Auf dem Boden bleiben

von Katja Riemann15.11.2013Gesellschaft & Kultur

Was haben senegalesische und russische Kochtöpfe gemeinsam? Die Menschen sitzen ohne Stühle um sie herum. Zeit, dass wir Fast Food gegen echte Gelassenheit eintauschen.

Vor Jahren bin ich mal in der Steinwüste Marokkos, irgendwo um das nordafrikanische Filmstudio Ouarzazate herum, irre abgezogen worden. Klassisch: Ein Wagen stand in der Wüste, wir hielten an, um zu helfen, fuhren den Mann in sein Heimatdorf. Zum Dank lud er uns zum Essen ein. Es war ein fantastisches Essen, wir aßen zusammen aus den großen Tajinetöpfen, dass ich das Huhn nicht aß, wurde freundlich toleriert – und anschließend zeigte der Cousin des Liegengebliebenen uns seinen schönen Silberschmuck. Wir waren begeistert – und kauften ihm etwas ab. Zu horrenden Preisen!

Was mir jedoch deutlichst in Erinnerung geblieben ist – mehr als das Silber –, ist das Essen. Nicht nur, dass es wirklich gut war, nein, wir saßen zusammen, wildfremde Menschen, wir sprachen, wir teilten.

Als ich dann von russischen Freunden in Berlin zum Essen eingeladen wurde, wunderte ich mich tatsächlich, dass man auch in ihrer Heimat traditionell auf dem Boden sitzt, während man isst. Das Essen war nicht so mein Fall, das Sitzen auf dem Boden und die Gemeinsamkeit dagegen schon.

So wie im Senegal, wo es die schöne Tradition gibt – so durfte ich es zumindest wiederholt erleben –, dass wir in großer Runde, jeder mit einem Löffel ausgestattet, vor einer Riesenschüssel auf einer extra dafür ausgebreiteten Matte saßen. Der Reis war mit vielen verschiedenen Gemüsen ausgestattet, und oben drauf war dann wahlweise Huhn, Fisch oder Lamm. Und wenn dein Gegenüber merkte, dass du die Kochbanane besonders magst, dann wurde auf seiner Seite ein Stück davon herausgefischt und dir vor die Nase gelegt.

Gemeinsames Essen als Entertainment

David Sedaris, der amerikanische Schriftsteller griechischen Ursprungs, schrieb in einer seiner Kurzgeschichten (über die ich meist laut lachen muss) davon, wie seine Familie in eine neue Nachbarschaft zog. Von der Straße aus konnte man gut in die Wohnzimmer der Nachbarn schauen, sodass Sedaris sehen konnte, wie in einem der Häuser an einem großen Tisch miteinander gegessen wurde – und es keinen Fernseher gab. Die Familie unterhielt sich! Und lachte gar! Sedaris war fassungslos: Die Faszination des Fernsehprogramms wurde vom Entertainment der absonderlichen Nachbarn überboten.

Vor einer Weile lud ich meine Liebsten ein und sagte mir, ich will kochen, wie ich das Essen aus skandinavischen oder italienischen Filmen kenne: Berge von Essen, in vielen Schüsseln. Es gelang, doch wir scheiterten an der Menge. Wir reden noch heute davon. Und darüber, was es für ein langes Gelage war, das vom Nachmittag in den Abend hinein führte, bis die Getränke andere wurden und man sich nicht trennen konnte.

Die Idee hinter gemeinsamem Essen reicht sicherlich nicht nur bis zu Jesus zurück und seinem berühmten, von Leonardo da Vinci so genial in Szene gesetzten Abendmahl. Miteinander essen ist mehr als satt werden. Man sagt wohl, es sei sozial. Aber das sollen die neuen Netzwerke ja auch sein.

Es ist viel mehr, es ist das Leben, es ist Nähe und Freundschaft, es ist teilen statt nehmen, es ist das, was uns erfüllt, es schafft die Situation, in der wir uns austauschen und teilnehmen am Leben der anderen. Es ist eine meiner liebsten Traditionen. Check it out.

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