Hindi für Anfänger

von Katja Riemann11.05.2013Gesellschaft & Kultur

Indien ist mehr als Yoga, Kastensystem und Slums. Eine Liebeserklärung.

Ich fahre relativ häufig nach Indien. „Oh, beschäftigst du dich mit Ayurveda?“, lautet dann meist die erste Frage von Menschen, die mich nicht gut kennen. Weil man sich als Schauspielerin, Verlegerin oder Filmproduzentin wohl für Ayurveda interessiert. „Nein“, sage ich und weiß irgendwie nicht weiter. „Achso, du machst Yoga …“. Ich werde verlegen. „Nee, auch nicht.“ Das Gesicht des Fragenden wird immer ratloser: „Was, um Gottes Willen, machst du dann in Indien?!“ „Naja“, sage ich, „ich habe dort Freunde, und außerdem ist es in Indien warm, wenn es bei uns kalt ist.“
 
Indien ist wild, frei, laut, bunt, stinkig und dennoch duftend. Es ist rückwärtsgewandt durch die verinnerlichten Traditionen und seine Religionen mit Millionen von Göttern. Gleichzeitig ist es verrückt nach Technik und Chemie, Moderne und Business. Erstaunlich ist, dass ich nirgendwo so reiche Menschen kennengelernt habe wie hier. Zumindest kenne ich diese Art Reichtum aus Europa nicht.
 
Sicher, denkt man an Indien, denkt man an den größten Slum der Welt – hinlänglich bekannt geworden durch Danny Boyles „Slumdog Millionaire“. Man denkt an das Kastensystem, das die Menschen gefangen hält, hinein gebiert in einen Status, aus dem es kein Entkommen gibt. Man denkt an die Mädchen, die umgebracht werden, weil die Familie ihre Mitgift nicht bezahlen kann. Man denkt an Armut und Krankheit und vielleicht noch an Gandhi und Osho oder Bollywood – aber sicher nicht an reiche, poshe, junge Inder mit Prada-Sonnenbrillen. Gehört aber auch dazu.
 

Indien wird das Kastensystem überwinden

 
Als Europäer steht man erstaunt, wenn die Frauen aus Rajasthan vorbeigehen, geschmückt wie zu einem Fest, mit großen Ringen in der Nase und silbernem Schmuck in den Haaren. In Gujarat arbeiten Frauen hingegen als Straßenarbeiterinnen und schleppen Schutt in großen Körben auf dem Kopf. Man steht erstaunt, wenn die Kinder nackt auf den Straßen schlafen, vielleicht mit einem Hemd, ­sicher aber mit nacktem Popo und ­dicker Rotzfahne. Und vorbei fährt eine weiße Luxuslimousine, hochpoliert, mit verdunkelten Scheiben. Dahinter ein Holzgefährt, von einem Kamel gezogen.
 
Und an der nächsten Kreuzung steht eine große Schule, in der es für jeden Computer gibt, Laboratorien, Theater, große Kunsträume und ein eigenes Reisebüro, damit die Schüler ihr Austauschjahr in Europa buchen können. Weiter hinten wird Pang verkauft, irgendeine Droge, von der ich nicht ganz begriffen habe, was sie ist, und daneben pisst einer in den Busch. Man steigt in ein Tuktuk, und der Fahrer, der wohl niemals eine solche Schule von innen gesehen hat, spricht mit dir Englisch und freut sich, dass man aus Deutschland kommt, weil wir so tolle Autos haben, und er würde auch gern mal Mercedes fahren. „Mercedes!“ – er hebt den Daumen.
 
Ja, ich mag dieses Indien, auch wenn ich es wohl niemals kennenlernen werde. Ich mag diese Menschen, die so viel Humor haben, die mich nicht ängstlich machen, wenn ich nachts allein als Weiße wahlweise durch städtische Straßen oder am Strand laufe. Ich bewundere das Entrepreneurship jedes Einzelnen, und ich glaube daran, dass Indien auf seinem Weg auch die menschenverachtende Tradition des Kastensystems überwinden wird. One fine day.

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