Wenn unsere Werte uns etwas bedeuten, können wir uns nicht an der Seitenlinie ausruhen. Martti Ahtisaari

Deutschstunde in Harlem

Seit 2008 gibt es die Partnerschulinitiative PASCH. Diese ermöglicht den Schülern u.a. einen Sprachkurs in Deutschland. Ein Besuch an der Partnerschule in New York.

Kia Stroughton und ihre Freundin haben ein Hobby der ganz besonderen Art: Auf dem Heimweg von der Schule reden sie gerne mal Deutsch miteinander, einfach so, und zählen dann, wieviele Leute sich erstaunt nach den beiden Mädchen umblicken.

Kia ist 18 und lebt mit ihrer Mutter in der Bronx. Sie hat gerade ihren Abschluss an der High School for Math, Science and Engineering, kurz: HSMSE, gemacht, einer öffentliche Oberschule auf dem Campus des City College of New York im Stadtteil Harlem. Ein Gebäude wie eine neo-gotische Burg, dunkler Backstein mit wuchtigen Türmen. Innen jedoch regiert die Farbe: Die Heizungsrohre an den Decken und die Wände sind in schrillem Lila gestrichen.

Hier hat Kia Stroughton vier Jahre lang Deutsch gelernt. Die auf Mathematik, Naturwissenschaften und Ingenieurswesen spezialisierte Schule ist die einzige High School in New York, die Mitglied der deutschen Partnerschulinitiative PASCH ist und vom Goethe-Institut betreut wird. Am Anfang habe sie ziemlichen Respekt vor der Fremdsprache Deutsch gehabt, sagt Kia. Aber dann sei ihr klar geworden: „Deutsch ist gar nicht so schwer, wie die meisten Leute denken.“

Die Partnerschulinitiative „Schulen: Partner der Zukunft“ wurde Anfang 2008 vom damaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ins Leben gerufen. Ziel der Initiative ist es, ein weltweites Netzwerk von Partnerschulen aufzubauen und bei den Schülern ein nachhaltiges Interesse am modernen Deutschland und an der deutschen Sprache zu wecken und zu pflegen. 1.500 Schulen in aller Welt sind mittlerweile Mitglied des Netzwerks. Im Jahr 2010 stellte der Deutsche Bundestag 54 Millionen Euro für die Initiative zur Verfügung.

Die High School for Math, Science and Engineering hat ein besonders starkes Deutsch-Programm: 320 von insgesamt 400 Schülern, etwa 80 Prozent also, lernen hier Deutsch. Das war auch der Grund, warum die Schule im Juni 2008 in das PASCH-Programm aufgenommen wurde.
Juliel Espinosa hat zusammen mit Kia seinen Highschool-Abschluss gemacht. Auch er ist 18 Jahre alt, und auch er lebt in der Bronx. Seine Familie kommt aus der Dominikanischen Republik. Er ist ein großer, drahtiger Junge. Um seinen Hals baumelt ein goldenes Kreuz. Zu Hause spricht Juliel Spanisch, in der Schule Englisch. Und seit vier Jahren eben auch Deutsch. „Als ich erfuhr, dass ich Deutsch lernen sollte, war ich ziemlich eingeschüchtert,“ sagt er. „Aber gleich nach der ersten Stunde war für mich klar: Ich packe das. Deutsch, das ist mein Ding.“

Das liegt sicher auch daran, dass der Deutschunterricht an der HSMSE anders ist, authentischer, kreativer, interaktiver. Auch Dank der PASCH-Initiative. Die ermöglichst es der Schule zum Beispiel, neues Unterrichtsmaterial anzuschaffen: Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, CDs und DVDs, DVD-Spieler, Computer, E-Reader und iPods. „Damit kommt ein Stück Deutschland zu uns ins Klassenzimmer“, sagt der Direktor der Schule, William Dugan. Er nimmt regelmäßig an Konferenzen der Direktoren der neun Pasch-Schulen teil, die in Nordamerika vom Goethe-Institut betreut werden. Insgesamt gehören 82 Schulen in den USA zum Netzwerk von PASCH, darunter auch die deutschen Auslandsschulen.
Rosanne Zanetti ist seit 30 Jahren Deutschlehrerin und unterrichtet seit sieben Jahren an der HSMSE: „Das Lernen endet nicht mehr mit dem Läuten der Schulglocke.“ Ihrer Schüler surfen zuhause auf deutschen Websites, schauen auf DVD deutsche Filme an. „Das ist ein tolles Gefühl für einen Lehrer.“

