Das ist keine Kampfkandidatur. Das ist Demokratie, wenn man Auswahl hat. Renate Künast

Die Bürgerversteher

Das Winner-Gen heißt Bürgerverstehen. Die Union kann diese Volksnähe nur noch in Bayern bedienen, weil ihr überall sonst Offenheit und Personal fehlen. Grün ist derzeit das Bindeglied einer auseinanderbrechenden Gesellschaft.

Sie nennt sich gerne (einzige) Volkspartei. Doch im politischen Zukunftsbiotop großer Städte trifft die CDU kaum mehr das Lebensgefühl der Bürger: gerade noch in zwei der 20 größten stellt sie den Oberbürgermeister. Nicht erst seit der Wahl des Grünen Fritz Kuhn zum Stuttgarter Oberbürgermeister zeigt sich, dass sich politische Maßstäbe völlig verändern. Die „Partei der Mitte“ hat ihre politischen Sensoren verloren. Die Zukunft gehört einer veränderten politischen Mitte: Das alte Links-rechts-Muster hat seine Schuldigkeit getan.

Die politische Zukunft in Deutschland ist auch nicht grün, seitdem sich alle Parteien kaum mehr in ihren ökologischen Zielen voneinander unterscheiden und die Grünen im Grunde kein wichtiges Zukunftsfeld mehr mit Führungsanspruch besetzen.

Die Zukunft heißt „Bürgerverstehen“! Bemerken, dass inzwischen bei uns gilt: „Jeder hat seine eigene Welt.“ Also leben und leben lassen, nicht dogmatische, sondern ambivalente Politik vertreten, mitfühlen, moderat modernisieren. Nicht nur den Bürger verstehen, sondern sich intensiv darum bemühen, dass er auch die Politik versteht. Gewählt wird „Einer von uns“. Im Grunde egal, welcher Partei er zugehört!

„Bürgerlich“ ist längst nicht mehr der Folgsame

Während die Union diese Volksnähe gerade noch in Bayern bedienen kann, werden Teile der Grünen das neue, selbstbewusste Bürgertum. Dass sie die Parteienlandschaft nicht überrollen und bundesweit nur um 12 Prozent Wähleranteil dümpeln, liegt daran, dass es sie gleich doppelt gibt: einerseits bürgernah, wertekonservativ, mitfühlend, auf Ausgleich bedacht, das Lebensgefühl der Bürger verstehend, die auch in Städten im Grunde provinzielles Lebensgefühl suchen – so wie die Politiker um Ministerpräsident Kretschmann im Südwesten der Republik. Zumeist aber unnachgiebig dogmatisch, oft zu links, besserwisserisch, süffisant, laut, eben wie Künast, Roth und Trittin. Die zwar Visionen einer „guten“ Politik aufweisen, aber Personenkult, Dogmatismus und geringe Kompromissbereitschaft höher setzen. Sie sind die wahren Helfer der noch großen Parteien.

„Bürgerlich“ ist längst nicht mehr der Folgsame, Redliche, der arbeitsame Vorstadt-Reiheneigenheimbewohner. Die politische Mitte ist in Zeiten großer Verunsicherung basisdemokratisch mitbestimmender geworden. Gerade weil wir uns bei den wichtigsten Zukunftsthemen Finanzen, Energie, Alterssicherheit, Globalisierung, Informationstechnologie mitten im Übergangsprozess befinden, gilt Tradition wenig. Überparteilichkeit, Verstehen helfen, Chancen und Risiken offen diskutieren, Fairness und Vertrauen gelten umso mehr. Die Wähler wählen den Bürgerlobbyisten, den fairen Fels in der Brandung einer sich immer schneller und undurchsichtiger verändernden Welt. Und nicht den Ideologen, nicht den Besserwisser, nicht den Parteifunktionär.

„Basta“, Pseudokompetenz sowie Durchsetzungsfähigkeit sind out. Glaubwürdigkeit, „Wir“, Respekt, das Bemühen um den Bürger dagegen sind die politischen Maßstäbe der neuen Bürgerlichkeit. Das Leben ist nicht mehr links oder rechts. Das Leben ist, wie es ist: bunt, vielschichtig, kompliziert, fragmentiert.

Weil angesichts der Komplexität und Vielzahl unserer Sorgenthemen den Rechthabern und Weisungsgebern inzwischen kaum jemand mehr Glauben schenkt, wird zunehmend der sensible Bürgerversteher und Kümmerer gewählt: Verantwortung für die Menschen anstelle für die Partei. Die Arroganz der Macht hat keine Chance mehr.

Das Winner-Gen heißt „Bürgerverstehen“

Noch ist die mit einem Altersdurchschnitt ihrer Mitglieder um die 60 überwiegend „alte“ CDU von dieser neuen Bürgerlichkeit überfordert, weil bei ihr immer noch der Struktur- den Wertekonservativismus dominiert. Noch liefert sie in unsicheren Zeiten eher alte Rezepte und nicht die dringend benötigte Offenheit für das Neue; nicht die geforderte Transparenz im Informations-, Unübersichtlichkeits-, im Großstadtdschungel! Immer noch versteht sie Politik juristisch und betriebswirtschaftlich, und sich nicht als Partner, „Seelsorger“ oder „Bürgermeister“, der nicht autoritär, sondern transparent und kompromissbereit ist.

In Zeiten überbordender Informationen hasst die Bürgerlobby das „So-wird’s-gemacht“, politische Halbwahrheiten, Salamikommunikation, Hinterzimmerentscheidungen sowie vornehmlich strategische Argumente. Oft reicht es bereits aus, sich aufrichtig mit den Argumenten des politischen Widersachers auseinanderzusetzen, um als „bürgernah“ zu gelten.

Das Winner-Gen heißt „Bürgerverstehen“: Gewählt wird, wer für uns kämpft, während andere für sich kämpfen. Wer Inhalte statt Macht, Reflexion statt „Nur so“, Nachhaltigkeit statt Aktualitätsentscheid verkörpert. Weil ihre Ökogrundsätze, jahrzehntelang angefeindet, inzwischen jedes Parteiprogramm zieren, ist das südwestliche Grün nun die Farbe dieser neuen „Bürgerlichkeit“. Grün ist derzeit das Bindeglied für den Zusammenhalt einer auseinanderbrechenden Gesellschaft, gerade in den undurchsichtigen Großstädten. Die CDU hat hingegen derzeit weder die Offenheit noch das Personal, die Bürgerwende hinzubekommen. Obwohl eine christsoziale Werteorientierung dafür geradezu prädestiniert wäre.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Katrin Göring-Eckardt, Bündnis 90 Die Grünen.

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