Die neue Ampel plant die Kulturrevolution | The European

Ampel-Koalition: Eine feministische Kulturrevolution droht

Klaus Funken8.12.2021Medien, Wissenschaft

Die neue Ampelkoalition wird sie sich mit umso größerer Verve auf kulturpolitische, gesellschafts- und familienpolitische Themen stürzen, um ihre enttäuschte Klientel zu befrieden. Die feministische Kulturrevolutionwird dann noch mehr Fahrt aufnehmen. Von Klaus Funken.

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Manchmal bedarf es nur wenig, beispielsweise eines klitzekleinen Zeichens, um große Wirkung zu erzielen. Das „Gender-Sternchen“ ist so ein Zeichen. Mit einem Schlag war es auf die Oberfläche einer breiten öffentlichen Aufmerksamkeit katapultiert worden. Und man wunderte sich, was es so alles ans Tageslicht brachte. Das, was bislang im Halbdunkel elitärer Debatten geblieben war, brach sich auf einmal mit lautem Getöse Bahn.

Die Einführung des „Gender-Sternchens“ hatte aus der Sicht derjenigen, die es ersonnen haben, den „charmanten Effekt“, dass beim öffentlichen Sprechen die männliche Sprachform nicht mehr erscheint. In den Nachrichten, beim Interview oder im Kommentar hörte man nun von Patientinnen auf Intensivstationen, von Ärztinnen in Krankenhäusern, von Musikerinnen und Verkäuferinnen, Buchhändlerinnen und Lehrerinnen, Polizistinnen und Soldatinnen. Es wurde etwa in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten von einer „Ministerpräsidentinnen-Konferenz“ gesprochen, die stattgefunden hat; dabei gibt es in Deutschland von den 16 Landeschefs nur zwei Ministerpräsidentinnen. Der verdutzte Zeitgenosse mochte sich angesichts des verwirrenden Neu-Sprechs der Medien die Frage gestellt haben, warum es denn beim öffentlichen Sprechen nur noch die weibliche Form geben soll?

Kampfplatz Sprache

Wer hinter diesen eher kurios anmutenden Sprachspielchen bisher keinen tieferen Sinn erkennen konnte, muss sich eines Besseren belehren lassen. Bei der „Sternchen“-Debatte geht es nur oberflächlich um eine Verhunzung unserer Sprache bzw. um ein grammatikalisches Unding oder schlicht um blanken Humbug. Bei der Sprache, dem Schreiben und dem Sprechen, geht es, folgt man der feministischen Weltanschauung, um mehr als um Verständigung, Kommunikation, es geht hier um Macht, um Ausübung von Macht, es geht um Herrschaft, um Unterdrückung. Jahrzehnte haben Feministinnen darum gekämpft den männlichen Sprachformen, weibliche an die Seite zu stellen. Hundertausende von amtlichen Schriftstücken, von Gesetzestexten bis zu Anweisungen und Empfehlungen der Behörden wurden nach „Frauen diskriminierende Sprachformen“ untersucht und korrigiert. Das öffentliche Sprechen wurde einer sprachpolizeilichen Überprüfung, unterworfen, der sich die meisten Menschen freiwillig beugten.

Mit dem harmlos daherkommenden „Gender-Sternchen“ gehen Feministinnen nun einen Schritt weiter. Nach der „geschlechtergerechten Sprache“, der „Gleichstellung männlicher und weiblicher Sprachformen“ wird jetzt dem „generischen Maskulinum“, der Männlichkeitsform unserer Sprache, der Kampf angesagt. Das generische Maskulinum ist das sprachliche Vehikel des Patriarchats, also der Herrschaft der Männer über die Frauen. Es stellt einen Angriff auf die weibliche Identität dar. Es ist Symbol jener „toxischen Männlichkeit“, die in der Vergangenheit so unendliches Leid, Tod und Zerstörung in die Welt gebracht hat. Heutzutage stellt die „toxische Männlichkeit“ das Überleben der Menschheit selbst in Frage, die in einem ökologischen Holocaust unterzugehen droht. Die Zukunft, so hörte man einen berühmten Kampfaufruf der Kommunisten paraphrasieren, ist weiblich oder sie wird nicht sein.

