Eine Party ist eine Party ist eine Party

Lars Mensel7.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Verbieten müsste man sie, diese Facebook-Partys! Was den Innenministern jedoch als Lösung gegen die spontanen Feste vorschwebt, zeugt von einem mangelnden Verständnis vom Internet. Einmal Nachsitzen für die Verbotskultur.

Selbst die „New York Times“ macht manchmal Fehler. Tatsächlich: Denn seit wenigen Wochen hat die Zeitung eine Bezahlschranke, um auch im “digitalen Zeitalter am Qualitätsjournalismus zu verdienen”:http://www.theeuropean.de/clay-shirky/1633-journalismus-und-das-internet. Leider trägt die Umsetzung dieser verständnisvollen Idee geradezu groteske Züge: Möchte man die Zeitung nämlich digital lesen, gibt es verschiedene Preise für Endgeräte. Dabei unterscheidet die Grey Lady zwischen Computer, Mobiltelefon und Tablet. Kopfschmerzen gibt es spätestens, wenn man eine Kombination der verschiedenen Geräte nutzt: Möchte man unterwegs auf dem Telefon lesen und den Rest der Zeitung zu Haus virtuell auf dem iPad durchblättern, “so wird es gleich $15 teurer”:http://www.nytimes.com/subscriptions/Multiproduct/lp5558.html?campaignid=37WXW. Groteskerweise versteht die „New York Times“ also nicht ihre eigene Zeitung als Produkt, sondern versteift sich stattdessen auf die Darstellung der Zeitung auf Endgeräten. In der analogen Welt hieße das, ich müsste mehr dafür zahlen, dass ich meine Zeitung vom Frühstückstisch auch mit in die S-Bahn nehme – man sieht den Wald vor lauter Bezahlschranken nicht mehr.

Consider the big picture

Das Internet verändert unser aller Leben; und “dass alte Denkweisen daran angepasst werden müssen”:http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/extra_3/media/extradrei437.html, ist mittlerweile klar. Dabei wird jedoch oftmals leidenschaftlich am Ziel vorbeigeschossen. Das aktuellste Beispiel dafür sind die gerade so emotional diskutierten „Facebook-Partys“: Spaßvögel rufen zur Veranstaltung auf, laden dazu alle ein, die Lust haben, und bevölkern plötzlich wie aus dem Nichts den öffentlichen Raum. Bürgermeister brechen Dienstreisen ab, die Polizei rückt aus, das Jugendamt fährt Streife. Aber sollte man die Partys deswegen im Vorhinein verbieten, “wie es die Innenminister fordern”:http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-07/Facebook-Party-Verbot? So eine „Lösung“ basiert auf dem Gedanken, die Party sei als etwas prinzipiell anderes zu behandeln, da sie über das Internet organisiert wurde. Niemand bestreitet, dass die Organisation von Veranstaltungen durch das Internet vereinfacht wird, doch das Endprodukt – eine Party – ist dabei dasselbe, unabhängig von der Organisationsform. Hier wird der gleiche Fehler wie bei der „New York Times“ gemacht: Nur weil es den Weg übers Internet geht, verändert es nicht die Sache an sich. Als Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür nagelte, forderte auch niemand das Verbot von Postern, denn die Aufregung entstand erst um sein Gedankengut. Jetzt ein Verbot zu fordern, heißt, genau diese Abstraktion im blinden Aktionismus zu ertränken.

Hört her, ihr Internetausdrucker

Also ist das Netz auch kein konspirativer Klub im Untergrund, sondern ein Kommunikationskanal. Wenn die Menschen das Internet nutzen, sei das über soziale Netzwerke oder E-Mail, dann ist das doch gerade eine wünschenswerte Entwicklung: Das Medium tritt in den Hintergrund und vereinfacht den Austausch zwischen Menschen in der echten Welt. Jede Verteufelung des Mediums ist daher kurzsichtig, denn sie konzentriert sich statt des Gesamtbildes auf kleine Störenfriede, die es im Keim zu ersticken gilt. Mit geltender Gesetzgebung kann man dabei bereits gegen die öffentlichen Versammlungen vorgehen, sollten sie tatsächlich ausufern, denn eine „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit“ geht dabei von den Besuchern der Feste aus, nicht von der Organisationsform. Das heißt: Wir können nicht jede beliebige Wurzel ausreißen, die wir mit einem Problem verbinden. Sicher, die Innenminister machen nur ihren Job und erhalten die „öffentliche Ordnung“ aufrecht, indem sie sich gegen das große, weite Internet mit seinen Horden von feierwütigen Jugendlichen stemmen. Doch gerade das Schöne an der “jungen, erlebnishungrigen Generation”:http://www.theeuropean.de/lars-mensel/7134-digitales-vergessen ist doch, dass sie nicht nur jedem Trend hinterherläuft, sondern mindestens ebenso schnell das Interesse daran verliert. Wie lange die Halbwertszeit der spontanen Facebook-Partys überhaupt sein kann, sei dahingestellt. Spätestens in ein paar Monaten löst sich das Problem übrigens ganz von selbst: Wer schon mal im Januar in Hamburg war, wird bestätigen, dass “Thessas Party”:http://wissen.dradio.de/soziale-netzwerke-thessa-und-die-folgen.33.de.html?dram:article_id=11045 im Winter wohl kaum 1.500 Besucher hätte. Ein Glück, dass es im Internet bis dahin neue Formen der Belustigung geben wird.

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