Stolz wie jeder andere

von Konrad Löw2.09.2014Gesellschaft & Kultur

Die Deutschen müssen patriotisch sein. Die Last ihrer Geschichte steht dem nicht entgegen, denn die große Mehrheit des Volkes hat die Verbrechen des NS-Regimes nie bejaht.

Wo ist der Maßstab, von dem wir die Antwort ablesen könnten? Ihn gibt es nicht. Jeder darf die Frage beantworten, wie er will. Denn Artikel 2 unseres Grundgesetzes verbürgt: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“ Nur militanter Nationalismus hat in Deutschland eine rechtliche Grenze.

Die Frage wendet sich also an unsere sittliche Natur. In der Zeit des Pluralismus, des ethischen Relativismus, der schier grenzenlosen Toleranz ist die sittliche Natur keine feste Größe, nicht in Europa, auch nicht in den Grenzen des eigenen Landes, der eigenen Familie. Da bleibt nur das Individuum. Doch selbst dieses nimmt sich die Freiheit, keine Meinung zu haben oder insofern mit der Mode zu gehen.

Doch diese Freiheit gestattet es auch, sich selbst zu binden oder für gebunden zu halten. So kann ein Mensch die Werte des Grundgesetzes innerlich bejahen und darüber hinaus sein Gewissen anhand der Zehn Gebote und des Katechismus seiner Kirche erforschen. Dies ist meine Position, von der aus ich die Patriotismus-Frage zu beantworten versuche.

Nicht nur erlaubt, sondern eine Verpflichtung

Ich nehme das Resultat vorweg. Es lautet: Der Deutsche darf ebenso viel Patriot sein wie jeder Angehörige eines anderen Landes. Es gibt keine ethische Norm, die dem entgegenstünde, es sei denn wir würden Patriot mit Nationalist verwechseln nach dem Motto right or wrong my country. Ja, Patriotismus ist nicht nur erlaubt, sondern für Christen sogar eine Verpflichtung.

Die Last der deutschen Geschichte steht dem nicht entgegen. Man müsste ja über göttliche Qualitäten verfügen, um die historischen und aktuellen Lasten der einzelnen Ethnien halbwegs gerecht abzuwägen, um daraus dann das jeweils zulässige Maß an Patriotismus abzuleiten. Aber nicht nur deswegen stehen Verbrechen der Vergangenheit einem vernünftigen Patriotismus nirgendwo entgegen, sondern auch weil an der Wurzel von Angriffskriegen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht Patriotismus stand, sondern Nationalismus, Rassismus und oft auch schlichte Gottlosigkeit:

Die Frage, ob vergangene Verbrechen Patriotismus unzulässig machen, führt so oder so auf Abwege. Dazu nur ein Beispiel. In wenigen Monaten jährt sich der apokalyptische Fliegerangriff auf Dresden zum 70. Mal. Die Oberbürgermeisterin Dresdens äußerte beim Dresden-Gedenken 2013: „Eine Frage wird mir rund um den 13. Februar sehr häufig gestellt: Wie könnt ihr … der Toten des Bombenangriffs gedenken, wo doch so viel Gräuel, so viel Gewalt und Hass von Deutschland ausgegangen sind? … Denn es ist eine unzweifelhafte Tatsache, dass Dresden keine unschuldige Stadt war. … Juden und deren nichtjüdische Angehörige … wurden in Dresden vor den Augen der Öffentlichkeit schikaniert … und abtransportiert.“

„Auf einen Hitler-Gläubigen kommen wohl fünfzig Ungläubige“

Zehntausende haben Mitte Februar 1945 in Dresden einen grauenhaften Tod erlitten, vor allem Frauen und Kinder. Sollte es zur Legitimierung dieses Aktes schon genügen, dass die Bomben-Opfer dem Kollektiv „Dresdner“ oder „Deutsche“ angehörten? Wenn nein: Wie viele der Getöteten haben an den Verbrechen des Nationalsozialismus mitgewirkt oder sie auch nur innerlich bejaht?

Zu dieser Frage gibt es mehrere Untersuchungen, verfasst von Dresdnern, die als NS-Opfer über jeden Zweifel erhaben sind, NS-Verbrechen zu beschönigen. Da sind Ludwig Marcuse mit seinem Buch „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ und seine Schwester Edith mit ihren Aufzeichnungen im Buch des Bruders, und da ist vor allem der namhafteste Chronist dieser Zeit, mit Dresden im Visier, Victor Klemperer. Titel „Tagebücher 1933-1945“ acht Bände.

Diese Autoren standen damals mitten im Leben der Stadt, Klemperer als Zwangsarbeiter und als Schneeschipper in öffentlichen Straßen. Im Oktober 1941, als Hitler den Zenit der Macht erreicht hatte, lautete sein Fazit: „Fraglos empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde.“ Und er wird noch deutlicher. 6. März 1942, nachdem er wochenlang als ‚Besternter‘ in den Straßen Dresdens Schnee geschaufelt hatte: „Aber ich glaube, auf einen solchen [Hitler-]Gläubigen kommen doch wohl schon fünfzig Ungläubige. Genauso ist wohl das Verhältnis derer, die uns mit Vergnügen arbeiten sehen oder beschimpfen, zu den Sympathiekundgebern…“

Schuld ist etwas Höchstpersönliches

Besonders treffend im Doppelsinn des Wortes ist Ludwig Marcuse, wenn er gleich nach Kriegsende schreibt. „Wer von der Kollektivschuld beunruhigt ist, hat mehr Hitler in sich, als er ahnte. Ich habe über dem bequemen Wort ‚Deutsches Volk‘ nie vergessen, dass es achtzig Millionen gab; ich will nicht, dass man mich zugunsten irgendeines Abstraktums übersieht – und tue es anderen nicht an.“ Und noch einmal: „Ich kenne keine Kollektivschuld des deutschen Volkes.“ Wer eine ganze Stadtbevölkerung, wenn nicht eine ganze Nation für schuldig erklärt, indem er abwägt, ob ihrer Opfer gedacht werden darf, der sollte sich fragen, ob Marcuses hartes Wort „Hitler in sich“ nicht auch ihn trifft.

Zurück zur Eingangsfrage: Kein ernst zu nehmendes ethisches System bejaht die Idee der Kollektivschuld. Schuld ist etwas Höchstpersönliches und muss bewiesen werden. Die große Mehrheit der Deutschen hat die Verbrechen des NS-Regimes nicht bejaht. Und selbst wenn sie es getan hätten, wäre die Lehre daraus die Absage an Nationalismus und Rassismus, nicht an Patriotismus. Die Intensität des Patriotismus hängt auch ab vom Temperament und den Umwelteinflüssen. Ich bekenne mich zu meiner Familie, zu meiner bayerischen Heimat, zu Deutschland, zu Europa und zur Würde aller Menschen.

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