Noch nicht mal ich als Muslim fühle mich durch ein Kreuz an der Wand gestört. Younes Ouaqasse

Von wegen Wölfe

Kurt Beck weiß, wie hart es in einer Partei zugehen kann. Zu viel Nähe macht verletzbar. Auf Freundschaft will der ehemalige SPD-Vorsitzende dennoch nicht verzichten.

Mit dem Begriff Freundschaft sollte man sowohl im privaten als auch im politischen Leben sorgfältig umgehen. Freundschaft ist dabei für mich etwas anderes als freundschaftlicher Umgang. Das gilt im politischen Miteinander ganz besonders.

Freundschaftlichen Umgang habe ich in den 40 Jahren meiner politischen Tätigkeiten in der Kommunalpolitik und 34 Jahre in der Landes- und Bundespolitik mit vielen Menschen gepflegt. Dies galt und gilt bis heute auch über Parteigrenzen hinweg. Dabei bewahrt ein gewisses Maß an Distanz vor allzu tief gehenden Enttäuschungen. Zugleich zwingt eine Führungsaufgabe zu diesem Weg zwischen Nähe und Abstand.

Als Beispiel sei genannt, dass man als Regierungschef auch in der Lage bleiben muss, einen Minister oder eine Ministerin, begründet natürlich, entlassen zu können. Solche Situationen habe ich erlebt, wobei, bis auf eine Person, mir alle freundschaftlich verbunden geblieben sind. Da ich genauso das umgekehrte Empfinden kennen gelernt habe, als Beispiel nenne ich meinen Rücktritt als SPD-Vorsitzender, gilt auch hier: Eine gewisse Distanz bewahrt einen vor allzu tiefen Verletzungen.

Dies wiederum ermöglicht, die Erfahrungen einzuordnen und zu verarbeiten. Ja, es ist einem möglich, eigene Fehler zu erkennen, denen zu vergeben, die einem Unrecht widerfahren ließen, und einen Neuanfang zu schaffen. Wäre dagegen eine echte Freundschaft vorhanden, gingen diese Verletzungen so viel tiefer, wären so persönlich, dass ein Miteinander – privat und politisch – für mich nicht mehr vorstellbar wäre.

Ich selbst hatte mit Freunden in und außerhalb der Politik viel Glück. Dabei ist für mich belegt, dass man auch im politischen Umfeld Freunde haben und behalten kann. Solche Freundschaften müssen mit Fingerspitzengefühl behandelt werden: offene, auch streitige Gespräche führen, Momente des tieferen Verständnisses leben und in schwierigen Momenten für den Freund ansprechbar sein. Dabei sollte man ihm oder ihr überlassen, ob und wie sie davon Gebrauch machen. Die Unterstellung vom „Parteifreund“ als höchste Steigerung von Feindschaft muss nicht sein.

In meiner Partei, bei den Sozialdemokraten, finde ich die Werte, die mir wichtig sind. Ich habe mich aber auch schon genötigt gesehen, nicht die Verhaltensweisen des Wolfsrudels zum Umgang miteinander werden zu lassen. Ich selber könnte bei allen guten und schlechten Erfahrungen in keiner Partei arbeiten, die nicht durch gemeinsame Werte wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit geprägt ist. Solche gemeinsamen Werte – statt reinem Machtstreben oder bedingungslosem Machterhalt – erleichtern freundschaftliches Miteinander. Und sogar, wenn auch selten, Freundschaften.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Stefan Groß, Ludwig Winter.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

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