Die echte Arschigkeit

von Katja Riemann28.07.2013Gesellschaft & Kultur

Deutsche essen Wurst, trinken Bier und haben weniger Probleme mit der Prügelstrafe als Unpünktlichkeit. Erlebnisse einer Frau, die auf all das keine Lust hat.

Als ich vor ein paar Jahren als Jurymitglied an den Internationalen Filmfestspielen in Sofia teilnahm und gemeinsam mit Franzose, Spanierin, Bulgarin und Serbe in einer fünfköpfigen Jury saß, passierte mir, als Deutsche, die ihr Lebtag chronisch zu spät kam und immer noch kommt, folgende Situation: Ich hetzte, wie üblich, morgens hinunter, mit dem immer zu langsamen Fahrstuhl, stürmte die Rezeption um knappe zehn nach neun – um neun war Abfahrt – und fand gähnende Leere vor. Sie war abgereist, die internationale Jury. Es war zum Kotzen, ey.

Ich rannte schweißgebadet zu den Rezeptionisten, die ganz offensichtlich stoned waren, und frug, das „Good Morning“ erst ans Ende des Satzes quetschend, ob die Anderen bereits losgefahren seien. „Who?“ „The Jury members“ – Mensch!!!!! (Ich muss diese vielen Satzzeichen setzen, damit man die Dringlichkeit spürt. Tut mir leid.) „No jury was here, ma’am.“ – oder auch ohne ma’am. Man bedauerte, auf Bulgarisch, mein gehetztes Äußeres. Es nahm mir an Attraktivität und outete mich als Westler. Ich wartete ratlos mittig im Raum.

„The Germans are always on time“

Ein unbekanntes Gefühl, somehow, dieses Warten, will auch geübt sein. Es konnte doch nicht sein, dass ich etwa die Erste …?! Ich war die Erste, die anderen trudelten ganz in Ruhe irgendwann ein, bis zehn Uhr oder so und sahen mich, als Erste (!) freischwebend in der Lobby stehen und sagten, natürlich unisono und mit herablassender Überheblichkeit (falls es so ein Konstrukt geben mag): „Of course, the Germans are always on time.“ Ha. Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder erklären sollte.

Was ist das für ein Ding mit der Pünktlichkeit in dieser Gegend? Hier, wo man Deutsch spricht und im Auto den Kopf schüttelt? Man kann vielleicht sein Kind hauen, aber zu spät kommen, das macht einen dann wirklich zu einem skandalösen Menschen.

Es scheint wie ein Gut, das es zu verteidigen gilt – wie den Weltmeister-Pokal und Autos bauen. Das ist wie Weihnachten und Kohl und Pinkel; wie man es im Norden isst, wo ich herkomme und kulinarisch traditionell auf weihnachtliches Kohl-und-Pinkel-Essen geprägt wurde. (Unmöglich, es sonst einmal unterm Jahr zu essen, das käme einer Sünde gleich, wäre ein Verstoß, bei dem auch irgendwelche gebeteten Anti-Sünden-Rosenkränze nicht mehr hülfen. Wobei es Rosenkränze nicht gibt, wo ich herkomme, da ist man Protestant.)

Jedenfalls sagte man mir, dass die überall in der Welt gewertschätzte Tugend der Pünktlichkeit, durch die Präzision, mit der man sie in Schland ausübt, gar zu einer Art Tradition wurde. Unpünktliche Deutsche wie ich verstoßen gegen lang aufgebaute und strikt eingehaltene Pünktlichkeitsgebote, à la „Fünf Minuten vor der Zeit ist echte Pünktlichkeit“. So wie meine Mutter, die stets mehr als fünf Minuten vor der Zeit am Bahnhof war und sich dann immer die halbe Stunde, die sie wartete, eine Erkältung auf der zugigen Platform holte. Auch nicht schön. Könnte mir nicht passieren.

Diese unpünktliche, vegetarische Teetrinkerin

Mir ist warm, gar heiß, wenn ich in den Zug renne. Leider gibt es nicht mehr diese Türen, die man noch während des Anfahrens öffnen kann, da heute alles elektrisch oder elektronisch ist, oder wie das heisst. Schalldicht versiegelt, ohne Luftzufuhr. Man kann sich also nicht mehr außen an den Zug hängen und ihn trotz der zehn Sekunden Verspätung erwischen. Nee nee … Nix. Zehn Sekunden nach der Zeit ist die echte Arschigkeit. Oder so.

Jedenfalls, toll ist es, dieses Pünktlich-Geseie. Ich arbeite dran. Ich gebe nicht auf. Und Wurst esse ich auch nicht, und Bier trinke ich auch nicht. Die Engländer, mit denen ich mal in Rumänien arbeitete, wunderten sich und hatten das Gefühl, Deutschland gehe zu Grunde. Diese unpünktliche, vegetarische Teetrinkerin.

Nee, ist toll, dass man pünktlich ist. Ganz im Ernst. Ich schaffe das. Ahoi.

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