Feministinnen sehen deshalb ihre Hauptaufgabe darin, „den Männern“ ihre „toxische Männlichkeit“ auszutreiben und sie dabei mit Hilfe von „Gender-Studies“, „Political Correctness“, „Cancel Culture“ einem umfassenden Umerziehungsprozess zu unterziehen. Das ist ein lebenslanger Prozess, der bei der frühkindlichen Erziehung anfängt und der erst endet, wenn Männer das Zeitliche gesegnet haben. Männern mit antiquiertem (maskulinem) Weltbild wird das Recht abgesprochen und, sofern es geht, die Möglichkeit entzogen, das Gift des Patriarchats weiterhin zu versprühen – in den Erziehungsanstalten, den Medien, den Verlagen, den Theatern und all den anderen Kultureinrichtungen. Manchen wird dieses Weltbild bekannt vorkommen und die Chancen für eine Umsetzung dieser Wahnvorstellungen in demokratischen Gesellschaften für gering erachten. Doch da sollte man nicht so sicher sein.

Fabelhaft erfolgreich

Mit ihren abstrus anmutenden Endzeitvisionen haben Feministinnen überall in der westlichen Welt ihren Weg durch die Institutionen angetreten und sind dabei höchst erfolgreich gewesen. Das Klima zwischen den Geschlechtern ist in den westlichen Ländern in einer Weise vergiftet wie seit Menschengedenken nicht mehr. Die Wirkungen des feministischen Kulturkampfes sind an allen Ecken und Enden zu spüren. Von einer offenen Atmosphäre eines freien, repressionsfreien Gedankenaustauschs kann keine Rede mehr sein. Wer nicht dazu gehört, dem feministischen Mainstream nicht folgt, Bedenken hat, Kritik äußert, wird an den Rand gedrängt. Die Meinungsfreiheit ist in geradezu erschreckender Weise eingeschränkt. Andersdenkende werden bedrängt, stigmatisiert, gemobbt. Immer mehr Menschen halten sich mit abweichenden Äußerungen zurück. Über die Hälfte der Amerikaner (in Deutschland ist es nicht viel anders) lehnt es zwischenzeitlich ab, sich an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen. Erstaunlicherweise stößt dieses Alarmsignal bei der etablierten Politik kaum auf Resonanz. Im Gegenteil.

Parteien, staatliche Verwaltungen, Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Kulturinstitutionen, wissenschaftliche Forschungs- und Lehranstalten befeuern die feministische Kulturrevolution und beteiligen sich an den in Aussicht genommenen Umwälzungen. Zwischenzeitlich existieren mehr als 200 sogenannte „Gender-Lehrstühle“ an deutschen Universitäten, an denen künftige Kombattant*innen für den feministischen Kulturkampf ausgebildet werden. Die politischen Stiftungen der Linksparteien, der Gewerkschaften und nicht zuletzt der evangelischen Kirche ergänzen das Forschungs- und Lehrangebot. Welche Macht diese Phalanx hat, weiß jeder, der einmal versucht hat, gegenüber dem feministischen Mainstream abweichende Meinungen, unerwünschte Nachrichten und Informationen, in die öffentliche Debatte einzubringen. So verengt sich der demokratische Diskurs auf diejenigen, die ohnehin schon immer das große Wort führen.

