Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Amerika | The European

Ein guter Tag fürs Nation-Building

Kyle Chan6.11.2012Politik, Wirtschaft

Die US-Wahl dreht sich nicht nur um die Frage, wer ab Januar im Weißen Haus wohnen wird. Es geht um den Zusammenhalt der Gesellschaft – und ob das Interesse Einzelner über das Wohl der Nation dominieren sollte.

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Während des gesamten US-Wahlkampfes waren wir der Versuchung ausgesetzt, Wirtschaftsfragen vor allem anhand quantitativer ökonomischer Indikatoren zu beurteilen. Indikatoren, die angeblich Auskunft darüber geben, ob es wirtschaftlich gut um Amerika bestellt ist oder nicht. Für Amerikas Wähler ist die Wirtschaft ein zunehmend abstraktes Gebilde, das vor allem aus Statistiken zu bestehen scheint: Arbeitslosenzahlen, BIP-Wachstum, Haushaltsdefizite, Handelsdefizite und Staatsverschuldung. Wir handeln, als ob die Wirtschaft eine unabhängig messbare Variable wäre, die sich algorithmisch in politische Entscheidungen übersetzen lässt. Doch Kausalität wirkt in beide Richtungen: Nicht nur wird die Politik durch die Wirtschaft beeinflusst, sondern wir definieren durch unsere politischen Entscheidungen auch den Charakter der Gesellschaft.

In den 70er-Jahren hat der Wirtschaftsanthropologe “Marshall Sahlins”:http://en.wikipedia.org/wiki/Marshall_Sahlins eine Typologie der Wirtschaft aufgestellt, die uns dabei helfen kann, den US-Wahlkampf ein wenig besser zu verstehen. Sahlins identifizierte drei Formen der “Gegenseitigkeit”:http://de.wikipedia.org/wiki/Reziprozit%C3%A4t_(Soziologie), die wirtschaftliche Normen in Verbindung zu sozialen Praktiken setzen.

Gesellschaft fußt auf Gegenseitigkeit

Die erste Form ist die sogenannte „generelle Gegenseitigkeit“: Menschen tun füreinander Dinge, ohne dabei notwendigerweise eine Gegenleistung zu erwarten. Das klassische Beispiel dafür ist die Familie: Eltern investieren viel Zeit, Energie und Geld in die Erziehung ihrer Kinder und erwarten dafür höchstens Wertschätzung und etwas Liebe – aber sicherlich nicht die Rückzahlung der Ausgaben, die im Laufe der Kindheit und Jugend auf den Nachwuchs verwendet worden sind.

Die zweite Form ist die „ausgeglichene Gegenseitigkeit“: Menschen tun Dinge füreinander und erwarten eine Gegenleistung, deren Wert in etwa vergleichbar ist. Ein Freund gibt beispielsweise einen Drink aus, aber erwartet dafür wahrscheinlich, dass man ihm zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls einen solchen Gefallen macht.

Die dritte von Sahlins erwähnte Form ist die „negative Gegenseitigkeit“: Jeder versucht, den eigenen Vorteil zu maximieren, selbst wenn andere darunter zu leiden haben. Unternehmensfusionen laufen teilweise nach diesem Schema ab: Käufer und Verkäufer versuchen aggressiv, die eigenen Vorteile zu maximieren und bedienen sich dabei manchmal auch fragwürdiger und ausbeutender Taktiken. Diese dritte Form ähnelt unserem neo-klassischen Wirtschaftssystem am meisten: Akteure des Marktes streiten sich innerhalb eines Nullsummenspiels um Profite oder um die Verteilung knapper Güter.

Keine dieser verschiedenen Formen der Gegenseitigkeit ist statisch. Wenn eine Freundschaft im Zuge schwieriger Business-Verhandlungen leidet oder eine Ehe in die Brüche geht, verändert sich auch das Verhalten der Menschen zueinander. Unser Verhalten zu anderen ist aber nicht lediglich die passive Konsequenz sozialer Beziehungen, sondern beeinflusst und definiert diese auch. Ein Freund, der plötzlich eine sofortige und genaue Bezahlung für Freundschaftsdienste fordert, verändert die Dynamik dieser Freundschaft. Ein Familienmitglied, das sich so wenig wie möglich einbringt und andere die Arbeit machen lässt, verändert den Zusammenhalt untereinander und die Beziehung zum Rest der Familie.

Diese Typologie der Gegenseitigkeit lässt sich auch auf die gesellschaftliche Ebene übertragen. Jede Gesellschaft basiert zu einem gewissen Teil – fast schon aus Definitionsgründen – auf der Idee genereller Gegenseitigkeit. Bestimmte Rechte und Ansprüche sind universal und stehen allen Bürgern oder allen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu, egal, welchen wirtschaftlichen oder immateriellen Beitrag sie liefern. Und genauso wie sich eine Freundschaft verändern kann, so kann sich auch der Charakter einer Gesellschaft verändern, wenn sich die wirtschaftlichen Beziehungen der Menschen zueinander verschieben.

Die Einheit Europas leidet

Ein Beispiel: In Europa lässt sich momentan beobachten, wie generelle Gegenseitigkeit immer weniger wichtig wird. In einer Zeit wirtschaftlicher Probleme sehen Einzelne – aber auch Regionen oder ganze Länder – ihre Beziehungen verstärkt als ausgeglichene oder sogar negative Gegenseitigkeiten. Wirtschaftliche starke Regionen wie “Katalonien”:http://www.nytimes.com/2012/10/03/opinion/a-new-call-for-catalonias-independence.html oder “Bayern”:http://www.ft.com/cms/s/0/c4746254-d016-11e1-bcaa-00144feabdc0.html#axzz2BArdcJ60 hinterfragen den Wert der Transferleistungen, die aus ihren öffentlichen Kassen in wirtschaftlich schwächere Regionen abfließen. „Was haben wir davon?“, so das Argument. Schon das Stellen der Frage in dermaßen drastischen Worten trägt dazu bei, dass der Eindruck von der Einheit Europas Schaden nimmt.