Kernpunkt der PASCH-Initiative sind dreiwöchige Sommersprachkurse in Deutschland für ausgewählte Schüler aus den Partnerschulen in aller Welt. Das sei eine einmalige Chance, vor allem für Jugendliche wie Kia und Juliel, sagt Zanetti. Wie die meisten Schüler der High School for Math, Science and Engineering kommen sie aus Familien, die ihren Kindern keine derartige Reise finanzieren könnten. Auch klassische Austauschprogramme mit Schulen aus anderen Ländern sind an der HSMSE kaum umzusetzen. „Nicht, dass es den Wunsch nicht gäbe“, betont die Lehrerin. „Aber die meisten Schüler leben mit ihren Familien in kleinen Apartments. Da ist kein Platz für einen Gast.“ Hinzu komme, sagt Direktor Dugan, dass die Schulbehörde von New York City eine Reihe von „bürokratischen Widerständen“ gegen Austauschprogramme errichtet habe. „Ganz einfach: Die Stadt will die Verantwortung für die Sicherheit der Austauschschüler nicht übernehmen.“

Umso größer ist die Freude über das Angebot der Partnerschulinitiative PASCH. Neun Schüler der High School for Math, Science and Engineering waren bislang in Deutschland, unter ihnen auch Kia und Juliel. Kia war im Sommer 2009 in Berlin: „Der coolste Ort überhaupt.“ Am Anfang, sagt sie und streicht sich ihre schwarzen Locken aus dem Gesicht, habe sie schon ein bisschen Angst gehabt, ob sie überhaupt ein Wort auf Deutsch herausbringen würde. „Dort waren Jugendliche aus aller Welt, und wir konnten nur Deutsch miteinander sprechen. Aber dann ging es doch ganz einfach.“

Juliel verbrachte im Sommer 2010 drei Wochen in Dresden. Ihn haben vor allem die deutsche Städte fasziniert; „da befindet sich ein ganz alter Stadtteil neben einem brandneuen, mit Shopping Malls und Büros, die noch viel moderner sind als hier bei uns in New York.“

Beide hätten ihre Deutschkenntnisse verbessert, sagen sie, klar. Aber auch sonst haben sie wertvolle Erfahrungen gesammelt. „Ich war noch nie zuvor wirklich weit von Zuhause weg“, sagt Kia. „Die Reise hat mich selbstständiger und unabhängiger gemacht“. Juliel hat einen neuen Blick auf seine Heimat gewonnen, auf seine Familie und seine Freunde in der Bronx. „Ich bin offener, und ich nehme das, was ich habe, nicht mehr für so selbstverständlich.“

Und auch für die Veranstalter ist die PASCH-Initiative eine lohnende Investition. Das Projekt helfe dabei, die von der Bildungskrise in den USA bedrohten Deutschprogramme an den Schulen zu stabilisieren, sagt Peter Rosenbaum, Beauftragter für Bildungskooperation am Goethe-Institut in New York. „Wir wollen, dass die Schüler später an der Uni nicht nur Deutsch weiter studieren, sondern auch Deutschland als Bildungsstandort mit all seinen Möglichkeiten wahrnehmen und für ihre berufliche Zukunft auf dem Radar behalten. “

Mithilfe einer Initiative wie PASCH „erziehen wir an den Schulen künftige Botschafter der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit“, sagt Deutschlehrerin Rosanne Zanetti. „Ob in der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder den Naturwissenschaften: Unsere Schüler werden dafür sorgen, dass Deutsch und das Interesse am modernen Deutschland in den USA auch in Zukunft lebendig bleiben.“

Mission accomplished – Auftrag erfüllt? Kia, Juliel und ihre Freunde an der High School for Math, Science and Engineering in Harlem jedenfalls wollen Deutschland, der deutschen Sprache und Kultur treu bleiben. Juliel will „vielleicht etwas im Gesundheitswesen machen, Krankengymnastik oder so.“ Aber wohin die Reise auch immer gehen werde: „Deutsch wird in meinem Leben eine Rolle spielen“.

Kia will Kinderärztin werden. Und New York, sagt sie, sei schließlich ein Meltingpot. Da gebe es immer die Gelegenheit, eine andere Sprache zu sprechen. „Hier gibt es irische, spanische, italienische – und eben auch deutsche Kinder, die Hilfe brauchen.“

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