”:http://www.freitag.de/politik/1223-monopol-auf-menschenbewertung, dass der Schufa zwar das Bewertungsmonopol entzogen werden sollte, der Blick auf das Verhalten von Menschen aber zu begrüßen sei – verrät es doch oft mehr als nackte Zahlen. Er hat insofern Recht, als dass die Krise mit der Mär “einer unfehlbaren Wirtschaft”:http://theeuropean.de/joseph-vogl/8018-die-krise-des-kapitalismus aufgeräumt hat und auch die schönste Einschätzung wertlos ist, wenn sie das Verhalten von Menschen in der Wirtschaft außer Acht lässt Dennoch wirkt das Konzept ein wenig hilflos: Mag z.B. Facebook die Erfassung von Nutzerdaten auch “noch so gut gelungen sein”:http://www.theeuropean.de/michael-beck/11174-facebook-aktie-verliert-an-wert, ist es bekannt, wie sehr sich das Unternehmen nicht erst seit dem Börsengang “die Zähne daran ausbeißt”:http://nbergus.com/2012/02/how-i-became-amazons-pitchman-for-a-55-gallon-drum-of-personal-lubricant-on-facebook/, diese Daten auch sinnvoll zu verwerten. Wie die Schufa diese Auswertung ohne den gleichen Zugang wie die Programmierer aus Kalifornien schaffen möchte, erwähnt man nicht – es ist lediglich die Rede von der Einsicht öffentlicher Daten, z.B. „Nachrichten, Blogs, Wikipedia, soziale Netzwerke“.

Echte Daten und falsche Inszenierung

Der lange und stets schmerzvollere Kater nach dem rauschenden Börsengang von Facebook erklärt sich nach Meinung von Umfragen ausgerechnet an der Relevanz. Facebook “sei schlichtweg langweilig geworden”:http://www.taz.de/Umfrage-zu-Facebook/!94774/. In anderen Netzwerken sieht es nicht viel rosiger aus: Das Grundrauschen ist derart hoch, dass kaum tatsächliche Rückschlüsse auf die Person gezogen werden können. Und: Das Auftreten von Menschen in Netzwerken ist oft ein Mix aus echten Daten und enorm menschlicher Selbstinszenierung. Selbst in den Business-Netzwerken wie Xing und LinkedIn kann nicht alles für bare Münze genommen werden – man denke an geschönte Lebenslaufe wie vom “ehemaligen Yahoo-Chef Scott Thompson”:http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/falscher-doktortitel-in-der-vita-yahoo-chef-scott-thompson-tritt-nach-lebenslauf-affaere-zurueck_aid_752224.html oder die diversen erschlichenen Doktortiteln hierzulande. Als Nutzer kann einem das nur Recht sein: Ebenso Unwohl wie beim Gedanken an personalisierte Reklame, welche die eigenen Vorlieben kennt, ist einem wenig wohl bei dem Gedanken, dass die Schufa anhand der eigenen Tweets eine Einschätzung abgibt. Folgerichtig sollte man öfter über das eigene Vermögen twittern oder, um Twitter-User @intelligenceMRR sprechen zu lassen:

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