Standortvorteil

Katrin Suder21.05.2014Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Berlin muss endlich den nächsten Schritt machen. Nur, wenn die guten Voraussetzungen genutzt werden, kann die Stadt in die internationale Topliga aufsteigen.

Seit einem knappen Jahrzehnt erlebt Berlin einen beispiellosen Boom. Die Wirtschaftsleistung der Hauptstadt ist in dieser Zeit stärker gestiegen als in jedem anderen Bundesland. Immer mehr Menschen aus aller Welt verlegen ihren Wirkungskreis an die Spree. Aus gutem Grund: Von der Stadt geht eine einzigartige Dynamik aus – eine Atmosphäre des „anything goes“, die Leute anzieht, die etwas bewegen wollen.

Die Start-up-Szene spielt bei dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle. Was die Zahl der Unternehmensgründungen betrifft, ist Berlin heute schon bundesweit spitze. Binnen weniger Jahre hat sich die Hauptstadt zum wachstumsstärksten Gründungshub in Deutschland entwickelt. Jeden Tag gehen zwei neue Firmen an den Start, die meisten davon im Bereich digitaler Technologien. Mittlerweile trägt die Digitalwirtschaft mehr zur Bruttowertschöpfung der Hauptstadt bei als die Bauwirtschaft. Und das ist erst der Anfang dessen, was die Stadt an Gründerpotenzial birgt.

Urbane Vielfalt, hohe Lebensqualität und ein inspirierendes Umfeld sprechen genau jene Talente an, die ein Gründungsstandort braucht. Die zahlreichen Eventreihen für Start-ups – von TechCrunch Disrupt bis Next Berlin – tun ihr Übriges und setzen Berlin als Gründungshub medienwirksam in Szene. Das lockt nicht nur innovative Köpfe, sondern auch Investoren in die Stadt.

Modellstadt mit Potenzial

Doch Image allein genügt nicht, um in der internationalen Topliga der Gründungsstandorte mitzuspielen. Jetzt geht es darum, die vorhandenen Kräfte zu bündeln, um dem Wachstum Nachhaltigkeit zu verleihen. Der Fokus sollte dabei auf Bereichen liegen, in denen die Berliner Gründerszene bereits aktiv ist: digitale Geschäftsmodelle, Bio- und Medizintechnologie und urbane Technologien wie Cleantech, Elektronik und Mobilität. Innovationsbranchen wie diese versprechen nicht nur Wachstum; hier entstehen auch Lösungen für die Probleme der Metropolen von morgen. Berlin als Modellstadt könnte hier eine weltweite Vorreiterrolle übernehmen.

Bis es so weit ist, braucht Berlin allerdings ein funktionsfähiges Ökosystem für Start-ups. Ein organisches Netzwerk aus Gründern und Kapitalgebern, Innovatoren und passender Infrastruktur, wie es die globalen Gründungsmetropolen – allen voran das Silicon Valley, aber auch London, Tel Aviv, New York – über Jahre entwickelt haben. Und die Topstandorte pflegen ihr Ökosystem weiter, starten konzertierte Initiativen, um Spitzenkräfte zu gewinnen, Einstiegshürden abzubauen oder die Vernetzung voranzutreiben. Berlin kann von diesen Vorbildern viel lernen.

Konzertierte Aktion

In unserer Studie „Berlin gründet“ haben wir fünf Initiativen formuliert, die helfen können, die Hauptstadt zum europäischen Spitzenstandort für Gründer zu entwickeln. Sie zeigen auf, was Berlin heute konkret tun kann, um zu einer global wettbewerbsfähigen Start-up-Metropole zu werden, und beziehen dabei alle Faktoren ein, die auf dem Weg dorthin erfolgskritisch sind: Talentförderung, Bürokratieabbau, eine geeignete Infrastruktur, Wachstumskapital und Vernetzung.

Ambitionierte Vorhaben wie diese lassen sich nicht am grünen Tisch zum Leben erwecken. Sie erfordern das Zusammenspiel aller Beteiligten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft – also Senat und Bezirksverwaltungen, IHK, IBB, Universitäten, Hochschulen, Institute und Gründungszentren, Start-ups und etablierte Unternehmen, Family Offices, Venture Capitalists und Business Angels. Und sie brauchen eine zentrale Umsetzungseinheit, eine „Delivery Unit“ nach dem Vorbild Londons und New Yorks, die das Handeln aller Beteiligten auf die gemeinsamen Ziele hin aktiv steuert und orchestriert.

Die Zeit ist reif

Die Initiativen für die Start-up-Offensive sind formuliert – bereit, in die Tat umgesetzt zu werden. Die Delivery Unit hat als „Berlin-Startup-Unit“ unter dem Dach von Berlin Partner ihre Arbeit aufgenommen. Nun schlägt die Stunde der Akteure. Noch ist Berlins Gründerszene vergleichsweise jung – das Silicon Valley hat Jahrzehnte gebraucht, um zu dem Gründermekka zu werden, das es heute ist. Berlin braucht keine Jahrzehnte mehr, um sich als Topstandort für Start-ups zu etablieren. „Grass root“-mäßig und mit viel Leidenschaft wurden in Berlin Ideen verfolgt und Geschäftsmodelle entwickelt, viel Vorarbeit ist schon geleistet und die Szene entwickelt sich rasant. Die Stadt und alle Beteiligten müssen diese Entwicklung aktiv vorantreiben, den richtigen Nährboden schaffen, Maßnahmen einleiten und effektiv koordinieren, um die ewigen Berlin-Kritiker Lüge zu strafen, alles sei nur ein Strohfeuer.

Keine Frage: Für die Gründer dieser Welt ist das kalifornische Silicon Valley noch immer das Maß aller Dinge. Daran kann und soll sich die Hauptstadt an der Spree nicht messen. Doch sie kann sich am großen Vorbild orientieren. Mehr noch: Berlin, von der „New York Times“ bereits als „Silicon Alley“ geadelt, hat jetzt die Chance zum Sprung in die erste Liga der internationalen Gründungszentren.

Denn die Stadt ist in Bewegung. Hier muss Berlin ansetzen, seine Dynamik nutzen, seine Anziehungskraft ausspielen und in wirtschaftliche Stärke übersetzen. Mit seiner vitalen Kreativszene, seiner breiten Hochschullandschaft und Deutschlands größter urbaner Fläche hat die deutsche Hauptstadt die besten Voraussetzungen, bis 2020 die führende Start-up-Metropole in Europa zu werden.

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