Feministische Kulturrevolution

Die feministische Kulturrevolution, der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz spricht von einem „kulturellen Bürgerkrieg“, hat zwischenzeitlich nahezu alle Sektoren des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erfasst. Vor allem sind Kultureinrichtungen dem Ansturm der feministischen Kulturrevolution ausgesetzt. In den kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereichen der Universitäten und Hochschulen, in den Massenmedien, den Buchverlagen, den Kunstakademien, den Theatern hat die feministische Kulturrevolution eine breite Schneise der Verwüstungen geschlagen. Hochschullehrer, Redakteure, Lektoren, Künstler, Schauspieler und Musiker, die nicht auf Linie sind, werden gemobbt, malträtiert, nicht selten auch terrorisiert bis sie kleinbeigeben, resignieren und sich anpassen oder aus dem Beruf ganz ausscheiden. Vorgänge dieser Art sind bisher in aller Regel von den Medien ignoriert worden. Auf Solidarität von Kollegen konnten die Drangsalierten auch kaum rechnen. Selten schaffen es die feministischen Attacken einmal in die Feuilletons der Zeitungen und in die Fernsehmagazine. Auch auf wirksame Unterstützung seitens der Politik können die Opfer feministischer Übergriffe nicht rechnen. Wie vor 60 Jahren – zur Zeit der sogenannten „68er-Bewegung“ – ist die Freiheit von Lehre und Forschung vor allem in den gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Fachbereichen der Universitäten und Hochschulen in Gefahr.

Zwischenzeitlich gibt es allerdings in Deutschland – nicht zuletzt dank der Debatte um das „Gender-Sternchen“ – eine lebhafte Auseinandersetzung über das, was Feminismus eigentlich ist, was Gender-Politik meint und bewirken will. Als die Bild-Zeitung am 5. Juli 2012 über einen „ungewöhnlichen“ Antrag der sächsischen SPD für den Landesparteitag unter der Überschrift „Klo-Mülleimer für „Menstruierende Männern“ berichtete, hätte man meinen können, es handele sich um einen verspäteten April-Scherz. Das war freilich weit gefehlt. Der Antrag der sächsischen Sozialdemokrat*innen war ernstgemeint. Auf Nachfrage der Bild-Redakteure stellte sich der sächsische Landesvorsitzende hinter den Antrag. Unter „menstruierenden Männer“ – wurde Bild aufgeklärt – seien „Männer“ zu verstehen, die als Frauen geboren wurden, sich aber als Mann fühlen und auch so leben. Ein Problem – so hatten sich die sächsischen Genoss*innen belehren lassen – sei es, wenn einer dieser „Männer“ auf einer öffentlichen Toilette seine Periode-Produkte entsorgen will, ihm dafür aber kein Mülleiner zur Verfügung steht. Das zu ändern, hatte sich die sächsische Partei zur Aufgabe gemacht. Einen entsprechenden Antrag mit dem unverfänglichen Titel „Nicht-binäre Toilettenausstattung“ winkten die sächsischen Sozialdemokrat*innen dann auf ihrem Landesparteitag durch.

Die Tatsache, dass der Antrag die ausdrückliche Unterstützung des Landesverstandes sowie die Rückendeckung der Bundesspitze fand, kam dann für viele Sympathisanten innerhalb wie außerhalb der Partei doch einer Offenbarung gleich. Einer breiten Öffentlichkeit wurde schlagartig bewusst, wes Geistes Kind Sozialdemokraten zwischenzeitlich sind. Solange es um fehlende Mülleimer für Frauen geht, die beim Besuch des Männerklos einen Mülleimer für weibliche Hygieneartikel vermissen, mag man sich über die Fürsorglichkeit der sächsischen Genoss*innen hinweg schmunzeln.

