Dunkel ist‘s, der Mond scheint helle

Lale Akgün22.04.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Burka ist ausschließlich ein Symbol des Fundamentalismus. Dass sie in vorislamischer Zeit auch von Männern getragen wurde, wissen muslimische Patriarchen heute nicht mehr.

Wer sich die westeuropäische Burka-Debatte anschaut, gewinnt den Eindruck, als stünde die Demokratie auf dem Spiel: Die Gegner des Burka-Verbots sehen in den in Frankreich und Belgien angestrebten gesetzlichen Regelungen eine Bedrohung der freiheitlichen und pluralistischen Demokratie und stilisieren die Burka zum Symbol für die Gleichberechtigung des Islam. Angesichts der geringen Anzahl der Burka-Trägerinnen in Europa erscheint die Debatte mittlerweile überdimensioniert. Denn die wahren Probleme der Integration sind ganz andere, vor allem soziale Fragen – die Beobachter reiben sich verwundert die Augen.

Das Burka-Verbot als Bedrohung für die Demokratie?

Ist die westliche Staatengemeinschaft nicht im Namen von Demokratie und Menschenrechten in Afghanistan präsent? Feierte sie es nicht als einen ihrer größten Erfolge, das Taliban-Regime gestürzt zu haben? Waren es nicht diese Taliban, welche die afghanischen Frauen zum Tragen der Burka gezwungen hatten? Und hatten wir nicht die Aufhebung dieses Zwangs als Errungenschaft für die Gleichberechtigung der Frauen in Afghanistan gewertet? Dunkel war‘s, der Mond schien helle, wie der Dichter Christian Morgenstern die verkehrte Welt beschreibt. Nun soll, im umgekehrten Sinn, das Tragen der Burka auf einmal das Symbol von Gleichberechtigung der Muslime in Europa darstellen? Der Blick auf Afghanistan offenbart unverblümt die Doppelzüngigkeit dieser Debatte – auf allen Seiten. Etwas stimmt an der vorgebrachten Argumentation gegen das Burka-Verbot nicht. Verkehrt ist die religiöse Lesart des Ganzkörperschleiers. Wenn man die Burka als Symbol bezeichnet – was ich, da sie für viele Frauen auf der Welt eine traurige Realität ist, als Hohn empfinde –, dann muss man dieses richtig zuordnen. Die Burka ist kein islamisches Symbol, sondern eines des islamischen Fundamentalismus, der nichts von Menschenrechten hören will. Interessant ist zudem die Tatsache, dass die Burka eine vorislamische Tradition hat und möglicherweise schon im 1. oder 2. Jahrhundert n. Chr. in Teilen der heutigen arabischen Welt getragen wurde. Sie hat damals wahrscheinlich als Schutz vor Staub und Sand – für Frauen und Männer – oder als Schutz für Frauen vor sexuellen Übergriffen durch rivalisierende Stämme gedient.

Geht den Fundamentalisten nicht auf den Leim

Der oberste ägyptische islamische Gelehrte, Scheich Muhammad Tantawi, rief daher im vergangenen Oktober dazu auf, den vorislamischen Nijab durch das islamische Kopftuch zu ersetzen. Zudem zweifeln liberale islamische Theologen daran, dass der im Koran vorgesehene Schutz der Frau heutzutage noch durch eine bestimmte Bekleidungsform gewährleistet werden muss, und stellen die Frage, ob nicht zum Beispiel eine gute Bildung einen viel besseren Schutz darstellen könnte. All das zeigt: Um das Recht auf religiöse Selbstbestimmung kann es also in dieser Debatte nicht gehen. Wer das glaubt, geht den Fundamentalisten auf den Leim. Den Kern stellen vielmehr das Recht der Frau auf Selbstbestimmung und der Laizismus des Staates dar. Darauf weist auch der bisherige Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt, hin. Er sagt, dass es mit Religionsfreiheit nicht zu rechtfertigen ist, wenn eine Frau daran gehindert wird, ihr Gesicht zu zeigen. Deshalb spreche ich mich für ein Burka-Verbot aus. Wir sollten aber das Maß wahren und Populisten nicht Tür und Tor öffnen. Eine Lösung, wie sie in Frankreich und Kanada gefunden wurde und die das Tragen von Burkas in öffentlichen Gebäuden wie Ämtern und Schulen sowie in sicherheitsrelevanten Einrichtungen wie Flughäfen verbietet, halte ich für adäquat.

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