Atomare Strahlen und Treibhausgase machen nicht an Grenzen halt. Torsten Albig

Schlaflos in Ägypten

Kairo und andere große Städte Ägyptens versinken in Blut und Terror. Doch die Stimmen der Leidenden gehen unter in der Kakofonie der Journalisten und Analysten.

Meine Schwiegermutter kann nicht mehr essen. Die Nachrichtenkanäle bleiben heute ausgeschaltet. Die Zeitung hat sie weit von sich geschoben. Ihr Gesicht sieht traurig aus, ein Lächeln fällt ihr schwer. Sie ist keine Journalistin, sie war bei den Protesten nicht dabei, sie hat keine Familienmitglieder während der Ausschreitungen verloren. Sie ist alt und krank. Sie sitzt zu Hause und sorgt sich. Sie sorgt sich um ihre Kinder und um ihr Land. Ihr Ägypten. Sie ist nicht diejenige, die von deutschen Fernsehsendern in die Live-Schaltung gebracht werden kann, sie wird nicht in den Zeitungen zitiert. Nein, ihre Stimme wird es niemals in die deutschen Medien schaffen.

Dabei ist sie es, die den Horror nicht nur in ihrem Gesicht trägt, sondern auch in ihrem Herzen. So wie viele Millionen andere Ägypter, die sich die Tränen von den Wangen wischen, wenn sie die neuesten Todesnachrichten lesen. Die für Frieden in ihrem Land beten. Die in ihrer Verzweiflung keine richtigen Worte mehr finden können. Die Bilder von Gewalt, Maschinengewehren und bärtigen Männern ziehen sich nicht nur durch die ägyptischen Medien. Auch in den deutschen Medien geht es um Blut, Panzer und die Spirale der Gewalt. Desto mehr Blut, desto besser für die Einschaltquoten. Journalisten stehen mit Helmen und schusssicheren Westen vor den Kameras und sprechen über den Horror, der hinter ihnen passiert. Analysten werden zu Rat gezogen, die in Schlips und Krawatte einschätzen sollen, ob es ein Militärcoup war oder nicht. Und ob es jetzt zum Bürgerkrieg in Ägypten kommt.

Meine Schwiegermutter schaut heute lieber eine amerikanische Ärzteserie. Und liest nebenbei den Koran. Sie hat sich die Fußnägel rot lackiert und trägt ein schönes schwarzes Kleid mit weißen Punkten. Sie ist heute Morgen zum Friseur gegangen, da sie so traurig über die Lage im Land ist und sie wusste, dass sie sich wenigstens für einige Minuten im Friseursalon wohlfühlen kann.

Wir hören einen Hubschrauber, vielleicht ist es auch nur die Klimaanlage. Ich kann den Unterschied nicht mehr ausmachen. Als es während des Ramadan viele Feuerwerke gab, drehte sie sich immer verschreckt zu mir und fragte mich, ob das eine Schießerei sei.

Jeder erlebt die Gewalt auf seine Weise

Nein, ihr würde niemals erlaubt werden, in den Medien von dem Horror in ihrem geliebten Land zu sprechen. Sie kennt das alles ja auch nur aus dem Fernsehen. Sie war nicht live dabei. Auf dem Sofa schimpft sie über Barack Obama oder über die Muslimbrüder, die Waffen tragen. Und jedes Mal, wenn ihre Söhne das Haus verlassen, fragt sie, wo sie hingehen. Sie kann nachts nicht schlafen. Tagsüber ist es nicht mehr so heiß. Eigentlich könnte ich einen Spaziergang mit ihr machen. Nur zum Supermarkt und Erdbeereiscreme kaufen. Aber sie fürchtet sich. Sie hat Angst, das Haus zu verlassen. Dabei ist es hier in der Straße ruhig. Ungewöhnlich ruhig.

Es ist doch nicht nur die Gewalt, die wir im Fernsehen sehen. Es sind nicht nur die schrecklichen Bilder, die in den Zeitungen abgebildet sind. Es geht doch nicht nur darum, welche Bezeichnung man den Ereignissen gibt. Es ist doch auch kein Zeichen von Mut, sich als Journalist vor die Leichen zu stellen und von Schießereien und Blutlachen zu sprechen. Und es sollten nicht nur diejenigen, die bei dem Horror live dabei waren, in den Medien zitiert werden.

Wir alle erleben die Gewalt. Jeder auf seine eigene Art und Weise.

Wir können nicht mehr zur Arbeit gehen, wir können uns in dem Land nicht mehr frei bewegen. Die Ehemänner sorgen sich um ihre Frauen. Die Mütter weinen heimlich, da die Sorgen wie hungrige Ratten an ihnen fressen. Die jungen Leute verkriechen sich zu Hause, wollen die Nachrichten nicht mehr hören. Sie haben es satt, dass sie nicht einfach in Frieden leben können. Sie können es nicht mehr hören, wenn internationale Journalisten die Lage einschätzen. Das Leid der Leute ist doch kein Geschäft und keine Bühne, auf der man sein Ego füttern sollte.

Es ist doch grausam, dass es keine Stimme zu hören gibt, die sagt: „Könnt ihr einfach alle mal damit aufhören!“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dirk Emmerich, Andreas Püttmann, Joachim Schroedel.

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