Etwas anderes ist es, wenn es um andere Menschen geht, vor allem um Kinder. Hier geht es dann ans Eingemachte, über das sich jedes Schmunzeln verbietet. Zum Beispiel wenn die Genoss*innen Eltern das Recht einräumen, das Geschlecht ihrer Sprösslinge selbst zu bestimmen, es amtlich zu Protokoll zu geben und es ins Geburtsregister eintragen zu lassen. Jeder kann sich ausmalen, was passiert, wenn ein Junge als Mädchen oder umgekehrt ein Mädchen als Junge „deklariert“ und erzogen wird und damit in seiner/ihrer Umgebung zurechtkommen muss, in der Verwandtschaft, im Freundeskreis, in der Kita, im Sportverein und der Schule. Immerhin sehen die Genoss*innen vor, dass die Sprösslinge mit Vollendung des 14. Lebensjahre dann selbst entscheiden dürfen, zu welchem Geschlecht sie zugehören möchten: heterosexuell, lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer, intersexuell und die vielen anderen sexuellen Orientierungen mehr. Die deutsche Sozialdemokratie – das machen Beispiele dieser Art deutlich – segelt offensichtlich unter dem Banner des Feminismus und hat sich – wie Linke und Grüne – in die Reihen des feministischen Kulturkampfes eingereiht. Mit einer Ampelkoalition wird da noch Einiges auf uns alle zukommen.

Linker Verrat

Wer sich bisher mit der feministischen Kulturrevolution noch nicht befasst hat, tut gut daran, sich mit den Grundlagen der feministischen Weltanschauung auseinanderzusetzen. Sich nur zu fragen, was das denn alles soll, wird nicht mehr ausreichen. Aufklärung tut also not. Da kommen die Studien des gelernten Philosophen Alexander Ulfig zum richtigen Zeitpunkt. Ulfig gehört zu der raren Sorte von Wissenschaftlern, die sich schon früh mit dem öko-feministischen Zeitgeist unserer Tage kritisch auseinandergesetzt haben. Ulfig tut das – was besonders erwähnenswert ist – von einer dezidiert linken Position aus. Für ihn sind die Ideale der europäischen Aufklärung keine leeren Floskeln, die im Nebel postmoderner Beliebigkeit verschwunden sind, sondern Programm und Orientierung. Vernunft und Rationalität, an die Wurzeln reichende Ideologie- und Religionskritik, empirische, d.h. exakte Wissenschaften und allgemeingültige Erkenntnisse, universelle Werte und unveräußerliche Menschenrechte, politische Orientierungen wie Toleranz, Liberalität, Demokratie und Rechtsstaat sind ihm Maßstäbe, mit denen er „die Zerstörung der Vernunft“, um eine Streitschrift eines seinerzeit berühmten ungarischen Marxisten zu zitieren, nachzeichnet.

In seiner zuletzt veröffentlichten Schrift[1] wirft Ulfig der westlichen Linken – in Deutschland sind das die Parteigänger der SPD, der Grünen und der Linken – nicht weniger als den Verrat an der europäischen Aufklärung vor. Offensichtlich hat sich die Linke den ideologischen Sirenenklängen und machtversessenen Verlockungen der Postmoderne hingegeben. Ulfig macht den Verrat an zwei höchst brisanten Themen fest, dem leger permissiven Umgang der deutschen Linken mit dem politischen Islam (Islamismus) und der Übernahme feministischer Theorie und Praxis in Programmatik und das praktisch-politische Handeln. Dass ausgerechnet die atheistische Linke dem politischen Islam in Europa die Stange hält, während sie am Christentum und an den christlichen Kirchen kein gutes Haar lässt, kann als skurrile Ungereimtheit abgebucht werden. Die Übernahme des Feminismus in die Parteiprogramme linker Parteien wird allerdings Langzeitfolgen haben, die zurzeit noch nicht abgesehen werden können.

