Wer hat Angst vor dem E-Book?

Peter Krawietz13.10.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft

Mehr als ein halbes Jahrtausend ist es her, dass Johannes Gutenberg in Mainz den Buchdruck erfand. Über 500 Jahre also hat uns diese Technik – wenngleich sie immer weiterentwickelt wurde – gut gedient. Mit der Einführung der digitalen E-Books könnte sie nun ins Hintertreffen geraten. Muss sie aber nicht.

Bei den Vorbereitungen auf das Gutenbergjahr 2000 (Gutenbergs 600. Geburtstag) in Mainz, das die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Typen durch den größten und bekanntesten Sohn unserer Stadt neu ins Bewusstsein der Menschheit rücken sollte, kam uns das amerikanische Journalistenpaar Barbara und Brent Bowers mit ihrem Buch “1000 Years, 1000 People” zu Hilfe, in dem sie innerhalb eines Rankings der wichtigsten 1.000 Menschen des vergangenen Jahrtausends Johannes Gutenberg zum “Man of the Millennium” kürten. Die Begründung war, dass ohne Gutenbergs Erfindung Shakespeares Genius vergessen und Luthers 95 Thesen niemals verbreitet worden wären. Diese technische Erfindung habe im Stile einer Revolution das gesamte politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche und gesellschaftliche Leben verändert.

Wir in Mainz betonen immer dann, wenn wir im Tresor des Gutenbergmuseums auf die 42-zeilige Gutenbergbibel zeigen, dass Gutenberg auch in ästhetischer Hinsicht Großes geleistet hat, indem er die Schönheit des Schriftbildes der handgeschriebenen Seite auf die gedruckte Seite übertragen hat.

Technikgeschichte und Geistesgeschichte gehen nun Hand in Hand

Für das Jahr 2000 wurde auch ein Gutenberg-Preisträger gewählt. Die Wahl fiel – und das hat manchen Traditionalisten unter den Fachleuten und Kennern der Szene verwundert – auf Professor Dr. Joseph M. Jacobson vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge/MA, den Gründer des Start-up-Unternehmens “E Ink” in Boston. Während viele Menschen mit der Erfindung des E-Books nicht nur einen Konkurrenten des “herkömmlichen” Buches heraufziehen sehen, sondern auch vermuten, dass damit das Ende des Buches naht, konstatierte Professor Stephan Füssel von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz in seiner Laudatio auf Jacobson, dass diese neue Form von Display einen Fortschritt in der Kommunikationsentwicklung leiste, der in seiner Tragweite mit Gutenbergs Erfindung verglichen werden könne. Und statt über einen Bruch von Traditionen zu lamentieren und das Ende einer Epoche zu beschwören, sah der Laudator das “Faszinosum der buchwissenschaftlichen Forschung” darin, “Technikgeschichte und Geistesgeschichte in eine Relation zu setzen, dabei den technischen Fortschritt und die damit verbundenen geistigen und kulturellen Aufbrüche zu würdigen”.

Was müssen die Freunde des Buches fürchten? Werden sie der haptischen Eindrücke und des Geruchs von Papier und Farben beraubt? Fachleute sehen in den neuen Kommunikationsmöglichkeiten weniger eine Konkurrenz der Medien, sondern eher eine nicht gekannte und immer schneller sich entwickelnde Verschmelzung. Dabei lehrt die Erfahrung der letzten Dekade, dass zumindest in der Bundesrepublik der Buchmarkt mit einem jährlichen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro insgesamt stabil bleibt, dass jedes Jahr zur Buchmesse die Zahl der Neuerscheinungen steigt und dass auch die drucktechnischen Möglichkeiten für das traditionelle Buch stetig verbessert werden.

Was schließe ich aus dem Gesagten? Was meint der Erfinder Jacobson, wenn er die Entwicklung mit den Worten beschreibt “from printing forms to printing function”? Es wird wohl beide Arten von Büchern geben, jenes “elektronische Papier”, auf das man morgens seine Zeitung, tagsüber die Akten und abends den Roman herunterladen kann, und nach wie vor das Buch, das durch seine reale Existenz im Regal einen schönen Anblick bietet und nach Jahren wieder reizt, wenigstens auszugsweise noch einmal gelesen zu werden. Friedliche Koexistenz ist angesagt, so wie bei Kino und Fernsehen!

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