Immer wir?

Kenan Kücük28.12.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Deutschland ist ein Einwanderungsland, und dennoch fühlen sich viele der so dringend benötigten Fachkräfte nicht wohl in unserem Land. Ohne Willkommenskultur werden wir weder die Integrationsprobleme überwinden noch qualifizierte Mitarbeiter finden.

Es ist schon verwunderlich, wie zum Teil in der aktuellen Debatte über Integration argumentiert wird. Nicht, dass es keine Probleme in diesem Bereich gäbe; doch die Debattenbeiträge zeichnen zum Teil ein Bild von Deutschland, das so mit der Realität nicht übereinstimmt. Folgt man den Äußerungen, könnte man meinen, Scharen von Menschen stünden an den Grenzen Deutschlands Schlange. Dies ist mitnichten der Fall! Unser Land ist immer mehr auch ein Auswanderungsland: Das Statistische Bundesamt verzeichnete im Jahr 2008 738.000 Auswanderer und 682.000 Zuwanderer – das macht ein Minus von 56.000. Insbesondere die gut qualifizierten Migrantinnen und Migranten (aber natürlich auch Fachkräfte ohne Migrationshintergrund) verlassen das Land. Warum verlieren wir diese Köpfe?

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Dass Deutschland mit seinen 15,7 Millionen Einwohnern mit Migrationshintergrund ein Einwanderungsland ist, gehört ebenso zu den Fakten, die keiner Diskussion mehr bedürfen. Doch auch hier ist die Polemik irreführend: “Gesprochen wird unentwegt von integrationsunwilligen Migranten(Link)”:http://www.theeuropean.de/leon-de-winter/4554-islam-integration-und-demokratie, bildungsfernen Schichten und Parallelgesellschaften, während nach Schätzungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales 300.000 bis 500.000 Personen, die hohe Qualifikationen und Fachabschlüsse aus dem Ausland mitbringen, in Deutschland ihren Beruf nicht ausüben können. Wir haben es weder geschafft, diesen Menschen gute Startbedingungen in unserer Gesellschaft zu ermöglichen, noch werden in Deutschland gleiche Chancen auf der Schulbank erreicht. Wenn wir von Migrantinnen und Migranten mit schlechten Bildungsabschlüssen sprechen, geht es zumeist um die zweite, dritte, vierte Generation, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Das zeigt doch, dass wir unseren Bildungsauftrag an den Schulen nicht erfüllen – nicht, dass die Migranten sich nicht integrieren wollen!

“Wir haben Arbeitskräfte gerufen und es sind Menschen gekommen“

Auf der einen Seite brauchen wir Fachkräfte, auf der anderen Seite nutzen wir das bereits vorhandene Potenzial nur sehr eingeschränkt. Auf der einen Seite diskutieren wir über eine geregelte Zuwanderung, auf der anderen Seite fehlt es uns aber an einer Willkommenskultur, die unser Land als Einwanderungsland erst attraktiv machen würde für eben diejenigen Einwanderer, die wir so dringend benötigen. Wenn deutsch-türkische oder deutsch-polnische Akademiker, nachdem sie hier geboren und aufgewachsen sind, unserem Land den Rücken kehren, weil sie sich hier nicht akzeptiert fühlen, dann machen wir offensichtlich etwas falsch. Max Frisch prägte in Bezug auf die sogenannten Gastarbeiter einst den Satz “Wir haben Arbeitskräfte gerufen und es sind Menschen gekommen“. Eine Willkommenskultur zu haben bedeutet, zu berücksichtigen, dass Menschen nicht nur zum Arbeiten in ein Land kommen, sondern dass “sie dort auch leben, sich heimisch und wohlfühlen möchten(Link)”:http://www.theeuropean.de/gabriela-von-habsburg/4548-georgien-und-der-kaukasus. Zu einer Willkommenskultur gehört meiner Meinung nach aber ebenso, dass eine Einwanderungspolitik einer modernen Ausbeutung nicht Tür und Tor öffnet und dass sie die humanitären Werte nicht gänzlich aufgibt. Denn wer Menschen nur nach Kulturkreisen und Leistungsmerkmalen bewertet, der verliert die Chance auf eine Gesellschaft, die Stärken aus ihrer Vielfalt zieht. Deutschland ist und bleibt eine multikulturelle Gesellschaft – warum das nicht als Stärke begreifen?

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