Postmodernen Kulturrelativismus

Die Ursache für diese Haltung linker Parteien sieht Ulfig in ihrer Anpassung an einen „postmodernen Kulturrelativismus“, für den es keine objektive Wahrheit, keine reale Welt außerhalb des eigenen Ichs mehr gibt. Alles ist demnach relativ, fließend, unbestimmt, Gefühl, Meinung, Deutung, Interpretation. Es gibt – hatte schon Michel Foucault, der Altmeister der Postmoderne, Anfang der siebziger Jahre geschrieben – „kein absolutes Erstes, das zu interpretieren wäre, denn im Grunde ist alles schon Interpretation, jedes Zeichen ist an sich nicht die Sache, die sich der Interpretation darböte, sondern eine Interpretation anderer Zeichen.“ Die Realität soll sich, wie Werner Seppmann mit Recht anmerkt, im Prozess einer „unendlichen“ Interpretation und eines ziellosen Fragens in einer Nebelwelt von Übergängen, Differenzen Verschiebungen, Spaltungen etc. auflösen. „Nichts ist eindeutig erfassbar und zusammenhängend ‘lesbar‘, kein Unterschied zwischen Text und Kontext zu bezeichnen.“ Ulfig folgt diesem Befund Seppmanns. Realität als ein außer uns Existierendes, das eigenen Gesetzen folgt, ist nach postmoderner Weltanschauung eine Fiktion. Realität löst sich in Interpretation, Deutungen und eine endlose Folge öffentlicher Diskurse auf. Logischerweise kann es  in der postmodernen Welt keine universellen Werte, keine gültigen Normen und keine allgemeinen Rechte, etwa die Menschenrechte, wie sie die europäische Aufklärung reklamiert hatte, geben.

Wille zur Macht

Das einzig Konstante in dieser Welt des postmodernen Kulturrelativismus ist das eigene Ich, die Person, die durch ihre jeweilige Deutung und ihre jeweilige Interpretation allein Realität schafft, für sich und – das ist entscheidend – auch für andere, allerdings nur dann und insofern als die Person Macht und Einfluss besitzt und über den Zugang zum öffentlichen Sprechen und Schreiben verfügt. In dieser postmodernen Welt absoluter Beliebigkeit, grenzenloser Freiheit, unbeschränkter Selbstverwirklichung, einer Welt des totalen Individualismus, des „Alles ist möglich“ und des „Alles kann und ist in Frage zu stellen“, gibt es nur noch den einen Halt, den einen archimedischen Punkt, um den sich alles dreht: die Frage nach der Macht. Ihr Besitz ist von überragender Bedeutung. Sie entscheidet darüber, was wir als Realität wahrnehmen, was wir als Realität bereit sind zu akzeptieren oder was wir zu akzeptieren gezwungen werden. Der Zugang zur Macht und der Zugang zum öffentlichen Diskurs sind die beiden wichtigsten Säulen, auf denen die gesellschaftliche Realität beruht und um die sich alles dreht.

Für das Verständnis des Feminismus ist der „postmoderne Kulturrelativismus“ von ausschlaggebender Bedeutung. Was Michel Foucault für den Postmodernismus ist Judith Butler für den zeitgenössischen Feminismus. Wie für Foucault hat auch für Butler das Selbst des Menschen keine feste Identität. Das Geschlecht wird als eine ausschließlich „soziale Konstruktion“ aufgefasst, unter der nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex) subsumiert wird. Das Geschlecht ist nichts Vorgeprägtes, biologisch Festgelegtes, es wird vielmehr immer wieder durch jeden und jede einzelne Person neu festgelegt und erzeugt. Die geschlechtliche Realität des Menschen wird durch Sprache, durch Interpretation und Deutungen im Rahmen von diskursiven Praktiken hergestellt. Jeder einzelne Mensch kann also sein Geschlecht frei wählen, so wie er/sie ein Hemd oder eine Bluse, eine Hose oder einen Rock wählt. Das biologische Geschlecht spielt dabei keine Rolle. So „entstehen“ dann „menstruierende Männer“, die auf der Männertoilette Mülleimer für weibliche Hygieneartikel vermissen, einem höchst beklagenswerten Missstand, dem sich eine fürsorgliche Partei umgehend annimmt.

