Redefreiheit ist das Leben. Salman Rushdie

Kapital schlägt Bedenken

Mein Japan ist das technisierteste Land der Welt. Wir hätten besser daran getan, unsere Zweifel gegen die Interessen der Industrie zu stellen.

Die Atomenergie soll die für ein Industrieland unentbehrliche preiswerte Energieversorgung garantieren, durch Genmanipulation kann die Lebensmittelversorgung abgesichert werden und hocheffiziente Massentransportmittel gewährleisten die Mobilität der Bevölkerung. Die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten und die sozialen Netzwerke erlauben uns eine virtuelle Allgegenwart.

Die Faszination des technisch Machbaren und Möglichen ist groß und scheint den direkten Weg zur Glückseligkeit zu weisen.

Kurzfristige Profitinteressen

Aber immer mehr Bürger misstrauen einem enthusiastischen und blinden Fortschrittsglauben. Ob in Japan oder Europa, selbst in den USA haben die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte uns eines gelehrt: Statt der naiven Unbefangenheit, mit der man früher neue Möglichkeiten begrüßt hat, sind Zweifel und eine gesunde Skepsis angebracht. Für diesen Lernprozess gibt es in Japan zahlreiche Beispiele.

Beginnen wir mit dem Shinkansen. Die Winterolympiade in der Stadt Nagano, 230 Kilometer nordwestlich von Tokio in einem Gebirgstal gelegen, war ein willkommener Anlass, eine neue Shinkansenstrecke nach Tokio zu bauen. Die Kosten waren enorm. Die Bevölkerung freute sich auf das versprochene wirtschaftliche Wachstum und neuen Wohlstand in der Region. Nach dem Abklingen der olympischen Euphorie zeigte sich aber sehr schnell eine gegenläufige Tendenz: Die neuen Verkehrsverbindungen nach Tokio hatten eine einseitige Konzentration der Wirtschaft auf die Hauptstadt zur Folge.

Der ökonomische Effekt der Spiele für die Region Nagano war negativ und führte zu einer Ausdünnung der Industrie wie zu einem Bevölkerungsschwund. Das große Kapital, das am Bau beteiligt war, ist längst abgereist. Das Gleiche gilt für die Großstadt Osaka im Westen Japans. Mit dem Ausbau des digitalen Kommunikationssystems trat keineswegs die erhoffte Streuung der Wirtschaftskraft ein. Im Gegenteil. Der Rechtspopulismus, der seit ein paar Jahren in Osaka tobt, ist zum großen Teil eine Reaktion auf den zunehmenden Bedeutungsverlust der Region Kansai infolge der immer stärkeren Konzentration des Kapitals in Tokio.

Das gilt mutatis mutandis auch für die Magnetschwebebahn, deren Bau zwischen Tokio und Nagoya vor ein paar Monaten genehmigt wurde. Die vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitstests wurden schnell erledigt, damit die Bauarbeiten zügig beginnen konnten. Dagegen muss für den Bau einer weit weniger invasiven Windturbine eine Verträglichkeitstestphase von drei Jahren eingehalten werden. Dahinter steht, wie jeder weiß, das Interesse des auf schnellen Gewinn zielenden Großkapitals.

Auch bei der Genehmigung von Genmanipulation ging es um kurzfristige Profitinteressen. Im konkreten Fall haben Experten mit einer raffinierten Manipulationstechnik eine neue Maissorte entwickelt, die gegen bestimmte Viren resistent ist. Wenige Jahre später sehen sich die Forscher konfrontiert mit einer neuen Generation von Viren, die diese Maissorte, auf die sie so stolz waren, mühelos vernichtet. Begründete Mahnungen zur Vorsicht und zur Abwägung der Risiken waren immer wieder ignoriert worden. Die kurzfristige Interessenorientierung des Großkapitals schafft Bedenken, Zweifel und Proteste schnell aus dem Weg. Bedenkenträger sind für das System nur noch Störfaktoren, Reminiszenzen aus der romantisch verklärten Vergangenheit.

Noch ein Wort zur atomaren Energiegewinnung: Japanische AKW-Betreiber und die derzeitige Regierung möchten nach einem „gründlichen“ Härtetest ein Kraftwerk nach dem anderen wieder hochfahren. Die noch längst nicht bewältigte Katastrophe von Fukushima wird zur Bagatelle. Der Widerstand der betroffenen Bevölkerung wird mit allen möglichen Tricks, Verlockungen, Fälschungen und Umweltpredigten („Weniger CO2-Ausstoß“) unterlaufen. Dabei spielt die strukturelle Korruption mit allen möglichen Verfilzungen – typisch für die Funktionsweise des Großkapitals – eine wichtige Rolle.

Wir werden alle aufgefressen

Das ist natürlich kein rein japanisches Phänomen. Denn hinter der japanischen Atomlobby steht die internationale Atommafia. Energiekapital aus den USA, England und Frankreich haben de facto ein Konsortium gebildet und kooperieren in wunderbarer Orchestrierung mit dem japanischen Kapital. Dieses Konsortium reißt nie ab.

Man singt im Chor den Lobgesang auf die absolute Sicherheit. Doch wir wissen, dass es sich um einen Mythos handelt und Mythos natürlich nicht Realität ist. Damit die Menschen an den Mythos glauben, muss das Lied endlos wiederholt werden, wie ein Orakel aus der archaischen Zeit oder das Amen in der Kirche. Der Sicherheitsmythos soll auch die eigenen Ängste vertreiben, denn auch die Funktionäre und Kapitalisten haben eigentlich Angst.

Das angstverdrängende Kapital kommt manchmal auf Samtpfoten daher, setzt sich aber da, wo es möglich ist, gern mit brutaler Kompromisslosigkeit durch. Es ignoriert die Lebenswelt der Bürger, zerstört individuelle Träume und Entwürfe, damit das System weiter funktioniert.

Ob es sich um die Atom-, Agrar-, Transport- oder auch Kommunikationsindustrie handelt: Für das Großkapital, das uns viele Bequemlichkeiten anbietet und aus Angst vor dem eigenen Zusammenbruch einen Sicherheitsmythos als Realität vorgaukelt, zählen zivile Regelungen und Kontrollorgane nicht. Es setzt sich leicht über sie hinweg und zwar unter Beibehaltung der zivilen, sauberen Fassade. Transparenz bedeutet inzwischen Intransparenz.

Es wird immer schwieriger, hinter der glasklaren Fassade eine ausgeklügelte Intransparenz aufzudecken. Mit dieser Intransparenz ist ein enormes Potential an Selbstdestruktivität verbunden, die irgendwann eben dieses Großkapital zur Implosion bringen wird. Ob man mit der Kultur der Skepsis und des Zweifelns der Macht des Kapitals Schranken setzen kann, weiß ich nicht. Ohne ständige Aufklärung werden wir alle früher oder später aufgefressen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oliver Götz, Wim Weimer, Albert Wunsch.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 3/2014.

Darin geht es u.a. die Deutsche Debatten-Kultur: Was man wohl noch so sagen darf, fragen wir u.a. Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann. Weitere Debatten: Der globale Infokrieg, die Energiewende und der Klimawandel, der deutsche Glaube an den Staat, die Angst vor der Technik sowie der Kampf um den perfekten Körper. Dazu Gespräche mit Juli Zeh, Winfried Kretschmann, Christian Lindner, Peter Singer und David Lynch.

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