In Amerika sind solche Transferzahlungen zwischen Bundesstaaten kaum ein Thema. Stattdessen ist das Land tief entzweit über die „richtige“ Form der Gegenseitigkeit auf der individuellen Ebene.

Mitt Romney und die Republikanische Partei – und auf extremere Art auch die Tea Party – argumentieren für eine Verlagerung hin zu mehr ausgeglichener oder negativer Gegenseitigkeit. Romneys Rede über die “47 Prozent”:http://www.motherjones.com/politics/2012/09/secret-video-romney-private-fundraiser der amerikanischen Bevölkerung, die angeblich keine Einkommenssteuer zahlen, hat dem diffusen Bild der Abhängigkeit vom Staat einen empirischen Hintergrund gegeben. Das Argument gegen den Sozialstaat erscheint als rationale Kostenrechnung. Um noch einmal auf das Beispiel einer Familie zurückzukommen: Romneys Kritik an Sozialhilfeempfängern ist vergleichbar mit dem Argument, dass Hausfrauen (oder auch Hausmänner) dem Staat auf der Tasche liegen, indem sie ihre Kinder zu Hause erziehen, anstatt einem regulären Job nachzugehen. Es sollte deutlich sein, dass sich durch solche Rhetorik der gesellschaftliche Schwerpunkt in Richtung ausgeglichener Gegenseitigkeit verschiebt.

Romney geht sogar noch einen Schritt weiter. Im Wahlkampf ist mehrfach die Frage aufgekommen, wie viel Steuern Romney eigentlich selbst bezahlen würde. Während der Vorwahlen im Januar 2012 “erklärte er mit Nachdruck”:http://www.cfr.org/us-election-2012/republican-debate-transcript-tampa-florida-january-2012/p27180: „Ich zahle alle gesetzlich vorgeschriebenen Steuern und keinen Dollar mehr. Ich glaube nicht, dass Sie einen Präsidenten wollen, der mehr Steuern bezahlt als er muss.“ Zusammen mit Romneys geschickt angelegten “Konten in diversen Steuerparadiesen”:http://www.nytimes.com/2012/10/02/us/politics/bains-offshore-strategies-grew-romneys-wealth.html?pagewanted=all und seiner langjährigen Erfahrung als Leiter einer der erfolgreichsten Private Equity-Firmen ergibt sich das Bild eines Präsidentschaftskandidaten, der fast schon die Personifizierung negativer Gegenseitigkeit ist.

Geteiltes Schicksal

Barack Obama und die Demokraten stehen immer noch für etwas mehr generelle Gegenseitigkeit: Statt um die akribische Auflistung gezahlter Beiträge und empfangener Leistungen geht es dabei im Kern um eine Gefühl des geteilten Schicksals. Während der zweiten TV-Debatte ging Obama Romney scharf für sein „47 Prozent“-Zitat an: Diese Menschen, so der Präsident, „sind Leute, die von der Sozialhilfe abhängig sind, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, die sich für ihr Land aufgeopfert haben; Studenten, die versuchen ihre Träume und auch die Träume dieser Nation zu leben, Soldaten, die in Übersee für uns kämpfen; Menschen, die jeden Tag hart arbeiten.“ Obamas Beschreibung der Nation betont ebenfalls die Gegenseitigkeit – allerdings argumentiert der Präsident, dass sich der Beitrag des Einzelnen nicht unbedingt in der Höhe der gezahlten Steuern messen lässt.

Wenn Amerikas Wähler heute an die Urne herantreten, dann wählen sie nicht lediglich zwischen zwei verschiedenen Plänen für die Steuerreform oder zwischen zwei Strategien für den Schuldenabbau. Sie wählen die Form der Gegenseitigkeit, die zukünftig die Nation zusammenhalten soll. Sie wählen den Charakter, den die amerikanische Gesellschaft haben soll.

Jede Stimme für Romney oder Obama ist nicht lediglich passiver Ausdruck einer politischen Präferenz sondern ein positiver sozialer Akt mit transformativen Konsequenzen. Wer den freien Markt und die Maximierung von Einzelinteressen wählt, der akzeptiert, dass sich die Gesellschaft im Laufe der Zeit nach den Gesetzen des freien Marktes strukturiert. Eine Gesellschaft, deren Wirtschaft sich an mehr orientiert als am Kosten-Nutzen-Denken des Einzelnen verändert ihren Charakter in die entgegengesetzte Richtung.

Der US Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCalin hat vor kurzem eine “Rede in London”:http://www2.lse.ac.uk/newsAndMedia/videoAndAudio/channels/publicLecturesAndEvents/player.aspx?id=1583 gehalten. Sein Fazit: „Nichts ist wertvoller und lohnender als das Bekenntnis, für mehr einzutreten als für das eigene Interesse.“ Es geht heute nicht lediglich um die Wahl des nächsten Präsidenten oder um eine konkrete wirtschaftspolitische Agenda, sondern darum, die USA in Zukunft wieder näher an dieses unbezahlbar wichtige Ideal heranzubringen.

_Übersetzung aus dem Englischen._

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