Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen, den Glauben zum Handeln. Max Planck

"Deutschlands Wirtschaftskraft überzeugt amerikanische Studenten"

Anlässlich der Sprachkonferenz des Goethe-Instituts am 17. September in New York diskutieren fünf Top-Germanisten über Strategien zur nachhaltigen Förderung von Deutsch in den USA. Die Fragen stellte Katja Ridderbusch.

Katja Ridderbusch: Welche Rolle spielt Deutsch gegenwärtig in der Bildungslandschaft der USA?
Eva Marquardt: Deutsch befindet sich heute auf Platz drei der Fremdsprachen in den USA, nach Spanisch und Französisch. Die Zahl der Neueinschreibungen für Deutsch liegt derzeit bei etwa sechs Prozent, die Tendenz ist leicht steigend. Wir wollen diese Position stabilisieren und ausbauen.

Russell Berman: Leider spielt das Erlernen von Fremdsprachen in den USA ja insgesamt nur eine marginale Rolle. 82 Prozent aller Amerikaner sind einsprachig, und in nur elf US-Bundesstaaten sowie dem District of Columbia ist die Belegung einer Fremdsprache Voraussetzung für einen Highschool-Abschluss.

Dan Hamilton: Hinzu kommt, dass sich die Weltlage geändert hat. Über weite Teile des 20. Jahrhunderts war Deutschland eines der zentralen Probleme der amerikanischen Außenpolitik: zuerst das kaiserliche Deutschland, dann das nationalsozialistische Deutschland, dann das geteilte Deutschland im Kalten Krieg. Und deshalb verstand auch jeder in den USA, warum es wichtig war, Deutsch zu lernen. Heute besteht – Gott sei Dank – dieses Problem nicht mehr. Aber es ist auch schwieriger geworden, Amerikaner davon zu überzeugen, dass Deutsch weiterhin relevant ist, vielleicht sogar noch relevanter als früher, kurz: dass Deutsch eine Weltsprache ist.

Katja Ridderbusch: Wie kann man denn vor allem bei jungen Amerikanern für Deutsch werben?
Stephen Brockmann: Indem man sie dort abholt, wo ihre Interessen sind – Musik, Sport, Jugendkultur. Indem man ihnen die Botschaft vermittelt, dass Deutsch nicht nur schwierig und sperrig ist, sondern auch Spaß macht. Es sind ja oft banale Dinge, die die jungen Leute begeistern: dass Jürgen Klinsmann jetzt Trainer der amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft ist. Dass man in Deutschland mit 18 Jahren in eine Kneipe gehen und Bier trinken kann. Vor allem aber sind die Schüler und Studenten heute viel pragmatischer als früher: Wenn man ihnen vermittelt, welche beruflichen Chancen sich in Deutschland auftun, in einem Land mit enormer Wirtschaftskraft, dann finden sie das sehr überzeugend.

Dan Hamilton: Ich denke, Deutschland muss sich heute stärker als noch vor zwei, drei Jahrzehnten bemühen zu begründen, warum es als Land relevant ist für junge Amerikaner. Und da reicht es nicht mehr aus, auf den Urgroßvater zu verweisen, der irgendwann einmal aus dem Pfälzischen eingewandert ist. Da sind andere Themenfelder wichtig: eben Sport, Musik oder Kultur, selbstverständlich die Wirtschaft, aber auch Umwelt, Wissenschaft und Technologie.

Helene Zimmer-Loew: Die beste Werbung für Deutsch ist ein Aufenthalt in Deutschland selbst, der Kontakt mit Deutschen – entweder über einen Schüler- oder Studentenaustausch, ein Praktikum oder einen Sprachkurs.

Katja Ridderbusch: Wie haben sich die Methoden für das Deutschlernen geändert?
Dan Hamilton: Über Jahrzehnte bewährt hat sich eigentlich die Idee der immersion – also das intensive „Eintauchen“ in die Sprache und Kultur eines Landes, kombiniert mit Aktivitäten, die einen persönlichen Bezug zu den Lernenden haben, sei es nun Fußball, Popmusik oder Politik.

