Ruhig mit den jungen Pferden

Lars Mensel14.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Aufgebrachte Diskussionen mit rauem Umgangston sind im Netz allgegenwärtig. Was die Menschen dabei so auf die Palme bringt, ist genau diese vermeintlich öffentliche Empörung.

Zu den Berliner Klischees gehört es, dass sich ausgerecht jene Menschen über Touristen und Zugezogene beschweren, die selbst erst seit einem halben Jahr in der Stadt wohnen. Und dennoch uferten die Proteste gegen immer größere Touristenmassen diesen Sommer so sehr aus, dass sie in die allgemeine Wahrnehmung rückten. Beim Anblick des Transparents “Tourists, stay out” wundert man sich, mit welcher Selbstverständlichkeit manche Menschen den öffentlichen Raum für sich beanspruchen. Die Frage aber, wo die Grenzen dieses Raumes zu ziehen seien, beinhaltet auch die Frage, wie das Verhalten des Einzelnen daran anzupassen sei. Schwer zu beantworten ist diese Frage auch deswegen, da die Allgegenwart des Internets in den vergangenden Jahren stark die Grenzen zwischen privat und öffentlich verschwimmen ließ. So ist der öffentliche Raum im Jahr 2011 nicht bloß auf den Straßen, sondern zunehmend auch im Virtuellen zu finden. Das Web 2.0 ermöglicht es praktisch jedem, die eigene Meinung kund zu tun, wobei der entschiedene Unterschied in der Anonymität liegt, die es erlaubt, jegliche Scham oder Zurückhaltung über das selbst gesagte abzulegen. Oftmals geschieht dies unter dem moralischen Deckmantel, das Gesagte sei zwar vielleicht politisch unkorrekt, müsse aber doch einmal gesagt werden. Interessant ist dabei, worüber sich aufregt wird: Im Internet toben wilde Diskussionen zu Themen, die das Privatleben des Einzelnen im Zweifelsfall kaum berühren, sei es die “Gleichstellung von Homosexuellen”:http://www.theeuropean.de/debatte/4182-homosexualitaet-heute oder “PID”:http://www.theeuropean.de/debatte/3724-praeimplantationsdiagnostik. Der Bürger schäumt und so gleiten Kommentare oft von einer Diskussion in wüste Beschimpfungen ab.

“Know you no shame, Mister?”

An dieser Stelle fragte sich unlängst Mark T. Fliegauf, “wie es um das Gewissen in unserem Lande bestellt sei”:http://www.theeuropean.de/mark-t-fliegauf/7269-gesellschaft-und-scham; dabei störte ihn insbesondere die von Medien und Prominenz vorgelebte Schamlosigkeit. Bei Diskussionen im Netz findet sie wiederum Ausdruck in einer Verrohung von Kommentaren. Ist es also die Diskussionskultur an sich, die den Einzelnen dazu reizt? Die US-Forscherin Jennifer Jacquet sieht Schamlosigkeit primär als “Reaktion auf zur Schau gestelltes Verhalten”:http://edge.org/conversation/is-shame-necessary. So argumentiert sie zwar vom Standpunkt des Umweltschutzes, doch ihre Theorie ist problemlos auf den digitalen Raum übertragbar: Vorgelebte Verantwortungslosigkeit relativiert die eigene Handlung, die als keine nennenswerte Untat mehr erscheint. Wenn also im Internet ein rauer Umgangston gepflegt wird und man sich über Dinge empört, dann liegt das auch am Durchdringen des privates Raumes durch öffentliche Themen: Beim Gebrauch des Internets sieht der Nutzer auf Nachrichtenseiten einen bunten Rundumschlag an Themen, wobei oftmals die “Berichterstattung auf Provokation und damit Klickzahlen ausgerichtet ist”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/7191-medienspektakel-griechenland. Verstärkt wird dies durch den Trend zu selektiver Darstellung: Reizthemen werden überdurchschnittlich beleuchtet, denn wer klickt beim Report über die Hungersnot in Somalia schon “gefällt mir”?

Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, nicht auf eigene Tatsachen.

Neben der vermeintlich besseren Welt mit Klimaschutzbedingungen, Umweltzone und Atomausstieg entsteht so eine Kultur der Reizthemen und Beschwerde im Netz, wo es zu allen Themen brodelt. Der Kraftstoff wird zwar mit Bio-Kraftstoffen angereichert, doch gerade durch das schlechte Gewissen, was den Menschen durch solche Maßnahmen gemacht wird, fühlen sie sich im Privaten auf den Schlips getreten. Am Wochenende erschien auf The European “ein Kommentar”:http://www.theeuropean.de/katharina-rimpler/6886-reduziert-den-fleischkonsum, der zur Reduzierung des Fleischkonsums aufrief – dies sei besser für Umwelt und Tiere, nicht zuletzt für uns selbst. Doch statt über diese Aufforderung zur Mäßigung nachzudenken, äußerten die aufgebrachten Kommentatoren, man würde nun erst recht richtig viel Fleisch grillen. Würde eine ähnliche Unterhaltung mit solch kindlicher Trotzreaktion auch offline stattfinden? Die Ironie dabei ist, dass die Wut im Netz völlig verpufft, denn schnell wird das Reizthema von heute abgelöst von dem Reizthema von morgen. Nur in Berlin flattert das Transparent gegen Touristen weiter im Wind.

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