Eine selbstbewusste Gesellschaft kann viele Narren ertragen. John Steinbeck

Stolz und Vorteil

Kein Wunder, dass sich die deutsche Gesellschaft auflöst, wenn wir das Thema nationale Identität schon Hooligans überlassen.

Ein Blick auf die alljährlichen Festlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit macht deutlich, woran das Land krankt. Politiker und Funktionäre versammeln sich, die Herren in dunklen Anzügen, die Damen im dezenten Kleid, zum Festakt.­ Wolfgang Thierse spricht, die Nationalhymne wird gesungen, dann alle ab ans Buffet. In der jeweils gastgebenden Landeshauptstadt stehen lange Reihen weißer Zelte mit Informationen über die Bundesländer und mit kulinarischen Spezialitäten aus Deutschlands Regionen. Es treten mehr oder weniger bedeutende Musiker auf – das nennt man in Deutschland Nationalfeiertag.

Fände ein evangelischer Kirchentag statt, würden die Einheimischen sicher auch hingehen. Aber was und wie feiern all die Deutschen, die nicht zufällig in der jeweiligen Gastgeberstadt wohnen oder Politiker sind? Der Unterschied zwischen Deutschlands 3. Oktober und Nationalfeiertagen in anderen Staaten ist, dass hier das Volk fehlt.

Wenn wir nicht stolz sind, wie können wir es dann von Zuwanderern erwarten?

Der 4. Juli in den USA ist Anlass, das ganze Land in Bewegung zu bringen. Kein Park, in dem sich nicht Bürger zum Picknick versammeln. Der Schulchor singt patriotische Hymnen, eine Bigband musiziert, Sternenbanner wehen und zum Abschluss das große Feuerwerk. Wohlgemerkt: überall, nicht nur in einer Stadt. Der Independence Day ist ein Tag, an dem selbst in Amerika die ­Unterschiede verwischen. Es ist egal, ob du reich oder arm, alt oder jung, schwarz oder weiß bist, wenigstens an diesem Tag. „We are americans“ lautet dann das Motto, und die Menschen empfinden es aus tiefstem Herzen so, selbst wenn sie Essens­marken von der Wohlfahrt beziehen müssen.

Wir Deutschen haben auch 69 Jahre nach Ende des Krieges und der Nazi-Barbarei die Kurve zu einem unverkrampften Patriotismus nicht gefunden. Das ist der Schlüssel zu einer Reihe von Problemen unserer Tage. Wenn wir nicht stolz auf unser Land sind, das heute wohlhabend, bestens organisiert und fast schon überdreht friedliebend ist, wie sollen wir dann erwarten, dass sich Menschen engagieren? Ehrenamtlich? In der Politik?

Wenn wir nicht stolz auf unser Land sind, wie können wir dann von Zuwanderern erwarten, dass sie ein Gefühl zumindest des Respekts gegenüber unserer Art zu leben entwickeln? Die USA be­stehen fast ausschließlich aus Zuwanderern. Jeder mit einer Greencard bemüht sich vom ersten­ Tag an dazuzugehören. Auch in Deutschland wollen­ viele Menschen aus aller Welt leben, aber ein ­beträchtlicher Teil von ihnen legt keinen Wert ­darauf, Teil dieses Landes zu werden. Man ist froh, in Sicherheit zu sein, man hofft auf eine Chance, bleiben­ und arbeiten zu dürfen, man schätzt die medizinische Rundumversorgung. Aber wirklich dazugehören? Gar als Teil einer „Leitkultur“?

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele. Es gibt Zuwanderer, die wunderbar integriert sind und einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung Deutschlands leisten. Wer wollte das bestreiten? Aber die These bleibt: Wenn wir „Ur-Deutschen“ uns nicht mit ­unserem Land identifizieren, wenn wir nicht fähig sind zu bekennen, wie gern wir hier leben und ja, dass wir auch stolz auf das heutige Deutschland und den Beitrag sind, den es in seiner Geschichte insbesondere zur Kultur und Wissenschaft dieser Welt geleistet hat, werden auch andere kein posi­tives Gefühl zu diesem Staat entwickeln.

Warum hängt niemand eine Fahne auf?

Dass es das Bedürfnis nach der verbindenden Gemeinsamkeit gibt, wird ausgerechnet beim Fußball deutlich, wenn Welt- oder Europameisterschaft ist. Dann flattern schwarz-rot-goldene Fähnchen an zahlreichen Autos, Fahnen hängen aus Fenstern und über Balkonen, Kinder malen sich die deutschen ­Farben ins Gesicht und, mein Gott, was waren wir alle stolz, als „unsere Mannschaft“ die Brasilianer mit 7:1 weggefiedelt hat. 7:1 … gegen Brasilien! Ja, so sind wir, „wir Deutschen“ …

Warum hängt eigentlich niemand eine Fahne aus dem Fenster, wenn Tag der Deutschen Einheit ist? Ist man dann schon rechtsradikal? Warum hängt niemand eine Fahne auf, wenn ein Deutscher einen Nobelpreis ­erhält? Oder wenn die Arbeitslosigkeit unter zwei Millionen sinkt? Das wäre unverdächtig.

Es ist geradezu ein Treppenwitz, dass Deutsch­lands Politiker und Parteien ein Thema wie die nationale Identität höchst zweifelhaften Gestalten überlassen. Ein Aufmarsch von Hooligans und Rechtsradikalen in Köln „gegen Salafisten“ wird bis weit in gutbürgerliche Kreise ­hinein begrüßt und gefeiert. Es macht sprachlos, wie viel Zustimmung dieser bedrohliche Aufmarsch samt Pöbeleien, Schlägereien, Sachbeschädigungen in den s­ozialen Netzwerken findet.

Die Politik und natürlich die viel gerühmte ­Zivilgesellschaft sind dringend gefordert, das Thema Patriotismus zu ihrem zu machen. Selbst Jürgen Trittin von den Grünen, nicht des Nation­alismus verdächtig, bekannte vergangenes Jahr in einem Interview, dass er inzwischen bei offiziellen Anlässen die deutsche Nationalhymne mitsingt. Wenn er das kann, warum zieren wir uns?

Die Motivation zum Engagement für eine ­Gesellschaft und ein Land speisen sich nicht nur aus Gehaltsüberweisungen und Notwendigkeitserwägungen. Entscheidend ist das Gefühl, etwas Gutes und Richtiges zu tun. Weil es diese Gesellschaft und dieser Staat verdienen. Das ist problemlos möglich, auch ohne jegliche Überlegenheitsgesten gegenüber anderen Ländern. Man muss es nur wollen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Püttmann, Stefan Gärtner, Cigdem Toprak.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

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