Sind Roboter Kinder Gottes?

Kevin Kelly22.04.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Durch den technologischen Fortschritt verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Hyper-Realität. Was den Menschen von Maschinen unterscheidet, wird nicht mehr nur Hollywood beschäftigen.

Ein zentrales Thema dieses Jahrhunderts ist die Suche nach der kollektiven Identität der Menschheit. Wir werden versuchen, herauszufinden, was es bedeutet, Mensch zu sein und wer wir eigentlich sind.

Jeden Tag bringt die Wissenschaft neue Erfindungen hervor, und fast immer bekommt unser althergebrachtes Menschenbild durch diese Innovationen einen weiteren Kratzer. Jeden Tag werden wir mit Meldungen konfrontiert, die unser Selbstverständnis in Frage stellen. Ob Stammzellenforschung, Entschlüsselung des menschlichen Erbguts, künstliche Intelligenz, gedächtnisfördernde Medikamente, künstliche Extremitäten oder soziale Netzwerke: Jedes dieser Werkzeuge lässt die Grenzen zwischen einzelnen Menschen verschwimmen und verändert unsere Spezies. Wer also sind wir? Wer wollen wir sein?

Im Internet suchen wir spielerisch nach Antworten auf diese Fragen. Im Universum von „Second Life“ oder in Chaträumen können wir frei entscheiden, wer wir sein wollen. Wir können unser Geschlecht bestimmen, unsere Gene, sogar unsere Spezies. Außerhalb des Netzes haben wir heute durch technologischen Fortschritt die Möglichkeit, uns einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen oder unsere Körper zu verändern.

Gleichzeitig erleben wir den Siegeszug der Hyper-Realität. Damit meine ich Simulationen, die so komplex, kohärent und überzeugend sind, dass sie eine eigene Realitätsmacht entfalten. Eine Fälschung, die so überzeugend ist, dass die Falschheit selbst zum Verkaufsargument wird: Eine Art Disneyland, so verlockend, dass aus ihm weitere Fälschungen hervorgehen. Mit Photoshop bearbeitete Bilder, die so offensichtlich gestellt sind, dass sie ihre eigene authentische Realität produzieren. Synthetische Materialien, die uns attraktiver erscheinen als naturbelassene. Fälschungen, die besser sind als die Originale. Wen kümmert es, was real ist und was nicht?

Das Ende des menschlichen Geistes

Diese Hyper-Realitäten stellen uns vor neue, ethische Fragen: Ist ein Gewaltverbrechen in der virtuellen Welt vergleichbar mit einem Gewaltverbrechen im Hier und Jetzt? Oder ist es eben doch „nur“ virtuell? Wie viel unseres realen Lebens findet im Kopf statt? Wie viel unserer Realität ist eine Halluzination, auf die wir uns nur allzu gerne einlassen? Wo endet unser Geist, und wo beginnt der Rest der Welt? Was, wenn unsere Umwelt nur in unserem Kopf stattfindet?

Je mehr unser Leben von neuen Technologien abhängt – und je mehr Zeit wir damit verbringen, über Technologien miteinander zu kommunizieren – desto drängender wird die Frage, was denn eigentlich „real“ ist. Wie können wir Realität und Simulation unterscheiden? Ist das überhaupt möglich? Und: Welche Auswirkungen haben unsere Antworten auf das Menschenbild?

Mich faszinieren die freidenkerischen Ideen des legendären Science-Fiction-Autors Philip K. Dick (1928-1982). Er ist heute aktueller denn je, weil die zwei grundlegenden Themen seines Schaffens genau jene sind, die unsere Kultur in den kommenden hundert Jahren bestimmen werden: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Und was ist die Natur des Nicht-Menschlichen oder der Realität?

Dicks Themen werden unsere Themen sein. Die Fragen „Wer sind wir?“ und „Was ist Realität?“ werden bald nicht mehr nur in Science-Fiction-Romanen gestellt und beantwortet werden. Sie werden stattdessen ins Zentrum der wissenschaftlichen und kulturellen Aufmerksamkeit rücken. Ich kann mir sogar vorstellen, dass sie einmal zu den zentralen Fragen unseres gesellschaftlichen Bewusstseins werden. „USA Today“ und CNN werden über das Menschenbild berichten. Der Oberste Gerichtshof wird sich damit auseinandersetzen. Beim Abendessen werden wir darüber sprechen.

In wenigen Jahrzehnten, wenn Dicks erträumte Realitäten wahr geworden sind, werden wir es mit künstlicher Intelligenz zu tun haben, mit genmodifizierten Erwachsenen, mit wirkungsvollen Neuro-Drogen, mit ausgefeilten virtuellen Realitäten und einer niemals ruhenden Schwarmintelligenz. Dicks Fragen werden unsere Fragen sein. Wie im Film „Matrix“, nur dass die Debatte darüber in den Abendnachrichten geführt werden wird. Selbst konservative Menschen werden dann fragen: „Was, wenn Wirklichkeit wirklich nur eine von vielen Ebenen ist? Was, wenn Menschsein nur eine unter vielen Optionen ist?“

Wir müssen damit rechnen, dass es eine große Unsicherheit darüber geben wird, was unsere Spezies im Kern auszeichnet. Eine Zeit voll Nervosität kommt auf uns zu. Eine Zeit, die den idealen Nährboden für seltsame Kulte und Überzeugungen bieten wird – ganz so, wie es Dick vorausgesagt hat. Diese Fragen werden zu Psychosen und Kriegen führen. Dass diese Furcht nicht unbegründet ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Die heftig geführten Debatten über Abtreibung oder Sklaverei zeigen, welche Konflikte durch unterschiedliche Menschenbilder ausgelöst werden können.

Eine gesamte Spezies in der Identitätskrise

Selbst die, die von direkter Gewalt verschon bleiben werden, werden sich mit quälenden Fragen beschäftigen müssen. Wer bin ich? Kann es mehr als eine Spezies Mensch geben? Sind Roboter Kinder Gottes? Ist zu rechtfertigen, Maschinen als Sklaven zu halten? Müssen wir auch mit unbelebten Objekten mitfühlen? Ist es real, nur weil es schmerzt?

Die Last dieser Fragen lähmt und bringt Menschen zum Einknicken. Jetzt stellen sie sich einmal vor, was passiert, wenn sich die gesamte Weltbevölkerung diesen Fragen stellen muss. Ein ganzer Planet im Netz der Dick’schen Fragen. Eine gesamte Spezies in der Identitätskrise. Das ist die Zukunft.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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