Drecksgeschäft

von Katja Riemann20.01.2014Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Neulich in Berlin: Noch immer müssen sich Frauen verkaufen. Und alle anderen schauen weg oder fragen nach dem Preis.

Vor Kurzem besuchte ich am Abend eine Freundin, die in Berlin-Mitte wohnt. Ich parkte mein Auto und ging über die Oranienburger Straße Richtung Auguststraße. Ein junges, sehr hübsches Mädchen sprach mich an und ging ein paar Schritte neben mir. Sie lächelte und sagte ungezwungen: „Du bist Schauspielerin, ich finde dich cool, ich mag deine Filme.“ Ich sagte: „Oh, das freut mich sehr, dass du das sagst. Danke schön.“ Sie wünschte mir noch einen schönen Abend und ich ihr und dann gingen wir auseinander, beide lächelnd, ob einer kurzen aber freundlichen Begegnung.

Das Mädchen hatte sehr kurze Pants an und einen Bauchbeutel darüber, ihre Haare waren dunkelblond und sie trug diese ganz hohen Stiefel, die bis über das Knie gehen. Sie arbeitete auf der Straße und ich frage mich immer, wie sie es dort schaffen, so viel stinkige, haarige Schwänze anzufassen oder abzulecken.

Dass man Prostitution als „das älteste Gewerbe der Welt“ mittlerweile verinnerlicht hat, ist genauso betrüblich wie das Nichtwissen darüber, dass Feminismus „die Lehre des Weiblichen“ bedeutet und nicht „how to amputate a man’s dick“.

1962 erschien „Boccaccio 70“: ein italienischer Film, der im Geiste Giovanni ­Boccaccios die moderne Gesellschaft ­reflektieren sollte in Sachen Moral und Liebe beispielsweise; eine Anthologie in vier Episoden. Einer der Regisseure war ­Luchino Visconti. Seine Hauptdarstellerin­ ist Romy Schneider, die eine Frau spielt, die einen reichen Vater hat und einen reichen Mann heiratet. Sie versucht, in diesem Film einen Job zu bekommen, einer Arbeit nachzugehen, um ihr eigenes Geld zu verdienen, um irgendetwas zu tun, was sie aus der Abhängigkeit von Männern befreit, womit sie sich beschäftigen könnte. Der Film endet damit, wie sie sich ihrem eigenen Mann verkauft.

Rückwärtsgewandt. Unabänderlich. Verblendend.

Denn am Ende des Tages können Frauen das am besten: sich selbst verkaufen, denn da sind sie ja in der guten Tradition des ältesten Gewerbes der Welt. Was aber vielleicht erwähnenswert wäre, ist, dass sich die Strukturen dieses Gewerbes seit seiner Erfindung unübersehbar geändert haben. Obwohl: Unübersehbar ist jetzt kühn dahingeschrieben …

Aus Prostitution wurde ein anderes, gutes altes Gewerbe: Menschenhandel. Der Vorteil daran: Menschen, vor allem weibliche­ Menschen, kann man wiederholt verkaufen, im Gegensatz zu, sagen wir mal, Drogen. Es ist einträglich, dieses ­Geschäft mit Frauen, Kindern, mit Sex. Es ist international, es floriert dank des Internets und des vereinten Europas. Es herrscht viel ­Bedarf. Es wird verkauft und gehandelt und gereist und gereicht, gemordet, geklaut, geschändet und gedroht. Das älteste Gewerbe wird von vielen Frauen ausgeübt, ganz egal, ob sie sich in diesem Gewerbe niederlassen wollten oder nicht.

Ob Prostitution eine Tradition ist, könnte nun die Frage sein. Verhält man sich doch zu ihr so, wie zu Traditionen. Rückwärtsgewandt. Unabänderlich. Verblendend. Dass es junge Frauen gibt, die ihr Studium damit finanzieren, dass es Geschäftsfrauen gibt, die florierend einen Sexclub betreiben, ist das eine; dass die osteuropäischen oder asiatischen Prostituierten ungefragt in den sogenannten Erste-Welt-Ländern eintreffen und dort untergehen und verenden, ist das andere, das nichts mit der süffisanten Verklärung des ältesten Gewerbes zu tun hat, sondern mit schnörkelloser Grausamkeit, mit Menschenrechtszerstörung, mit Hass und dem Krieg, der überall auf der Welt gegen Frauen geführt wird.

Es ist Zeit, ein neues Gewerbe zu ­erfinden.

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