Wir verlieren unsere Arbeit an Maschinen. Jeremy Rifkin

Rudelbildung

Facebook ist ein Gefängnis ohne Mauer: Theoretisch kann jeder sich dem sozialen Netzwerk verweigern. Praktisch ist Facebook als Dreh- und Angelpunkt unseres Soziallebens inzwischen alternativlos.

Wenn Jeff Jarvis in seinem neuen Buch “Public Parts” provokant fragt, ob Privatsphäre nicht einfach überbewertet ist, dann zuckt ganz Deutschland aus Reflex erst einmal zusammen. Auch wenn er sich letztendlich für Privatsphäre im Netz ausspricht, argumentiert Jarvis, dass ein gewisser Grad von Öffentlichkeit uns in vielerlei Hinsicht hilft, miteinander zu kommunizieren und einander zu verstehen. Wo jedoch die Grenze gezogen wird, ist nicht nur von Land zu Land anders, sondern muss auch mit dem technischen Fortschritt laufend neu definiert werden.

Instant-Protest

Mark Zuckerberg ist so etwas prinzipiell ein zu großer Stein im Weg zur Zukunft und daher präsentiert er jede Neuerung seines sozialen Netzwerkes auf großer Bühne mit der Faszination eines Überzeugungstäters. Da mag es kaum zu Buche schlagen, dass die Bühnenpräsenz des ewigen College-Studenten im grauen T-Shirt hölzern und ungelenk erscheint, sein Enthusiasmus steckt trotzdem irgendwie an. Wer möchte schon zurückbleiben, wenn die Zukunft der Kommunikation erfunden wird? Über die Neuerungen, die Facebook dieses Mal seinen Nutzern auferlegt, ist viel geschrieben worden, doch auffällg war dabei wieder einmal der große Protest von allen Seiten. Besonders hier im Land der Datenschützer erscheint es uns als alles andere als geheuer, dass Facebook unseren kompletten Lebenslauf inklusive Babyfoto hübsch aufbereitet ins Internet stellt.

Wahrlich interessant ist dabei, dass Facebook bei jeder Neuerung erneut als Sau durch’s Dorf getrieben wird, der Protest aber jedes Mal aufs neu erstickt, ist das wahrlich interessante an diesem Phänomen. Das liegt nicht an Zuckerbergs mitreißender Präsentation oder dem tatsächlichen Mehrwert der Neuerungen. Stattdessen hat Facebook das Gefängnis ohne Mauer errichtet – sicherlich, man kann dort jederzeit raus, aber wer möchte das schon, bei allem, was man verpassen würde? 

Der ultimative Lock-In

Zum einen sind das die bestehenden Verbindungen – diese mühsam zusammengetragene Liste aus Freunden und Bekanntschaften nun einfach zu verlassen, ist keineswegs einfach. Ebenso kurzsichtig muss sich ein Benutzer fühlen, der aus Protest vor Neuerungen das Netzwerk verlässt, um daraufhin in die Arme des nächsten Großkonzerns zu laufen.

Zuckerberg weiß um diesen Lock-In und vor allem, dass die Menschen immer dorthin strömen, wo ihre eigenen Freunde sind. Dass diese kritische Masse von der Konkurrenz schwer zu erreichen ist, lässt ihn gefahrlos immer wieder aufs neue in die Privatsphäre seiner Nutzer eingreifen. Und damit sind wir genau bei dem Punkt, an dem der Sprung von analog zu digital krankt: Bei jeder Digitalisierung menschlicher Kommunikationsformen schiebt sich ein Konzern zwischen die Menschen.  

Jarvis argumentiert, dass wir in dieser neuen Welt zwar ein wenig Privatsphäre aufgeben, dabei allerdings statt als anonyme Masse in Zukunft als Individuen wahrgenommen werden. Sein Optimismus über den Wandel finde ich erfrischend, doch bleibt bei allem der bittere Beigeschmack der Alternativlosigkeit. Um die Vorteile der neuen Technologien nutzen zu können, ist ein gewisses Maß an Offenheit gefragt – doch dabei darf der Wunsch nach einem dezentralen Netzwerk nicht zugrunde gehen. Bis dahin lausche ich weiter dem grinsenden Mark Zuckerberg.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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