Wir müssen jederzeit mit IS-Anschlägen rechnen. Guido Steinberg

Im Deep Web hört dich niemand schreien

Historische Ideen, die uns heute einschränken: Tunnel für Pferdekutschen, Tastaturanordnungen für eine Schreibmaschine – und das Eingabefeld für die Suchmaschine.

Auch bei der Kanzlerin ist die bundesdeutsche Internetrealität angekommen. „Google beschäftigt uns viele Stunden am Tage“, bemerkte sie vor nicht allzu langer Zeit. Das Wort „googlen“ sei „sozusagen fast ein deutsches Wort geworden“. Damit hat die Suchmaschine in der Tat das geschafft, was in unserem Land ansonsten nur solch klangvollen Begriffen wie fönen, einwecken oder neuerdings hartzen vorbehalten blieb – es wurde zum Synonym für eine Tätigkeit, in diesem Fall Suchen. Was es bedeutet, dass uns ein Verb bereits die Interaktion mit einer Marke vorgibt, steht auf einem anderen, viel größeren Blatt – aber es weckt bereits den Verdacht, dass uns unsere Herangehensweise an die Suche noch viel zu sehr einschränken könnte.

„Du weißt schon, das Lied mit dem Sänger“

Suchen funktioniert heutzutage über eine Eingabemaske, in die man das zu Findende eingibt. Als findige Programmierer vor Jahren auf den Gedanken kamen, eine Suche in den Browser einzubauen, ergab sich zwar ein echter Vorteil (man sparte den Weg zur Suchmaschine) doch legten sie damit die Weichen für eine wahrhaftige Pfadabhängigkeit: Noch heute sind wir gefangen in dieser Suchmaske – denn wenn wir etwas vom Internet wollen, dann geben wir es dort ein.

Die Grenzen dieser Herangehensweise zeigen sich bei der Bedienung des Musikdienstes Spotify. Gegen Anmeldung bekommt ein Nutzer dort pro Monat 20 Stunden Zugang zu einer schier grenzenlosen Bibliothek von Musik. Doch meine anfängliche Begeisterung wich recht schnell der Erkenntnis, dass auch die größte Musikbibliothek einem nicht mehr hilft, wenn man bei jedem Öffnen zunächst mit einer leeren Suchmaske und einem hoffnungsvoll blinkenden Cursor konfrontiert ist. Woher weiß man, was man da eigentlich hören möchte und drückt es in einer Form aus, die die Suchmaske versteht? Eine echte Zivilisationskrankheit.

Finden ist immer besser als Suchen

Vorbei sind also die Zeiten, wo man mit seiner Plattensammlung angeben konnte. Warum sich auch auf einige Platten beschränken, wenn man alle haben könnte – ohne dabei wöchentlich darauf Staub wischen zu müssen. Spotify ist ein Beispiel, welches die Zukunft aufzeigt: Denn lange wird es nicht mehr dauern, bis die meisten Daten dieser Welt irgendwo online gespeichert sind. Wir brauchen daher keine gigantischen Festplatten in unseren Computern, sondern können alles extern ablegen – es muss nur gefunden werden. Das verändert auch die Geschäftsmodelle: weg vom Bereitstellen der Inhalte, hin zu deren Auffindbarkeit.

Das erinnert an das Deep Web – jenen mystischen Teil des Internets, den man nicht durch eine Suchmaschine finden kann. Über seine genaue Größe streiten sich die Experten, aber sicher ist: Unter der Oberfläche des Sichtbaren verbergen sich noch gigantische Datenmengen. Das Dilemma ist dabei nicht nur die Dominanz einer einzigen Suchmaschine, sondern auch die Art und Weise, wie gesucht werden kann.

Pfadfinder, wir brauchen Pfadfinder!

Der wahrhaftige Paradigmenwechsel steckt dabei noch in den Kinderschuhen: Programme wie Shazam können einen Musiktitel identifizieren und sorgen damit bei Erstbenutzern regelmäßig für Begeisterung. Warum? Weil es etwas durchsuchbar macht, was wir innerhalb unserer Denkweise mit dem Fokus auf die Suchmaske nie für möglich hielten. Google bietet nun auch die Suche nach mit der Kamera aufgenommenen Bildern an. Und Firmen erheben die Ortsdaten auch nicht ohne Grund – all dies sind Möglichkeiten, später Nadeln aus dem Heuhaufen zu ziehen.

Die Herausforderung dabei ist nur, so sehr um die Ecke zu denken, dass aus solch offensichtlichen Dingen wie einem Ort tatsächlich etwas Durchsuchbares wird. Warum kann ich meine Fotos beispielsweise nicht nach dem Wetter beim Aufnahmezeitpunkt durchsuchen? So könnte die Flucht aus der Suchmaske ein Weg zu völlig neuen Ergebnissen sein – und damit trotz der beharrlichen Kanzlerin auch den Begriff googlen wieder auflösen. Wir müssen nur erst einmal darauf kommen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lars Mensel: Schuldige Opfer

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