Lasst uns doch zahlen

Lars Mensel10.05.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Die Gratiskultur im Netz steht sich selbst im Weg – anstatt Reklame zu ertragen, sollten wir für gute Produkte zahlen können.

Das amerikanische Schnellrestaurant gegenüber der Redaktion wurde kürzlich mit einem neuen Neonschild ausgestattet, welches in bester amerikanischer Tradition mithilfe von Größe und Signalfarben zu beeindrucken versucht. Bestens leserlich strahlt das Schild nun bereits Hunderte von Metern die Straße hinab und taucht die Milchshakes der anwesenden Touristen in ein stimmig hellblaues Licht. Mit ähnlicher Logik bekleben die Berliner Verkehrsbetriebe seit Jahren ihre Busse und Straßenbahnen von oben bis unten mit so viel Reklame, dass der Blick aus dem Fenster kaum mehr die Umgebung erkennen lässt. Kürzlich fuhr ich in einem dieser Busse munter im Kreis, da ich die Umgebung nicht erkennen konnte – und wurde dafür beim Aussteigen mit einem gigantischen Bild von Udo Lindenberg beglückt. Von positiver Markenkommunikation konnte dabei keine Rede sein – und mir stellte sich die Frage, ob der Reklame nicht irgendwo Grenzen aufgezeigt werden müssten.

Werbung im Netz steckt in der Krise

Als hätte er schon vor Jahren im gleichen Bus gesessen, nahm sich der Bürgermeister von São Paulo, Gilberto Kassab, dieser Problematik im Jahr 2007 an und ließ nicht nur sämtliche Reklame im Stadtgebiet entfernen, sondern belegte das Anbringen derselben im öffentlichen Raum mit einer Geldstrafe. Fotos aus der Stadt zeigen nun “leere Wände mit Verfärbungen an Stellen”:http://www.flickr.com/photos/tonydemarco/sets/72157600075508212/, welche aufgrund der dauernden Plakatierung nie Sonnenlicht bekamen. Es sieht ein wenig gespenstisch aus, doch man möchte unwillkürlich tief durchatmen – denn der öffentliche Raum der Gegenwart ist so vollgestellt mit Werbebotschaften, dass die Bilder aus Brasilien einer anderen Zeit zu entstammen scheinen. Im Schnitt sieht jeder Bundesbürger pro Tag 3000 Werbebotschaften – dennoch haben diese heutzutage mit einigen Herausforderungen zu kämpfen. So ist im Internet mit Reklame nahezu kein Geld zu verdienen. Prominente Ausnahmen wie Google und Facebook bestätigen die Regel, denn beide Firmen erwirtschaften trotz der äußert geringen Klickzahlen auf Werbung einen Gewinn, schlichtweg “aufgrund ihrer gigantischen Besucherzahlen”:http://techcrunch.com/2012/05/03/stats-facebook-made-9-51-in-ad-revenue-per-user-last-year-in-the-u-s-and-canada/. Für kleinere Seiten, besuchertechnisch in einer anderen Liga angesiedelt, ist die Rechnung daher in der Tat wie folgt: Mehr und größere Reklame führt auch zu mehr Klicks. Öffnet man die Webseite eines deutschen Nachrichtenportals, fühlt man sich an die Fahrt im Berliner Linienbus mit anschließendem Abendbrot im American Diner erinnert: Eingepfercht zwischen blinkenden Nachrichten steht traurig der Inhalt. Das ist kein Vergleich zum Leseerlebnis der Zeitungen und man fühlt sich unwillkürlich an die Unkenrufe erinnert, “im Internet könne nicht gelesen werden”:http://theeuropean.de/nicholas-carr/9761-daten-und-denkprozesse. Wollen wir aber wirklich in einer Welt leben, die komplett mit den Werbebotschaften vollgepflastert ist? Ist nicht ein kleiner Betrag, der oftmals bereits ausreichen würde, ein geringer Preis für die Umgehung der gigantischen Werbebotschaften und der verschwendeten Lebenszeit durch Werbeeinblendungen? Leider bin ich nicht der Erste, der sich diese Frage stellt, und dennoch scheint sie unlösbar. Dass sich im Fernsehen Bezahlsender wie z.B. Sky nur “schleppend”:http://www.n-tv.de/wirtschaft/Sky-verringert-Verlust-article5391396.html und hauptsächlich in Fußballkneipen durchsetzten, spricht Bände: Der Kunde ist eher bereit, Fußball daheim später und in der Zusammenfassung zu sehen oder dafür eine große Menge Werbung zu ertragen, als für den gewünschten Dienst die nötigen Kosten hinzulegen. Doch bleiben wir beim Internet: Wann ist die Schmerzgrenze über zu viel Reklame erreicht?

Der Benutzer steht zwangsläufig hinten an

Ich sage: Wenn das Produkt nicht mehr seinen eigentlichen Zweck erfüllen vermag, da es durch zu viel Reklame verschmutzt wird. Ein gutes Beispiel ist dafür der populäre Dienst Twitter, welcher sich – momentan noch nahezu werbefrei – enormer Beliebtheit erfreut. Twitter plant seit Jahren, zwischen den Nachrichten auch Reklame anzuzeigen und würde damit das Produkt bedeutend verändern. Man stelle sich vor, Telefonieren sei umsonst – das Gespräch würde jedoch regelmäßig durch Werbeeinblendungen unterbrochen. Die Analogie mag hinken, doch es ist klar: Mit der ursprünglichen Erfahrung des Telefonierens hätte das nicht mehr viel gemein. Der geneigte Leser mag einwerfen, dass zumindest Werbeblocker Abhilfe gegen die Werbung im Netz bieten. Leider erzeugen diese jedoch gleichzeitig ein neues Dilemma. Webseiten, “wie übrigens auch diese”:http://theeuropean.de/static/10259-werbung, finanzieren sich oftmals zum Teil über Werbung und benötigen die Augen (und Klicks) der Leser. Kein Wunder, dass Seiten wie „Spiegel Online“ eine Bildstrecke über 15 Seiten verteilen – jede neu geladene Seite entspricht einer weiteren Page Impression und – nach der (glücklicherweise langsam verklingenden) Logik der Werber – auch klingelnden Kassen. Der Benutzer steht dabei zwangsläufig hinten an. Der Fehler der Gratiskultur liegt also nicht nur im Weggeben der Inhalte, sondern in der weit verbreiteten Weigerung, Benutzern die Möglichkeit einer Zahlung einzuräumen. Lieber wird ein gutes Produkt durch Werbung schlechter gemacht, da man davon ausgeht, niemand würde im Internet für irgendetwas zahlen wollen. Phänomene wie der Erfolg von App-Stores beweisen jedoch seit Jahren das Gegenteil. Als Nutzer sollten wir daher verlangen, für Dienste und Produkte im Internet auch zahlen zu können. Ich bin fest davon überzeugt, dass Tausende von Twitter-Nutzern liebend gerne einen monatlichen Betrag für den Dienst springen lassen würden, wenn dies bedeutet, dass er sie nicht mit Werbung belastet – welche ohnehin kaum geklickt wird. Es ist nur logisch, dass Dienste auch im Internet kostendeckend arbeiten müssen, denn spätestens wenn die letzten Investorengelder verbraucht sind, wird ansonsten der Nutzer zum Produkt. Wie es das Sprichwort so schön auf den Punkt bringt: „Wenn du nicht herausfinden kannst, was verkauft wird, dann bist du vermutlich selbst das Produkt.“

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