Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Heiner Geißler

Angriff der Klonkrieger

Bessere Jobs, attraktivere Körper, schlauere Kinder – die Optimierung des Ichs ist zum Imperativ des 21. Jahrhunderts geworden. Doch mit Individualismus hat dieser Perfektionswahn nichts gemein.

Die Aufforderung, aus dem eigenen Leben das Beste zu machen, ist das letzte Glaubensbekenntnis unserer Zeit. Es ist die Grundlage der Erfolgskombination aus Demokratie und Marktwirtschaft. Deren wichtigstes Prinzip lautet: Jeder kann alles schaffen – er muss es nur wollen. Das ist natürlich eine Illusion, allerdings eine mächtige. Und ganz falsch ist sie auch nicht: Die Gesellschaft ist durchlässiger, die Spielräume größer geworden. Früher wurde Schuster, wer als Schustersohn geboren wurde. Heute muss sich jeder Informatikstudent fragen, warum er nicht der nächste Steve Jobs wird. Das neue Leitbild ist das des Menschen als Unternehmer seiner selbst, der sein Leben unentwegt optimiert. Tausende Ratgeber wiederholen das immer gleiche Mantra: Du bist nicht so glücklich, wie Du sein könntest. Und dass Du es nicht bist, ist Deine eigene Schuld. Jeder ist seines Glückes Schmied, das perfekte Leben ist machbar – dies ist der kategorische Imperativ des 21. Jahrhunderts.

Das Paradox der Perfektion

Wir studieren an Elite-Unis, häufen Praktika und Zusatzqualifikationen an, um jobmäßig vorne zu bleiben. Unseren Nachwuchs lassen wir im Kindergarten Chinesisch lernen – und wenn er es mit sechs noch nicht kann, fragen wir besorgt den Psychologen, was man gegen diese offenkundige Lernschwäche tun könne. Und wenn wir irgendwann trotz aller Bemühungen doch sterben, buchen wir eine Weltraumbestattung oder wenigstens einen Platz im Friedenswald. Nach einem perfekten Leben darf der Tod nicht abfallen.

Der Wunsch, besser zu werden, ist natürlich zutiefst menschlich, und im Grunde ist nichts daran falsch. Doch aus dem Hang zur Optimierung ist in den vergangenen Jahren ein Drang geworden – und nicht selten ein Zwang. Allzu leicht wird die Optimierung zum Bumerang. Denn ironischerweise hindert sie uns gerade durch ihre Mechanismen daran, unser eigentliches Ziel zu erreichen: etwas Besonderes zu sein. Das ist das Paradox der Perfektion.

Vielleicht perfekt, aber ohne Persönlichkeit

Gerade Berufseinsteiger und Young Professionals hängen oft der Idee an, es gäbe eine perfekte Karriere, einen Aufstieg, wie am Reißbrett geplant und anschließend an Schnüren gezogen. Mit der kühlen Gewissenhaftigkeit eines Schachspielers sammeln sie Kompetenzen auf dem Weg nach oben: Bestnoten, Studium in Rekordzeit, Auslandsaufenthalt, Promotion und MBA. Dazu unbedingter Einsatzwille, twentyfour-seven, flexibel, belastbar, always on. Abgearbeitet wird ein Idealkatalog an externen Ansprüchen. Kaum einmal fragen sie sich, worin sie eigentlich gut sind und was ihnen selbst wirklich Spaß macht.

Genau hier öffnet sich die Perfektionsfalle: Wenn das Denken in komplexen Zusammenhängen die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts ist – dann führt die Orientierung an vermeintlich „idealen“ Karrierewegen geradewegs in die Sackgasse. Denn das Streben nach Perfektion ist eine Strategie zur Risikovermeidung: Anstatt aus Fehlern zu lernen, wollen wir erst gar keine machen – und verpassen so die Chance, uns weiterzuentwickeln. Weil wir stets Ansprüchen von außen genügen wollen, vergessen wir, unsere Potentiale auszuschöpfen. Weil wir permanent Schwächen ausbügeln, können wir unsere Stärken nicht ausspielen.

Vor allem aber: Wer immer brav abarbeitet, was andere ihm vorgeben, der ist am Ende vielleicht perfekt – aber alle anderen sind es auch, weil sie sich an den gleichen Idealen orientiert haben. Über all der Optimierung haben sie dann leider das verloren, was einst ihr größter Trumpf war: Persönlichkeit, Kreativität, selbstständiges Denken. Wenn alle perfekt sind, ist niemand mehr einzigartig. Und das war doch eigentlich das Ziel der Optimierung.

Das letzte Buch des Autors, „Die Perfektionierer“, ist 2010 im Campus Verlag erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Isabelle Liegl, Matthias W. Birkwald, Vera Lengsfeld.

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