Angst vor der Freiheit

von Konrad Paul Liessmann10.12.2009Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wer die Universitäten einem ständigen Prozess des Planens, Berechnens, Evaluierens und Kontrollierens unterwerfen will, hat entweder die Idee der Universität nicht verstanden oder er hat sie verstanden, verachtet sie aber.

Der Bologna-Prozess hat eine problematische Eigendynamik entwickelt, die weder aus den ursprünglichen Intentionen noch aus dem Willen der Beteiligten und Betroffenen erklärt werden kann. Denn niemand wird etwas gegen einen europäischen Hochschulraum, Verbesserung der Studienmöglichkeiten durch Steigerung der Mobilität, vereinfachte bürokratische Verfahren bei der wechselseitigen Anerkennung von Abschlüssen und Qualifikationen sowie eine maßvolle Berufsorientierung der Studien einwenden können. Viel mehr als diese Gesichtspunkte enthält die ursprüngliche Bologna-Erklärung auch gar nicht. Dass daraus ein starrer Schematismus wurde, mit aufgeblähten Verwaltungen, exzessiven Modularisierungen, vollgestopften Studienplänen, unnötigen Evaluierungen, verwirrenden Zertifizierungen und zahllosen Reglementierungen, gehört zu jenen Transformationen, die Anlass zur Frage geben, was an gesellschaftspolitischer Zielsetzung sich dahinter verbergen mag.

Zu viele Wenn und Abers

Die Universitäten sehen sich paradoxen Anforderungen ausgesetzt. Einerseits soll die Akademikerrate signifikant erhöht werden, anderseits sollen Studienplätze kontingentiert werden; einerseits soll die Qualität der Studiengänge steigen, andererseits sollen sie kostengünstiger werden; einerseits sollen die Universitäten autonom agieren, andererseits müssen sich alle den gleichen Standards beugen; einerseits soll die Mobilität zunehmen, andererseits soll in Mindestzeit studiert werden. Usw. Wilhelm von Humboldts Grundüberlegungen könnte man wie folgt reformulieren: In modernen Gesellschaften nimmt die Bedeutung der Wissenschaften zu. Wissenschaft ist dabei nicht nur ein spezialisierter Erkenntnisprozess zur Grundlegung technischer oder sozialer Anwendungen, sondern überhaupt die Art und Weise, in der aufgeklärte Menschen ihr Welt- und Selbstverhältnis artikulieren. Es gibt nun drei Arten, prinzipiell damit umzugehen: In Forschungsinstitutionen das Wissen hervorbringen; in Schulen das Wissen und seine Anwendbarkeit vermitteln und an Universitäten das Wissen gleichzeitig hervorbringen, vermitteln und reflektieren – nur solch eine Institution wird der gesellschaftlichen Bedeutung der modernen Wissenschaften in vollem Umfang gerecht.

Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden

Wer eine reine Lehr- und Ausbildungsinstitution will, diese aber “Universität” nennt, betreibt also mindestens einen Etikettenschwindel. Was nicht bedeutet, dass es nicht solche Institutionen geben muss und dass nicht viele praxisnahe Studiengänge dort gut aufgehoben wären. Eine Universität aber ist etwas anderes. In dieser geht es nicht nur um die besondere Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, sondern auch – vor aller Spezialisierung – um grundlegende Fragen der Wissenschaften und ihrer gesellschaftspolitischen und kulturellen Dimensionen überhaupt. Ohne Inanspruchnahme einer Freiheit, die nichts mit Leistungsunwillen, aber viel damit zu tun hat, dass wissenschaftliche Neugier, Kreativität, Kritikfähigkeit und Enthusiasmus weder steuerbar noch planbar sind, ist eine Universität nicht zu haben. Wer Angst vor dieser Freiheit hat und alles einem ständigen Prozess des Planens, Berechnens, Evaluierens und Kontrollierens unterwerfen will, hat entweder die Idee der Universität nicht verstanden; oder er hat sie verstanden, verachtet sie aber. Dann sollte man dies aber auch laut und deutlich sagen und den jungen Menschen nicht etwas vorgaukeln, was man ihnen weder geben kann noch will.

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