Dampf ablassen

von Kristin Jankowski1.12.2012Außenpolitik

Ägyptens Präsident Mursi konnte die Träume seiner Bürger von Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit bislang nicht erfüllen. Die Politik des Internationalen Währungsfonds wird damit zur Härteprobe für das Land am Nil.

Mit dem Darlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF) befindet sich Ägypten im Würgegriff des globalen Finanzmarktes. „Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit.“ Das waren die Forderungen der Ägypter im Winter 2011, als die landesweiten Aufstände begannen. Doch mit dem Darlehen in Höhe von 4,8 Milliarden US-Dollar gerät das Land in die Abhängigkeit. Teil des Abkommens mit dem IWF sind geheime Zusatzkonditionen, die mit der Regierung in Kairo ausgehandelt wurden. Unter welchen Bedingungen Ägypten das Geld bekommt, ist nicht bekannt.

Armut schaltet die Moral aus

„Ich habe Hunger“, schimpfte ein Taxifahrer vor Kurzem. Er drehte sich zu mir. „Was macht unser neuer Präsident Mohammed Mursi. Was macht er?“ Ich antwortete nicht. Der Taxifahrer schlug kräftig mit der Hand auf sein Lenkrad. Als ich an meinem Ziel angekommen war, verlangte er noch fünf Pfund extra. Dabei war er schon einen Umweg gefahren. Hunger macht gierig, Armut schaltet irgendwann die Moral aus. Verständlich. Wenn es ums pure Überleben geht.

An den Straßenrändern in Kairo sitzen Obdachlose, barfüßig. Manchmal stehen Jungs auf dem Gehweg, die Klebstoff schnüffeln. Die Ägypter schimpfen über fehlende Arbeitsplätze, schlecht bezahlte Jobs, Geldnot. Zukunftsängste. Dann kommt alles zusammen. Und entlädt sich bei Konfrontationen mit den ägyptischen Sicherheitskräften. Einfach mal den Dampf ablassen. Und endlich zurückschlagen.

Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit sind in Zeiten, in denen die Globalisierung und die Gier nach noch mehr Geld und Macht unaufhaltsam scheinen, fast Wunschvorstellungen aus einem schönen Grimm-Märchen. Nur die Starken überleben. Wer oben ist, darf auch mal nach unten treten. Und man kann sich beim Abendessen ohne schlechtes Gewissen die Wampe vollhauen, während die anderen am Fenster stehen und auch mal abbeißen wollen.

Es steht zu befürchten, dass Ägypten durch den Deal mit dem IWF ausgequetscht wird wie eine Zitrone. Das Land ist arm; es wird das Übel in Kauf nehmen müssen und das Darlehen irgendwann zurückzahlen. Plus Zinsen. Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit werden dann wieder als Schlachtrufe in den Straßen zu hören sein. Denn das ist das Echo der Revolution. Das ist der Herzschlag, der nicht mit dem Dolch des IWF zum Stillstand gebracht werden kann.

Die Grenzen verlaufen zwischen Arm und Reich

Wer sich dann immer noch darüber wundert, warum es in Ländern, in denen ein Großteil der Menschen hungert und jammert – und in denen ein kleiner Teil der Menschen sich noch nicht einmal umdreht, wenn hinter ihnen jemand bettelt – und sich gleichzeitig weiterhin die Taschen mit Geld vollstopft, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

In Zukunft werden sich die Menschen nicht um den Verlauf von Grenzen streiten. Nein: Der Graben verläuft zwischen oben und unten. Zwischen Arm und Reich. Es wird der hungrige Taxifahrer sein, der mit Steinen gegen Parlamentsgebäude wirft. Es werden junge Menschen sein, die um eine menschenwürdige Zukunft kämpfen werden. So wie Gaber Salah Gaber, der bei Ausschreitungen zwischen ägyptischen Sicherheitskräften und Demonstranten am 20. November 2012 ums Leben kam. Er war 16 Jahre alt. Und träumte von Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit.

Die Revolution geht weiter.

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