Das Haus Europa darf kein Krankenhaus sein. Karl Dedecius

Hundstage

Wenn es knallt, laufen Hunde davon und Journalisten hin. Die Berichterstattung über die Proteste in der arabischen Welt zeigt, dass die Journalisten es besser den Vierbeinern gleichgetan hätten.

Seitdem ich in Ägypten lebe und die Aufstände gegen das Regime im vergangenen Jahr miterlebt habe, und seitdem ich erlebt habe, wie viele Medien über diese Aufstände berichten, frage ich mich, ob Journalisten und Hunde mehr gemeinsam haben, als man denkt. Mit der deutschen Berichterstattung über die Proteste vor den amerikanischen Botschaften ist mir der Unterschied klar geworden: Hunde laufen weg, wenn es knallt. Journalisten kommen gierig angelaufen. Fehler bei der Berichterstattung scheinen legitim zu sein, Informationen dürfen umgedreht und aufgeblasen werden – vor allem, wenn es um die arabische Welt geht. Dann darf scheinbar gehetzt werden.

Arroganz und Unwissen

Wenn vor westlichen Botschaften Fahnen verbrannt werden und wütende Männer in Bärten den Koran zitieren, dann ist es ein gefundenes Fressen für westliche Medien. Das Bild bedient Vorurteile, schürt Hass. So wie am 14. September. Ein Artikel des „Tagesspiegels“ behandeltete die Proteste vor der amerikanischen Botschaft in Kairo. „Es schien so, als hätte es den Arabischen Frühling nie gegeben“, bilanzierte die Autorin. Ich fragte mich, wie viel Arroganz und Unwissenheit es braucht, um einen solchen Satz zu schreiben. Es hat den Arabischen Frühling gegeben. Wer anderes behauptet, lügt oder versteht das Land nicht. Es ist ein Faustschlag ins Gesicht der Familien, die ihre Söhne und Töchter während der Aufstände verloren haben. Weiter hieß es:

„Diese jungen Demonstranten, diese Blogger, diese Familien, die für Würde und Freiheit demonstrierten, waren doch eigentlich wie wir. Und nun das: Bilder eines wilden, religiös aufgestachelten Mobs, der Botschaften der USA anzündet. Ist und bleibt der Araber eben doch irrational, dem Westen feindlich gesinnt und gewalttätig?“

Bei solchen rassistisch aufgeladenen rhetorischen Fragen bleibt einem die Luft weg.

Skurrile Analysen haben leider keinen Seltenheitswert mehr. So schrieb „Welt.de“ am 13. September: „Bei den Protesten gegen ein islamfeindliches Video vor der US-Botschaft in Kairo ist kein Ende in Sicht.“ Das klingt ja fast schon so, als ob von einem Dritten Weltkrieg gesprochen wird, der nicht mehr aufzuhalten ist. Als ob der Weltuntergang naht. Bei den Ausschreitungen in Kairo handelte es sich am Schluss nur noch um einige Dutzend Demonstranten, die fünf Tage nach Beginn der Proteste von den Sicherheitskräften verjagt wurden. Auf der Webseite von NTV war am 12. September zu lesen: „Derweil gibt es Anzeichen für eine große Protestwelle in der islamischen Welt.“ Welche Anzeichen sind damit gemeint? In Kairo haben die meisten Menschen mit den Schultern gezuckt. „Das ist doch alles lächerlich“, war die Antwort, die einem am häufigsten auf die Frage gegeben wurde, was denn über den Film und die Ausschreitungen gedacht werde. Am 13. September legte NTV nach: „Ägyptens Hauptstadt Kairo kommt nicht zur Ruhe.“ Ich lebe in Kairo, in der Stadtmitte, unweit des Tahrir-Platzes. Ich habe nichts von Ausschreitungen mitbekommen; die Innenstadt war ruhig.

Der Weihnachtsmann war wohl auch dabei

Ebenfalls am 12. September, einen Tag nach dem Jahrestag der Anschläge 2001, schrieb „Tagesspiegel.de“: „Möglicherweise mischen sich auch Al-Qaida-Anhänger unter die Demonstranten.“ Ein Zusammenhang wurde nicht genannt, es erschloss sich auch nicht, an welchem Ort sich diese Demonstranten eigentlich aufhalten sollten. Möglicherweise befand sich auch der Weihnachtsmann unter den Demonstranten.

Angesichts dieser Berichterstattung darf man ruhig fragen: Wer ist hier eigentlich irrational, gewalttätig und der arabischen Welt feindlich gesinnt?

Es ist an der Zeit, dass alteingesessene Journalisten von ihren verstaubten Schreibtischen in Deutschland geschubst werden. Es ist an der Zeit, dass Reporter vor Ort, die das Land und die Leute kennen, ihre Stimme in der Berichterstattung wiederfinden können. Und zwar realitätsnah und ausgewogen. Und vor allem mit Respekt vor den Menschen, über die berichtet wird. Es ist an der Zeit, den Weg frei zu machen für junge Journalisten, die leidenschaftlich berichten, die sich weigern, Vorurteile zu bedienen und eine gesamte Region und Glaubensgemeinschaft zu beleidigen. Diese junge Generation wackelt bereits an den Stühlen der alten Herren und Damen. Irgendwann werden sie umfallen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bente Scheller, Kai Hafez, Jörg Armbruster.

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