Stammtischparole 2.0

Lars Mensel28.07.2011Gesellschaft & Kultur, Medien

Ginge es nach zahllosen Webseiten, so steht der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevor. Warum hört man diese Theorien nicht im Alltag?

Die Attentate in Norwegen werfen auch eine riesige Menge an moralischen Fragen auf. Darf Breiviks Manifest im Internet veröffentlicht werden? Ich denke schon, denn gerade daran ist zu erkennen, welch realitätsfernem Gedankengut er anhing. Interessant ist dabei, woher Breivik dieses xenophobe, paranoide Gedankengut nahm und wie er sich in seinem Alltag in diesen Ansichten bestätigt fand. Die Antwort findet sich in seinem “Manifest”, in dem er zahllose rechte US-Blogger zitiert, die eine ““Islamisierung””:http://www.theeuropean.de/christina-liang/4873-streitpunkt-islamisierung der Gesellschaft für genauso reell erachten wie Breivik.

Zu diesen Taten sind die wenigsten fähig…

Es wäre zu einfach und furchtbar kurzsichtig, würde man all denen die Schuld geben, die einer Ideologie anhängen, auf die sich ein Täter wie Breivik beruft. Genau das ist es, was das Feindbild vom Islam mitprägte und die große Mehrzahl der friedlichen Moslems in die Defensive drängte. Daher gilt festzuhalten, dass zu Taten wie denen in Norwegen nur die wenigsten Menschen fähig sind, gleichgültig, welchen Vorstellungen sie aufsitzen. Dennoch findet sich eine erschreckend große Menge an Internetquellen, die eine Überfremdung Europas, ähnlich wie Brevik sie zu erkennen meinte, als tatsächliche Bedrohung porträtieren und im Umkehrschluss den “Multikulturalismus”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/4629-das-projekt-multi-kulti verteufeln. Dabei werden diese Meinungen gerade auf zwielichtigen Internetseiten vorgetragen, die vor Paranoia nur so strotzen. Die Entschuldigung dafür ist, solch eine Meinung sei vermeintlich politisch unkorrekt und würde daher einfach in normalen Medien keine Plattform kriegen. Die treffendste Analogie dafür ist die vielbeschworene Stammtischparole: Ein Forum für Gedankenspiele rechter Art ist nichts anderes als eine moderne Form dieses Dialoges von weltfremden Männern über einem Glas Bier – die zahllosen Befürworter sind dabei die abnickenden Kneipenfreunde in der verrauchten Eckkneipe, die zustimmend murmeln.

Das Weltbild ist nicht gerade neu

Der deutliche Unterschied liegt allerdings darin, dass das Internet solche ehemaligen Nischenmeinungen massiv zu Tage treten lässt – eine Seite wie pi-news.de bekommt “täglich 50.000 Besucher”:http://www.pi-news.net/chc_2/stats/index.php. Auch kreuz.net, mit einem grotesk verdrehten Weltbild, laut dem Deutschland voller “linksgestörter” Reformern und “kranker” Homosexueller ist, erfreut sich großer Mengen Kommentare. Auf diesen Plattform bestätigen sich Gleichgesinnte ihr Weltbild nicht nur untereinander, sie sorgen auch dafür, dass es in sich geschlossen ist. So mag Breiviks Manifest vor Wahnvorstellungen wie Kreuzrittern wimmeln – seine Ausführungen über Muslime und Überfremdung liest man jedoch nicht zum ersten mal. Doch wo sind diese Menschen in der echten Welt? Besucherzahlen wie die von pi-news zeigen, dass die Kommentatoren in ihrer Masse unmöglich alles netzaffine Neonazis sein können, viele dieser Stimmen also aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Während sie im Internet “jedoch anonym pöbeln können”:http://www.theeuropean.de/lars-mensel/7375-wut-im-internet, ist in der echten Welt größtenteils Stille. Als großes Massenmedium wird das Internet also auch zu einer Plattform, auf der Meinungen publiziert werden, die einem regulären Diskurs nicht standhielten. Das ist feige – und zudem gefährlich, wenn es zur Radikalisierung beiträgt.

Das Internet erleichtert die Selbtbestätigung

Glenn Beck, Ikone der Rechten in den USA, brachte diese Realitätsferne unlängst gut auf den Punkt als er die Jugendlichen auf Utøya “mit der Hitlerjugend verglich”:http://www.guardian.co.uk/media/2011/jul/26/glenn-beck-norwegian-dead-hitler: “Ich meine… wer organisiert ein politisches Camp für Jugendliche? Verstörend.” Während er damit bei den meisten Menschen Unverständnis hervorruft, nicken irgendwo erneut die Verschwörungstheoretiker. Natürlich kann man also nicht davon sprechen, eine solche Tat sei im Internet geboren – aber dass sich eigenes Gedankengut im Internet schnell durch vermeintliche Fakten bestätigen lässt, steht außer Frage.

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