Städte übernehmen von Staaten die Rolle als Problemlöser. Benjamin Barber

Die Gedanken sind frei

Auf Biegen und Brechen soll auch im Netz zwischen verschiedenen Informationsquellen unterschieden werden. Doch obwohl das der Einordnung hilft, ist die moderne Welt vielleicht schon einen Schritt weiter, als wir uns eingestehen möchten.

„Selbst den Rundfunk kann das Internet in puncto Schnelligkeit noch in den Schatten stellen“, philosophierte unsere Kanzlerin in dieser Woche auf dem Zeitungskongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger – und machte sich in einer Rede über die Medienlandschaft anno 2011 gleichzeitig für den traditionellen Qualitätsjournalismus stark. Damit dürfte sie einige Journalisten im Publikum beruhigt haben, die aufgrund Internet und Medienwandel massiv ihre Felle davonschwimmen sehen und sich nach einem Treuebekenntnis von höchster Stelle sehnten. „Private Medienunternehmen und Verlage brauchen genügend Spielraum. Ihre Investitionen müssen sich rechnen. Schränken die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender den Spielraum der privaten Anbieter zu sehr ein, gerät unser bewährtes duales System ins Wanken“, sprach die Kanzlerin, und im Publikum muss die Welt ein kleines bisschen in Ordnung gewirkt haben.

Keine Sentimentalitäten

Doch während hierzulande der Journalismus an den Gratisinhalten krankt und man wechselseitig nach weniger Staat (Tagesschau-App) und mehr Staat (Leistungsschutzrecht) ruft, entstand in den USA eine andere, wenngleich nicht weniger kontroverse Debatte. Dort schrieb der US-Blogger MG Siegler mitten im Wirbel um seinen Arbeitgeber TechCrunch ein brennendes Plädoyer für flexiblere Wahrnehmung von Inhalten. Um seine Nachricht auf ihre zwei Kernsätze herunterzubrechen: „Information is all that matters. All the rest is bullshit.“
Nun mag Herr Siegler ausgerechnet für einen erfolgreichen Blog schreiben, der sich kaum über mangelnde Leserschaft oder erdrückende Konkurrenz beschweren kann. Seine Kritik an den traditionellen Medien kann daher klingen, als würde er vom hohen Ross hinab sprechen: „Lasst sie doch Kuchen essen!“

Dennoch sollte man die These bei all den hitzigen Debatten einmal überdenken. Siegler behauptet, im Internet zählen langfristig nicht die großen Namen, sondern Informationen. Damit wäre der Medienumbruch praktisch eine Tabula Rasa, auf der sich alle Akteure, inklusive der traditionellen Qualitätsmedien, neu zu behaupten haben. Schlussendlich gewinne die beste Information, ihre Quelle sei zunächst zweitrangig.

Gretchenfrage Informationspflicht

Diese Erkenntnis krankt an einigen Ecken – denn große Medienhäuser haben eine unbestrittene Marktmacht, mit der sie den kleinen Bloggern eine Nase voraus sind. Nichtsdestotrotz will dieser Grundgedanke eines Wettbewerbes vielen Akteuren anscheinend nicht in den Kopf. Der geschätzte Kollege Gunnar Sohn ergriff Anfang dieser Woche bereits Partei für die Blogger der Welt, auf die in der Medienlandschaft dazu noch abfällig heruntergeschaut wird. Stichwort „Wo kämen wir denn hin, wenn jetzt jeder etwas schriebe?“

Wenn die Kanzlerin dann von der großen Rolle der Zeitungen spricht, von ihrer Fähigkeit einzuordnen und zu informieren, dann schlägt sie prinzipiell in eine ähnliche Kerbe. Dabei behauptet sie, Qualitätsjournalismus ließe sich durch Blogger nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Allerdings spricht niemand vom Ersetzen, sondern nur von einer Gleichbehandlung – so wichtig traditionelle Medien sind und sein werden, rückschrittlich erscheinen sie doch, wenn sie auf ihre alleinige Informationspflicht pochen. So gesehen kann man sich durchaus fragen, ob das Einordnenlassen durch traditionelle Medien vielleicht schon lange vom Filter zum problematischen Reflex verkommen ist. In der echten Welt erfolgt Einordnung auch nicht bloß durch wenige Referenzpersonen, sondern auch durch Reflexion und Gespräch mit anderen. Warum das im Internet anders sein sollte, ist mir ehrlich gesagt rätselhaft. Ob nun Blogger oder Journalist, am Ende zählt tatsächlich die Botschaft. Und Frontalunterricht braucht es dabei genauso wenig wie eine Welt ohne verlässliche Medien.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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