Amerikas Kulturhegemonie | The European

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Lane Crothers23.08.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Könnte ein aufsteigender Staat wie China oder Brasilien zum Zentrum einer neuen globalen Kultur werden? Nein, denn die US-amerikanische Kulturhegemonie fußt nicht auf militärischer und ökonomischer Überlegenheit, sondern wurde durch sie nur zementiert.

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Die Stellung der USA als führender Schöpfer weltweit konsumierter Kulturgüter besteht seit wenigstens einem Jahrhundert einigermaßen unangefochten, besonders in der westlichen Welt. Trotzdem schwindet der ökonomische Einfluss der westlichen Mächte, “während neue Staaten mit neuen Modellen ökonomischen und sozialen Zusammenlebens aufsteigen”:http://www.theeuropean.de/christopher-layne/5965-pax-americana. Könnte einer – oder mehrere – dieser Staaten wie etwa China, Indien oder Brasilien zu neuen Zentren einer globalen Kultur werden? Die Antwort auf diese Frage lautet für die absehbare Zukunft „nein“. Während die kulturelle Prominenz der Vereinigten Staaten zum Teil in Beziehung steht mit ihrer politischen, militärischen und ökonomischen Macht, sind diese Faktoren doch nicht die einzigen Gründe für die amerikanische Kulturhegemonie. Vielmehr bieten die USA eine einzigartige Konvergenz verschiedener Faktoren, einschließlich wirtschaftlicher Aufstiegsmöglichkeiten, politischer Freiheit und einer Gesellschaft, geprägt von Immigration, die als Prüfstand für neue Kulturprodukte diente.

International ansprechendes Material für den nationalen Markt

Mittels einer kurzen Beschreibung des Aufstiegs der amerikanischen Filmindustrie will ich darstellen, wie Politik, Ökonomie und Zuwanderung die amerikanische Kulturhegemonie formten. In den USA startete die Filmindustrie als wirtschaftliche Unternehmung, weitestgehend unabhängig von staatlichem Einfluss. Filme mussten sich den Marktgegebenheiten anpassen, um für die Produzenten Profit abzuwerfen. Um dies zu gewährleisten, mussten amerikanische Filme eine verschiedenartige Bevölkerung ansprechen, die sich aus gebürtigen wie zugewanderten Amerikanern zusammensetzte. Als Konsequenz sahen sich Filmemacher gezwungen, Material zu produzieren, das für ein internationales Publikum ansprechend war, schlicht, um im Inland erfolgreich zu sein. Dieser Umstand half der amerikanischen Filmindustrie, ihre globale Vorreiterstellung einzunehmen, lange bevor die USA zu einer Supermacht avancierten. Anders gesagt, obgleich die militärische und ökonomische Zugkraft der USA die weltweit dominierende Position der U.S.-Filmindustrie festigte, bestand kein Abhängigkeitsverhältnis zu der militärischen und ökonomischen Macht des Mutterlandes. Vielmehr hatten amerikanische Produzenten einen Wettbewerbsvorteil auf dem globalen Markt, der erst später durch die ökonomische und militärische Nachkriegshegemonie Amerikas im Westen zementiert wurde. Dementsprechend muss das mögliche Ende der USA als militärischer und ökonomischer Hegemon nicht zwangsläufig einhergehen mit einem zeitgleichen globalen Bedeutungsverlust amerikanischer Filmemacher oder anderer Kulturschaffender. Die USA werden nicht von einer konkurrierenden Nation ersetzt werden. Es ist wahrscheinlicher, dass künftig global operierende Unternehmen im Wettbewerb stehen werden, um unseren Zugang zu Kulturgütern zu kontrollieren und den entsprechenden Markt auszuweiten. Unternehmen werden zunehmend eine Welt erschaffen, in welcher Verbraucherwahl gleichbedeutend ist mit individueller Würde und Selbstbestimmung. Es scheint wahrscheinlich, dass in solch einer Zukunft „Ich bin, was ich konsumiere“ und „Wenn ich konsumieren kann, bin ich frei“ dominierende Themen sein werden.

„Das 21. Jahrhundert mag nicht das ,amerikanische Jahrhundert‘ sein“

Und doch – wie es der weltweite Widerstand gegen die neoliberal betriebene Globalisierung andeutet – transzendieren das menschliche Verlangen nach Selbstbestimmung und individueller Autonomie sowie der Respekt für die Würde des Menschen jegliche Marktpolitik. Menschen wollen Kulturgüter erfahren, sie nutzen und ihnen Bedeutung geben. Jedoch nur solchen Kulturgütern mit sozialem Bezug zu individuell Erlebtem, nicht bloßen Verkaufsgütern. Das, so scheint es, ist es, worin sich Amerika auszeichnet. Es nutzte sein Geld und seine Macht und koppelte beides an die Herstellung von Kulturgütern, die Millionen von Menschen weltweit ansprechen. Es hat Werte und Ideale artikuliert, welche die Sehnsüchte und Träume weiter Bevölkerungsteile rund um den Globus erfassen. Und obgleich seine Taten oftmals hinter diesen Idealen zurückblieben – teils grausam weit – die Ideale bleiben trotzdem bestehen. Sie wirken als weltweit anziehende Vision dessen, was eines Tages real sein könnte. “„Das 21. Jahrhundert mag nicht das ,amerikanische Jahrhundert‘ sein.“”:http://www.theeuropean.de/rick-rowden/7612-abschwung-durch-spaltung Doch es wird ebenso wenig das post-amerikanische sein.

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