Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. Mahatma Gandhi

Die tödliche Dreifaltigkeit

Aus einem problematischen Jugendlichen wird genauso wenig zwangsläufig ein Amokläufer wie aus einem Waffennarr. Auch allein mit der Persönlichkeit eines Menschen, lässt sich dessen Gewaltbereitschaft nicht erklären. Wenn diese Faktoren jedoch zusammen treffen, kann sich daraus eine gefährliche Mischung ergeben. Im Schlimmsten Fall endet diese in einem Blutbad.

Bei allen bisher bekannt gewordenen Amokläufen spielt die Verfügbarkeit und meist auch die Gewöhnung an Waffen eine entscheidende Rolle. Bei allen Amokläufen waren außerdem problematische soziale Umweltbedingungen gegeben.
Hierzu gehörte zum Beispiel ein sozial und psychisch zerrüttetes Elternhaus, die Flucht der Täter in eine mediale Scheinwelt mit gewalthaltigen Videospielen (Killerspielen), eine verunsicherte Beziehungsgestaltung bis hin zur sozialen Isolation im Gleichaltrigenkreis, eine langjährige psychische Zurücksetzung mit starker Störung des Selbstwertgefühls und oft auch ein Mangel an Anerkennung  im schulischen Leistungssektor.

Aller schlechten Dinge sind drei

Es sind drei zentrale Faktoren, die wir zur Erklärung von Amokläufen von Jugendlichen an Schulen identifizieren müssen, wenn wir sie analysieren und verstehen wollen. Der erste Faktor ist die Persönlichkeit des Täters. Hierzu wussten wir bisher sehr wenig. Der zweite Faktor ist die Beschaffenheit der sozialen Lebenswelt, also vor allem der Umwelt in Familie, Freundeskreis und Schule. Hierzu liegen inzwischen eine Reihe von erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen vor. Der dritte Faktor ist das Medium, mittels dessen die Tat ausgeführt wird. Es ist bei den allermeisten Amokläufen in den Schulen eine Waffe, meist eine Schusswaffe, deren Verfügbarkeit, Existenz und Einsatzmöglichkeit ebenso Voraussetzung für die Durchführung der Tat ist wie die beiden anderen Faktoren.

Wir müssen immer das Zusammenspiel der drei Faktoren Persönlichkeit – Lebenswelt – Tatmedium im Auge haben, wenn wir eine einigermaßen zufrieden stellende analytische Erklärung anstreben. Jede Erklärung, die nur auf einen der Faktoren abstellt, ist unzureichend. Bei allen bisherigen Taten waren der Zugang, die Verfügbarkeit und die Einsatzmöglichkeit von Waffen im Spiel – diese Bedingungen sind aber tausendfach bei anderen Jugendlichen gegeben, ohne dass sie zu Amokläufern werden. Das Gleiche gilt für die Faktoren in der sozialen Lebenswelt. Schulversagen, Demütigung im Freundeskreis, Vernachlässigung und Misshandlung in der Familie sind zwar bei den meisten Amokläufern anzutreffen, aber die gleichen Faktoren treten tausendfach bei anderen Jugendlichen auf, ohne dass sie zu Tätern werden.

Keine Frage der Persönlichkeit

Auch für den Faktor Persönlichkeit gilt diese Aussage. Nicht jeder traumatisierte, psychotische, schizophrene, paranoide, antisoziale, narzisstische, sadistische oder sonst wie psychopathologische Jugendliche wird zu einem Amokläufer. Nur einigen wenigen, ist dieses Schicksal vorgezeichnet. Ob das Ereignis eintritt oder nicht, hängt nicht alleine vom Faktor Persönlichkeit ab, sondern davon, wie die Persönlichkeit in ihrer Lebenswelt aufgenommen wird und sich dort bewegt und wie sie mit dem Medium der Tat vertraut ist. Erst alle drei Faktoren zusammen, in einem bisher nicht befriedigend zu erklärenden Wechselspiel, in einer verhängnisvollen gegenseitigen Beeinflussung, führen zur Tat.

Wir kennen heute aus jedem der drei Bereiche die wesentlichen Risikofaktoren. Was wir aber nicht wissen ist, welche Zusammengehörigkeiten, welche Kombinationen von Merkmalen aus den drei Bereichen gegeben sein müssen, damit es tatsächlich zur Tat kommt. Warum treffen bei Tätern die psychische Krankheit, die zerbrochene soziale Lebenswelt und das Medium Tatwaffe so zusammen, dass sie tatsächlich den unfassbaren Schritt zur Tötung anderer Menschen und von sich selbst gehen? Diese Frage bleibt unbeantwortet. 

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas T. Sturm, Andreas Törgel, Peter Langman.

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