Katja Ridderbusch:… eine Methode, die ja in „Waldsee“ zum Einsatz kommt…
Dan Hamilton: Ja, genau. Das ist wirklich ein deutsches Dorf, in dem die Kinder im Sommer zwischen zwei und vier Wochen lang leben. Sie bekommen einen deutschen Namen, und unsere Währung ist Euro. Die Kinder müssen im Café auf Deutsch bestellen und in Euros bezahlen. Die Kinder lernen also spielend, in einer anderen Welt und in einer anderen Sprache zu leben. Natürlich können sie nicht fließend Deutsch, wenn sie das Dorf verlassen. Aber sie sind hochmotiviert, weiter Deutsch zu lernen, oft über die nächsten 10 oder 20 Jahre.

Katja Ridderbusch: Wie wichtig sind Social Media für den Deutschunterricht?
Helene Zimmer-Loew: Eine tolle Sache, das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Alle unsere Schüler und Studenten sind doch auf Facebook, Twitter oder MySpace. Das müssen wir als Deutschlehrer nutzen, denn es ist vielleicht der einzige Weg, die jungen Leute wirklich zu erreichen.

Stephen Brockmann: Also, für mich sind Social Media kein Wundermittel. Es geht ja auch hier um Vernetzung von Menschen. Soziale Medien können als Ergänzung sehr hilfreich sein, aber sie ersetzen nicht die persönliche Begegnung, den Unterricht, den Austausch. Außerdem fürchte ich, dass die Schüler auf Facebook und Co. ohnehin in Englisch miteinander kommunizieren.

Katja Ridderbusch: Es gibt ja eine Vielzahl von Bildungsbehörden, Fachverbänden, Mittlerorganisationen, die sich alle die Förderung der deutschen Sprache in den USA auf die Fahnen geschrieben haben. Zu viele?
Helene Zimmer-Loew: Nein, auf keinen Fall, es kann nie genug Programme geben. Wobei man auch sagen muss, dass wir als Deutschlehrer in den USA schon ziemlich privilegiert sind. Die deutsche Bundesregierung ist sehr aktiv; es gibt viele Stipendien für Schüler und Fortbildung für Lehrer …

Russell Berman: Aber es wäre dennoch hilfreich, wenn wir eine Art Clearinghouse hätten, eine Organisation oder nur eine Website, die möglichst alle Programme, Profile und Kontaktpersonen vorstellt. Das „Netzwerk Sprachvergnügen“, das im verangenen Jahr gegründet wurde, ist ja schon ein Schritt in diese Richtung.

Dan Hamilton: In Deutschland wird oft auch nicht gesehen, wie viele außerschulische Initiativen zum Fremdsprachenlernen es in den USA gibt, jenseits der bundesstaatlichen, einzelstaatlichen oder kommunalen Programme. Da sollten wir alle, Deutsche und Amerikaner, stärker nach Synergien suchen, Synergien zwischen deutschen und amerikanischen, privat und öffentlich geförderten Initiativen.

Katja Ridderbusch: Wie sieht der moderne, der idealtypische Deutsch-Schüler in den USA aus?
Helene Zimmer-Loew: Jeder sollte Deutsch lernen! Jeder, der nur ein vages Interesse an Deutschland oder an der deutschen Sprache hat.
Russell Berman: Wir sehen eine deutliche Verschiebung in der akademischen Welt. Die Zahl der geisteswissenschaftlichen Abschlüsse in den USA geht stark zurück. Mitte der 60er Jahre machten noch 17 Prozent aller Bachelor-Studenten ihren Abschluss in den Geiseswissenschaften. Heute sind es nur noch sieben Prozent. Für Deutsch heisst das, dass wir noch viel stärker die angehenden Ingenieure, Naturwissenschaftler und Ökonomen ansprechen müssen.

Dan Hamilton: Es gibt ja diese Bewegung in den USASTEM skills, das steht für Science, Technology, Engineering, Math. Das liegt derzeit schwer im Trend in den Highschools, jeder Schulleiter will STEM skills fördern, um die Schüler auf den gobalen Wettbewerb vorzubereiten.

Eva Marquardt: Genau, und eben dort setzt das Goethe-Institut ja auch derzeit mit seiner Förderung an. Hier in den USA unterstützen wir beispielsweise neun Highschools mit Lehrmittelzuschüssen und Schülerstipendien in Deutschland. Eine ganze Reihe dieser Highschools haben einen naturwissenschaftlich-technischen Schwerpunkt. Bei den Hochschulen ist es nicht anders; das Goethe-Institut unterstützt zum Beispiel das Sommerprogramm der University of Rhode Island, die einen besonderen Studiengang mit zwei Hauptfächern anbietet: Deutsch und Ingenieurswissenschaften.