Der Mensch wird nach postmodern-feministischen Weltbild also durch ein endloses Hin und Her von Selbst-Konstruktion und Selbst-Dekonstruktion in immer neue Realitäten versetzt. Er muss sich ständig neu erfinden, sich immer neu in Szene setzen, sich immer neu anpassen. Inszenierung des eignen Selbst, Ästhetisierung der eignen Existenz, Selbstformgebung und Hervorhebungen der Rolle des Körpers, sind tragende Elemente der postmodernen/feministischen Lebensanschauung, schreibt Ulfig. Foucault fordere deshalb, eine „Sorge um sich“ und betone die Notwendigkeit, an sich zu arbeiten, mit sich selbst zu experimentieren, sich in bestimmten Praktiken einzuüben und sich selbst zu formen.

Wie schon bei den Postmodernisten steht auch bei den Feministinnen die „Machtfrage“ im Mittelpunkt. Sie ist entscheidend. Sie muss geklärt sein, bevor die angestrebte radikale „Umwertung aller (männlichen) Werte“ in Angriff genommen werden kann. Wer Macht über Sprache, Interpretation, Deutung hat und wer den öffentlichen Diskurs bestimmt, gibt den Weg vor und entscheidet über die Zukunft. Das, was patriarchalische Ordnung bedeutet und was unter „toxischer Männlichkeit“ zu verstehen ist, kann erst dann definiert und unter die Leute gebracht werden, wenn die Machtfrage geklärt ist. Der „Wille zur Macht“ ist das Entscheidende. Deshalb ist es falsch anzunehmen, dass es dem Feminismus um Gleichberechtigung geht, nicht einmal um Gleichstellung, den Feministinnen geht es um das ganz Andere, nämlich die friedliche, wahrhaft humane Gesellschaft, die schon einmal vor vielen Tausend Jahren bestanden hatte und von der allein der Weg aus der gegenwärtigen existenzbedrohenden Krise erwartet werden kann. Der Feminismus reiht sich damit in die säkularen eschatologischen Denkmuster der Neuzeit ein, die gerade in Europa und vor allem in Deutschland so viel Verwirrung und Unheil gestiftet haben.

Ulfigs Studie bringt Licht in die Finsternis postmodernen feministischen Denkens. Er konfrontiert es mit den Prinzipien, Methoden und Kategorien aufgeklärten Denkens und der modernen (exakten) Wissenschaften und zeigt, wie weit sich der postmoderne Feminismus von den Idealen und Werten der europäischen Zivilisation entfernt hat. Das kann freilich kaum überraschen. Für Feministinnen sind europäische Zivilisation und Philosophie ein Produkt des Patriarchats, d. h. der Unterordnung der Frauen unter die Herrschaft des Mannes. Den Menschenrechten, die als Folge und im Zuge der europäischen Aufklärung deklariert worden waren, wird deshalb jede Allgemeingültigkeit und Universalität abgesprochen. So verwundert es denn auch nicht, dass der Feminismus den traditionellen (patriarchalischen) Menschenrechten besondere Frauenrechte an die Seite stellt, die ausschließlich für Frauen gelten.

Die neue Ampelkoalition wird uns vermutlich gerade hier mit vielem Neuen überraschen. Da ihr Spektakuläres im Kampf gegen den Klimawandel, was von ihr ja vor allem erwartet wird, kaum gelingen wird, wird sie sich mit umso größerer Verve auf kulturpolitische, gesellschafts- und familienpolitische Themen stürzen, um ihre enttäuschte Klientel zu befrieden. Die feministische Kulturrevolution, so steht zu befürchten, wird dann noch mehr Fahrt aufnehmen. Man ist also gut beraten, sich mit zuverlässigen Argumenten zu wappnen, was heute leichter fällt als noch vor Jahren, als die Zahl der Kritiker der feministischen Kulturrevolution noch bescheiden und ihre öffentliche Wirkung praktisch auf das Internet begrenzt war. Das hat sich erfreulicherweise in der Zwischenzeit geändert.

[1]Ulfig, Alexander, Das bedrohte Vermächtnis der europäischen Aufklärung. Wege aus der gegenwärtigen Krise, Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2021

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