Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Schad ja nüscht

Schwarze Katze oder Hufeisen: Unsere Eltern legen uns den Aberglauben in die Wiege, wie es schon deren Eltern getan haben. Diese Tradition hinterfragen wir nicht. Sollten wir aber.

Es gibt im Norddeutschen den Witz von einem Bauern, der ein Hufeisen über seine Eingangstür genagelt hat, und sein Freund kommt und sagt: „Mensch Fidi, seit wann glaubst du denn an solch Spökenkiekerei?“ Und Fidi sagt: „Glaub ich ja nicht dran, aber schaden kann’s ja nüscht.“

Ich beispielsweise bin gebeutelt von dem Aberglauben, mit dem rechten Bein morgens zuerst aus dem Bett aufstehen zu müssen oder dass es ungeahnte Folgen haben mag, wenn man rechts stolpert, und das einzige Gegengift nur sein kann, dass man einige Schritte zurück geht, um selbige Stelle erneut und stolperfrei zu überwinden. Oder auch, dass das Bett so steht, dass man nicht mit den Füßen gen Fenster schläft, die Sache mit den schwarzen Katzen, die wahlweise von rechts oder links die Straße überqueren; na klar, der ganze Theaterwahnsinn, im Theater nicht zu pfeifen, nicht unter einer Leiter hindurchzu­gehen, etc.

Es ist anstrengend, aber schaden kann’s ja nüscht … Also steh ich mal besser mit dem rechten Fuß auf oder geh noch mal kurz zurück.

Mit Glauben hat das ja nicht viel zu tun, denke ich. Mit Aberglauben also. Was ist das? „Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Aberglaube mit Unvernunft und Unwissenschaftlichkeit gleichgesetzt“, sagt mir das Lexikon.

Ich frage mich, ob derlei Verhaltensweisen sich nicht schlicht und ergreifend traditionell fortsetzen. Man übernimmt von der Mutter (so war es bei mir der Fall). Macht nach, ohne zu hinterfragen. Schad ja nichts, wie gesagt. Und zack, sitzt man irgendwann in der Falle, es besser immer zu machen. Das ist dann wohl so wie bei den Lottospielern, die immer die gleiche Zahl setzen, und welch’ Wahnsinn träte ein, sie würden einmal eine andere Zahl ausprobieren und justamente dann erschienen jene sonst immer bevorzugten Nummern auf den Kugeln … Sind es doch Kugeln, die den Gewinnercode verkünden, nein?! Passierte das, wäre ein Freitod denkbar. Sicherlich aber ein großes Trinken und langes Leiden.

Zum volkstümlichen Aberglauben gehört unter anderem auch die Wettervorhersage, wie zum Beispiel der Tag, der das Wetter für die nächsten sieben Wochen bestimmt – oh, wie habe ich als Kind immer gehofft, dass an dem Tag die Sonne, Sonne, Sonne schiene …

Ich persönlich und ganz subjektiv halte diese Spökenkiekerei für eine Art der Tradition. Tradition ist doch letztlich ebenfalls eine Handlung, ein Verhalten, ein Sein, das vererbt, nachgemacht, übernommen wird. Einfach so. „Das haben wir immer so gemacht, das ist unsere Tradition.“ Und ist stolz darauf. Sie eint uns, macht zugehörig. So etwas wie ein Familienwappen.

Ich winde mich bei Traditionen, die eine Einengung darstellen, die eigenes Denken ablehnen und Folgsamkeit fordern, gebettet in die romantische Verklärung, dass früher alles besser gewesen sei. Mir scheint, es ist praktisch, wenn man guten Grund hat, keine Verantwortung für zum Beispiel sein eigenes Handeln oder gar Leben zu übernehmen, weil „… es ist unsere Tradition, weißt du, wir haben das schon immer so gemacht …“

Ich bin ein schlechter Abergläubiger, ich hab schon mit den Füßen gen Fenster geschlafen, in irgendeinem Hotel, da das Falschherum-im-Bett-Geliege irgendwie schlaflos machte. Ich habe überlebt. Auch Katzen, die von verschiedensten Seiten die Straße überquerten, haben meine Fahrt nicht gefährdet, hurra. Ich hab Spaß an manchen übernommenen Verhaltensweisen, die mir meine hamburgische Mutter vermittelte – voilà.

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