Katja Ridderbusch: Wie wichtig ist das Erbe der deutschen Einwanderung für junge Amerikaner?
Dan Hamilton: Die ethnische Bindung ist sicher noch vorhanden, aber mein Eindruck ist doch insgesamt, dass deren Kraft nachlässt.

Eva Marquardt: Dennoch sollten wir diese Gruppe nicht ganz vernachlässigen. Immerhin kommen 40 Prozent der usprünglichen Einwanderer in den USA aus dem deutschsprachigen Raum. Diese invisible heritage, dieses unsichtbare Erbe, ist ein Schatz, den wir heben und fördern sollten. Ich denke außerdem, dass die jungen Amerikaner das überkommene Deutschlandbild à la Bierfest-Folklore und Lederhosen-Romantik weit hinter sich gelassen haben. Die schauen mit einem neugierigen und oft sehr kreativen Blick auf deutsche Traditionen – mit einer unbelasteten Offenheit, wie es ihre Eltern- und Großelterngeneration auch aus historischen Gründen nicht konnten. Das sollten wir als Deutschförderer durchaus nutzen.

Katja Ridderbusch: Zu guter Letzt: Was ist Ihr Liebingswort im Deutschen – und warum?
Helene Zimmer-Loew: Also, da sage ich doch: „Austausch“. Austausch von Menschen, Ideen, Informationen, Sprachen, Ländern oder Kulturen. Die Idee vom Austausch hat schließlich mein ganzes Leben geprägt.

Stephen Brockmann: „Gemütlichkeit“. Das ist ein sehr beliebtes, sehr positiv besetzes Wort und beschreibt ein typisch deutsches Lebensgefühl, das sich nicht ins Amerikanische übersetzen lässt, ganz einfach, weil es diesen Zustand in den USA so nicht gibt.

Russell Berman: Alle Wörter sind meine Freunde, und ich möchte keines benachteiligen. Als Literaturwissenschaftler wähle ich das Wort „vorausschicken“. Es wird in einer ästhetisch-verhängnisvollen Weise benutzt im ersten Satz von Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“.

Dan Hamilton: Mein bevorzugtes Wort ist „weitsichtig“. Weil fremde Sprachen den Blick in die Welt öffnen und zugleich die eigene Identität schärfen. Es ist so ein bisschen wie bei einem Pferd, dem man die Scheuklappen abnimmt, und die Wahrnehmung weitet sich.

Eva Marquardt: Unter meinen amerikanischen Kollegen scheint das Wort „Tatendrang“ sehr beliebt zu sein. Weil es mehr ist als nur ein schönes, klares, deutsches Wort, sondern ja auch eine sehr deutsche Eigenschaft beschreibt, diese strukturierte und zugleich dynamische Motivation.

Helene Zimmer-Loew ist Leiterin der „American Association of Teachers of German”, des Deutschlehrerverbandes in den USA.

Prof. Russell Berman ist Präsident der „Modern Language Association“, des Fachverbandes für Fremdsprachen in den USA, und lehrt an der Stanford University.

Prof. Stephen Brockmann ist Präsident der “German Studies Association”, des amerikanischen Verbandes für Deutschstudien, und lehrt an der Carnegie Mellon University.

Prof. Dan Hamilton lehrt an der Johns Hopkins University und ist Dekan des „Waldsee German Village/Concordia Language Villages“ in Minnesota.

Dr. Eva Marquardt ist Leiterin der Spracharbeit für Nordamerika beim Goethe-Institut in New York.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Usa, Schule, Deutschland

Debatte

Für einen Neubeginn in Europa

Medium_f42454e0ce

Macron: Und doch war Europa noch nie in so großer Gefahr

"Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg war Europa so wichtig. Und doch war Europa noch nie in so großer Gefahr", schreibt der französische Präsident Emmanuel Macron in einem bewegten Brief an die Bür... weiterlesen

Medium_75ce95026b
von Emmanuel Macron
12.03.2019

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
07.03.2019

Debatte

Wo ist Deutschland?

Medium_843e5373ba

Wird Deutschland „eingesandwiched“ zwischen China und den USA?

Das ist eine interessante Frage, die sich seit einiger Zeit wohl Viele fragen. Eine genauso interessante Möglichkeit der Antwort: Es besteht die Gefahr, dass Deutschland „eingesandwiched“ wird zwis... weiterlesen

Medium_ad7ea38ca5
von Beatrice Bischof
04.03.2019
meistgelesen / meistkommentiert