Debatte wird im Parlament nur simuliert. Roger Willemsen

Menschenwürde im Gefällt-mir-Zeitalter

Schweigen scheint nicht möglich: In der RTL-Dschungelshow geht es um soziale Interaktion, um Wahrhaftigkeit und Prinzipientreue. Das mediale Soziallabor funktioniert dabei wie das Web 2.0, denn es besteht die Pflicht zur Äußerung.

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Im Dienste seines Themas müsste der Text an dieser Stelle sein Ende finden. Aber das "Schweigen als Statement“ verfehlt in der Mediengesellschaft natürlich komplett seine Wirkung. Meditieren in Rückenlage als stille Antwort auf den endlosen Redeschwall der anderen? Fasten als Replik auf den Hunger der Fleischesser? Lieber Rainer Langhans, das alles war ja nicht wirklich telegen!

Wer sich für einen Aufenthalt im televisionären Zeltlager der Fernsehshow "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ entschieden hat, kann zwar vertraglich festlegen, keine Würmer zu essen. Aber er kann nicht die soziale Interaktion verweigern. Was noch einmal belegt, dass es nie ums Würmerfressen ging. Die Show ist darauf angelegt, Fragen des Zusammenlebens am RTL-Lagerfeuer zu verhandeln. Es geht um Wahrhaftigkeit und Prinzipientreue. Um die Solidarität mit den Schwachen und den Überlebenstrieb der Hungernden. Vor allem aber geht es um die Fähigkeit, das eigene Tun ins Verhältnis zum Tun der anderen zu stellen.

Mittendrin statt nur dabei

Und dabei sind – und das ist der Twist! – die anderen eben nicht die anwesenden Mitbewohner im Camp, sondern die anonymen Zuschauer draußen am anderen Lagerfeuer. Sie bestimmen die Versuchsanordnung. Wenn Kandidatin Sarah behauptet, ihre verpatzte Sternsuche sei die "härteste Dschungelprüfung aller Zeiten“ gewesen, bestimmen die Zuschauer sie zur weiteren Dschungelprüfung. Um zu erfahren, wie Sarah sich künftig für die ausbleibenden Essensrationen rechtfertigen wird. Wenn dagegen Rainer Langhans seinen Aufenthalt im Kakerlakensarg mit Würde und Anstand hinter sich bringt, wird er von den Zuschauern kein zweites Mal geprüft. Denn das Dschungelcamp ist ein Soziallabor. Und die Teilnehmer sind Probanden, die ihr Selbstbild überprüfen lassen. Das alles passiert zur besten Sendezeit vor acht Millionen Zuschauern, von denen übrigens jeder Dritte eine akademische Bildung hat.

Dass diese Staffel von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ alle Einschaltrekorde gebrochen hat, ist für sich genommen kein Argument für die Legitimität der Versuchanordnung. Aber der Zuschauerzuspruch verweist doch auf eine Gesellschaft, die in den sieben Jahren seit der ersten Ausgabe des "Dschungelcamps“ ihre Haltung zur Privatsphäre in virtuellen Wirklichkeiten maßgeblich verändert hat. Während 2004 noch über das voyeuristische Potenzial der „Ekelhaft“-Show kontrovers debattiert werden konnte, ist das digitale Dabeisein im Facebook-Zeitalter nun moralisch mehrheitlich sanktioniert. Wie soll man sich also in einer Community, die sich täglich in Millionen von Tweets darüber informiert, wo man gerade so ist und was man gerade so denkt, liest, sieht, darüber empören, wenn ein paar Schauspieler gegen Tagesgage veröffentlichen, was sie gerade so denken, sehen, essen müssen?

Gefällt Ihnen das?

Letztlich funktioniert das Dschungelcamp wie das Web 2.0: Man akkreditiert sich, kreiert ein Profil, sammelt Freunde und Follower und gewinnt so vermeintlich an Bedeutung. Alles ist möglich in dieser Parallelwelt. Alles, außer nicht wahrgenommen zu werden. Das gilt auch für die veröffentlichte Meinung. Und so erhöhen dieser Tage seriöse Nachrichtenportale ihre Klickraten mit ungelenk umformulierten Nacherzählungen der RTL-Show und peppen ihre "News“ mit affirmativen Fotostrecken aus dem Dschungelcamp auf. Diese Äußerungspflicht ist die Kröte – pardon: Kakerlake! –, die es zu schlucken gilt. Auch dieser Text ist ja ein Beispiel dafür. Im Dienste seines Themas hätte er gar nicht geschrieben werden dürfen. Drücken Sie bitte JETZT den "Gefällt mir“-Button.

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