Wandel durch Anpassung

von Konrad Kleinknecht10.04.2014Außenpolitik, Innenpolitik, Wissenschaft

Der Treibhauseffekt verändert die Atmosphäre. Doch wie unsere Umwelt in 100 aussehen wird, weiß niemand. Auch nicht die UN.

Die Berichte des Weltklimarates IPCC sind Zwitter aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Bewertungen. Die Autoren fassen die in den letzten Jahren veröffentlichten Arbeiten und andere Informationen zusammen, werten sie aus und bewerten sie. In einer zweiten Runde stimmen sie den Text mit den politischen Vertretern der Staaten ab, d.h. verändern ihn, bevor er veröffentlicht wird.

Mehr Vorsicht bei Prognosen

So ist es auch mit dem neuesten Bericht 2014 geschehen. Gegenüber früheren Berichten sind die Projektionen in die Zukunft vorsichtiger gefasst, obwohl sich das Datenmaterial vermehrt und wohl auch verbessert hat. Das mag damit zusammenhängen, dass in früheren Berichten manche fehlerhafte und übertreibende Aussagen gemacht wurden, die zu einem gewissen Verlust an Glaubwürdigkeit geführt haben.

Einerseits zweifelt niemand daran, dass das bei der Verbrennung von Kohle und Kohlenwasserstoffen entstehende Kohlendioxid oder CO2 – neben dem in der Atmosphäre vorhandenen Wasserdampf – zum Treibhauseffekt der Atmosphäre beiträgt. Andererseits sind die Voraussagen über die Auswirkungen dieses Spurengases in der Atmosphäre mit Unsicherheiten behaftet, weil sie auf komplizierten Modellrechnungen mit gekoppelten Differentialgleichungen beruhen. Die Modelle sagen eine Zunahme der mittleren Oberflächentemperatur der Erde voraus, über deren genaues Ausmaß keine Einigkeit besteht.

Für die letzten 16 Jahre wurde in den meisten Modellen ein Temperaturanstieg um etwa 0,2 Grad berechnet, die gemessenen Temperaturen haben sich aber in diesem Zeitraum nicht verändert. Für diese Pause in der Erwärmung der Erdoberfläche werden im Nachhinein verschiedene Effekte verantwortlich gemacht, die offenbar in den Modellrechnungen nicht enthalten waren. Erwähnt werden jetzt u.a. die Erwärmung der tiefen Ozeanschichten, das solare Maximum im vergangenen Jahrzehnt und Vulkanausbrüche.

Die heikle politische Dimension des Berichts

Im neuen IPCC-Bericht gehen die Autoren über dieses Problem hinweg, sie nehmen an, dass die Rechnungen für 100 Jahre verlässliche Voraussagen erlauben. Danach würde sich bei ungebremst wachsender Emission von CO2 bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperatur um bis zu vier Grad erhöhen und als Folge davon der Meeresspiegel ansteigen.

Im zweiten Teil des Berichts nehmen die Autoren die Ergebnisse der Modellrechnungen als Fakten an und prognostizieren die Folgen für das Leben der Menschen in den einzelnen Weltregionen. Eine große Zahl von Risiken durch den Klimawandel wird abgeschätzt. So besteht ein Risiko durch den Anstieg des Meeresspiegels in den Küstenregionen, dazu trägt jedoch auch die zunehmende Besiedlung dieser Regionen durch die wachsende Bevölkerung bei. Ähnlich ist es bei der Überflutung von Siedlungen in Flussufern.

Weitere Risiken sind Extremwetterlagen wie Hitzewellen, Wirbelstürme und Starkregen, die Versorgung mit Trinkwasser, insbesondere in Afrika, aber auch in Südeuropa, und die Unsicherheit, ob der Ertrag von Mais und Weizen durch die Temperaturerhöhung abnehmen wird. Am meisten betroffen sind die Entwicklungsländer in äquatorialen Regionen, die ihrerseits am wenigsten zur CO2-Emission beitragen. Das ist gleichzeitig ein politisches Problem, weil diese Staaten möglichst alle Schäden in ihrem Land dem Klimawandel zuschreiben wollen, um Entschädigungen einfordern zu können.

Bedeutung für Deutschland und Europa

Die Prognosen für Europa sind vergleichsweise milde, denn die Voraussagen betreffen hauptsächlich höhere Temperaturen sowie in Südeuropa Trockenheit und Wassermangel. Für Deutschland soll es dagegen mehr Niederschläge im Winter und Frühjahr geben – allerdings: die letzten trockenen Wochen in diesem Frühjahr zeigen, dass statistische Mittelwerte keine Aussagen über einzelne Jahre erlauben. Der Bericht kommt für Europa zu dem Schluss: die Anpassung an den Klimawandel (z.B. Hochwasserschutz) könne „mit großer Sicherheit die meisten angenommenen Schäden vermeiden“.

Ob der weitere Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen gebremst werden kann, hängt nur in geringem Ausmaß von Europa, hauptsächlich aber von den großen CO2-Emittenten wie China, USA, Indien und Russland ab. Ob Deutschland 2,5 Prozent oder nach restriktiven Maßnahmen in 20 Jahren nur 1,8 Prozent zu den weltweiten Emissionen beiträgt, ist für das Weltklima kaum relevant. Die zunehmende Nutzung der Braunkohlekraftwerke im Rahmen der Energiewende wird allerdings unsere Emissionen eher erhöhen als verringern.

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