Ein Dummkopf sollte nicht zu viel Raum einnehmen. Bei gleicher Geistlosigkeit kommt es auf den Unterschied der Körperfülle an. Karl Kraus

In der EU wird das Prinzip der Solidarität nicht gelebt

Eurokrise, Flüchtlingskrise, Identitätskrise: Die EU befindet sich in einer fundamentalen Krise – einer epistemologischen Krise. Es scheint, dass unsere bisherige Narrative der EU eindeutige Mängel aufweist.

Als Shakespeares Hamlet von seinem unterbrochenen Studium aus Wittenberg zurückkehrt, ist die Welt eine andere. Die Dinge scheinen nicht so zu sein, wie er einst dachte. Was ist wirklich geschehen? Wem soll er glauben? Hamlet befindet sich in einer Krise, denn seine alte Narrative der Ereignisse will nicht mehr greifen. Darin ist er sich mit Europa eins. Und auch mit Indien. Faul ist also nicht nur etwas im Staate Dänemark. Aber eins nach dem anderen.

Was ist eine epistemologische Krise?

Laut dem Philosophen Alasdair MacIntyre widerfährt Hamlet eine sogenannte epistemologische Krise. In einem anderen Beispiel führt MacIntyre dafür einen Angestellten an, der annimmt, er werde von seinen Kollegen und Arbeitgebern geschätzt, bis man ihn urplötzlich feuert. Eine epistemologische Krise wird also hervorgerufen, wenn wir erkennen müssen, dass sich die aus den Prämissen gefolgerten Überzeugungen über Gefühle, Gedanken sowie Gesinnungen (die sich in der Vergangenheit noch bewehrten) in der gegenwärtigen Situation als falsch erweisen. Eine solche Krise kann lediglich überwunden werden, indem eine neue Narrative konstruiert wird. Diese muss die Kriterien für Wahrheit neu darlegen und erklären können, warum man die vorherigen falschen Annahmen halten konnte.
Laut der Politologin Ananya Vajpeyi durchlebte auch Indien eine epistemologische Krise. Nachdem die letzten britischen Truppen durch das Gateway of India geschritten waren, sie Indien sich selbst überließen, sah sich der Subkontinent mit der Frage nach der eigenen Identität konfrontiert. Man konnte einfach die Narrative der Engländer übernehmen, welche bereits über ein Jahrhundert die Geschichte Indiens diktiert hatte (doch jetzt mehr als deplatziert war). Oder man konnte sich auf die nun auftretenden Fragen eine neue Narrative einfallen lassen. Eine eigene.

Dazu schöpften die Gründerväter aus dem Fundus der indischen Geschichte: Mahatma Gandhi orientierte sich an Ahmisa, der Gewaltlosigkeit, die er hauptsächlich in der Bhagavad Gita fand; der Nobelpreisträger Rabindranath Tagore bediente sich, insbesondere in seinen Gedichten, der Viraha, der Sehnsucht des Selbst; der erste Ministerpräsident Indiens, Jawaharlal Nehru, fand für sich, inspiriert durch die Edikte des Ashoka, Dharma, so etwas wie die Lehre der Tugend; Bhimrao Ambedkar, dessen Feder an der indischen Verfassung maßgeblich beteiligt war, griff auf die buddhistische Lehre des Dukha (Schmerz, Leid) zurück. Im Falle Indiens wurde die Krise bewältigt, indem man seine eigene Geschichte verwendete und so die inhärenten Widersprüche und Schwächen überwand. Man hätte aber ebenso daran zugrunde gehen können. Oder sich eine andere, außenstehende Narrative aneignen können.

Die EU basiert auf Prämissen, die es nicht gibt

Eurokrise, Flüchtlingskrise, Identitätskrise: Ja, auch die EU befindet sich in einer fundamentalen Krise – einer epistemologischen Krise. Es scheint, dass unsere bisherige Narrative der EU eindeutige Mängel aufweist. Die Prämissen und deren Schlussfolgerung erweisen sich als unrichtig. So zeigt die Flüchtlingskrise, dass die EU auf einer Annahme von Gemeinschaft basiert, die nie wirklich existiert. Dass das Grundprinzip der Solidarität zwar auf dem Papier besteht, aber nicht gelebt wird. Darum ist es an der Zeit, eine neue Narrative zu finden. Eine, die uns erklärt, wie es dazu kommen konnte und unser verschobenes Wahrheitsbild wieder zurechtrückt. Zumindest solange wir das europäische Haus nicht durch die Krise vollkommen zum Einsturz bringen wollen und so Dekaden zurück in die Nationalstaaterei fallen.

Wie in Indien muss diese Narrative aus der eigenen Geschichte geschöpft werden. Was verbindet uns? Was sind unsere gemeinsamen Pfeiler? Sicher ist dieser Vorgang zu einem gewissen Grad willkürlich. Aber das ist eine erzählte Identität immer. Sie sucht sich aus, wie sie sich erzählen will. Wir haben die Wahl, wer wie seien wollen. Aber nicht nur Europa als solches, jeder einzelne von uns muss sich überlegen, ob er sich als Europäer erzählen will. Am Ende ist die Frage also nicht nur Sein oder Nichtsein, sondern auch welches Sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Krisha Kops: Ich ist ein anderer

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