Schnittstelle Tradition

Katja Riemann26.12.2012Gesellschaft & Kultur

Warum redet eigentlich niemand über die Beschneidung von Frauen? Eine absurd grausame Tradition. Zeit, durchzulüften wie im Senegal.

In der öffentlichen “Debatte über die Beschneidung bei Jungs”:http://www.theeuropean.de/debatte/12023-religioese-beschneidung-von-jungen 
frage ich mich, ob ich ganz kurz das Thema auf die lediglich ­prozentual vorhandene Majorität, ansonsten aber allgemein als 
Minorität anerkannte und beliebte Gruppe der Frauen und Mädchen _all over the world_ lenken dürfte  – also nur, wenn es niemanden stört oder in seinem Stolz verletzt. Schweigen? Ich nehme das mal als ein Ja. 
Danke schön.

Die Fakten sind zügig zusammengefasst: Millionen Frauen sind beschnitten, zumeist in arabischen und 
afrikanischen Ländern. Jedes Jahr kommen zwei Millionen dazu. Es gibt verschiedene Methoden der Beschneidung, bis zur Infibulation. Zumeist vorgenommen unter Bäumen, in Savannen, am Rand von Dörfern, unter Zuhilfenahme von Rasierklingen, Kalebassen, Ritualen und Dornen.

Woher dies kommt, fragt man sich, fragte ich mich, als ich vor über zwölf Jahren begann, mich damit zu beschäftigen.

Nahe liegend taucht in des Abendländers Gewissen und 
Herablassung die Frage auf: Ist es Religion? Darauf ist leicht zu antworten. Nein, weder bei Christen noch bei Muslimen noch bei Hindus steht Etwaiges in den heiligen Texten geschrieben.

Wie soll man berichten über eine Tradition? Eine Tradition, von der man ausgehen kann, dass sie seit über 2.000 Jahren existiert. Vielleicht war auch Nofretete beschnitten, und weiter zurück geht es nach Schwarzafrika, in die Wiege der Welt. Ein Kontinent, in dem es ein Dorf braucht, um ein Kind groß zu ziehen, weil es Gemeinschaft gibt und unmittelbare Zuneigung zu den kleinsten Dorfbewohnern, zu mutigen starken Müttern, die voll Liebe, voll Liebe zu ihren Mädchen eine Tradition praktizieren, damit ihre Tochter oder ihre Töchter eine Zukunft haben, ein Leben, einen Ehemann, eine Gemeinschaft.

Faszinierend, wie Traditionen sich halten, nicht nur in afrikanischen Gefilden; wie man festhält, fast von Sinnen, wie man konserviert und beschützt, was Tradition ist. Koste es, was es wolle.

Es wäre zu leicht zu sagen: welch grausame Mütter oder welch despotische Männer, denn das wäre glatte Lüge. Es ist das Sich-halten-an, das Bestimmt-werden-von. An und von etwas, das größer ist als man selbst: einer Tradition. Die widerspruchslos und rückwärtsgewandt fortgesetzt wird, der man unter Umständen die Verantwortlichkeit für sein eigenes Leben bereitwillig in die Hand 
legen mag.

Ich durfte bezeugen, wie im ersten Land Westafrikas  – im Senegal – im Laufe der letzten 15 Jahre ein Sinneswandel, eine Bewusstseinsveränderung stattfand. Atemberaubend. Wie das Durchdringen einer Tradition, die Todesgefahr birgt und 
kaputte Leben, kaputte Frauen, kaputte Geschlechtsteile produziert, selbige Tradition nicht nur überwand und in großen Deklarationen abschaffte (in nun mehr als 4.700 von circa 5.000 Dörfern), sondern darüber ­hinaus die involvierten Menschen inspirierte und stärkte.

Ich sage es ganz offen: Ich bin kein Fan von Tradition und werde darüber nachdenken, welche Art der Tradition nicht behaftet ist mit Angst oder Klaustrophobie, Uniformität oder ungelüftetem Wohnzimmer.

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